Sonntag, 25.10.2020
 
StartseiteHintergrundKeiner will feiern auf der geteilten Insel15.08.2020

60 Jahre Republik ZypernKeiner will feiern auf der geteilten Insel

Am 16. August 1960 wurde Zypern eine unabhängige Republik, nachdem die Mittelmeerinsel zuvor britische Kolonie gewesen war. Doch zum Jubiläum ist auf Zypern niemandem zum Feiern zumute, denn die Insel ist seit 1974 geteilt - und eine Wiedervereinigung nicht in Sicht.

Von Thoman Bormann und Christian Buttkereit

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Graffiti auf einer Wand in Nicosia auf der geteilten Insel Zypern: "Break down the wall" - "Reißt die Mauer nieder" (picture alliance/ Pacific Press/ Sahan Nuhoglu)
Zypern, eine geteilte Insel (picture alliance/ Pacific Press/ Sahan Nuhoglu)
Mehr zum Thema

Zypern-Konflikt Wie ein Nord-Süd-Paar mit der Grenze umgeht

Geteiltes Zypern Unterwegs in der Geisterstadt Famagusta

Mitte August ist es eh viel zu heiß auf der Insel. Deshalb feiern die Zyprer die Unabhängigkeit nicht am Jubiläumstag, sondern am 1. Oktober, wenn sich die Sommerhitze etwas gelegt hat. Aber eigentlich ist den Zyprern überhaupt nicht zum Feiern zumute, sagt Regierungssprecher Kyriakos Koushos im Präsidentenpalast in Nikosia. Er legt die Stirn in Falten und sagt: "Seit 46 Jahren hält die Türkei den Norden unserer Insel besetzt. Solange das so bleibt, gibt es nichts zu feiern. Wir werden sehr glücklich sein, wenn wir diesen Tag in einer vereinten Insel feiern können - ohne Konflikte und ohne irgendwelche Einmischung aus dem Ausland hier auf Zypern."

Der Krisenstaat Zypern, fotografiert aus dem All (imago images / UIG) (imago images / UIG)Eine Insel inmitten internationaler Konflikte 
Wie unter einem Brennglas konzentrieren sich auf der geteilten Mittelmeer-Insel Zypern gleich mehrere Konflikte der europäischen Peripherie, etwa der Streit ums Gas und die Flüchtlingsfrage.

Zypern: seit 46 Jahren eine geteilte Insel. Die Trennlinie mit Stacheldraht und Sandsack-Barrikaden zieht sich mitten durch die Hauptstadt Nikosia und durch die gesamte Insel. Im Norden leben die türkischen Zyprer, im Süden die griechischen Zyprer. Dazwischen wachen Blauhelm-Soldaten der UNO in der sogenannten Pufferzone – einem Landstreifen, der sich 180 Kilometer lang quer durch die Insel zieht und die beiden Volksgruppen voneinander trennt.

Grenzzaun mit Schild in Nordzypern (dpa / picture alliance / Bele Olmez)Die Trennlinie mit Stacheldraht und Sandsack-Barrikaden zieht sich durch die Hauptstadt Nikosia und durch die gesamte Insel (dpa / picture alliance / Bele Olmez)

So ist das nun schon seit zwei Generationen. Eine Wiedervereinigung erscheint allmählich utopisch. Da widerspricht der Regierungssprecher: "Wieso utopisch? Wir werden niemals aufhören, für eine Wiedervereinigung der Insel zu kämpfen."

Professor Hubert Faustmann von der Friedrich-Ebert-Stiftung lebt seit 25 Jahren auf Zypern und meint: "Der Glaube an eine Wiedervereinigung auf der Insel ist momentan wohl niedriger denn je. Selbst die größten Optimisten und bi-kommunalen Aktivisten sind mittlerweile resigniert und frustriert. Es gibt einfach seit dem Scheitern der Verhandlungen 2017 keine vielversprechenden Dynamiken. Weder die griechisch-zypriotische Seite noch die türkische Seite machen den Eindruck, dass sie momentan ernsthaft an einer Lösung interessiert sind - insofern sieht es schlecht aus."

Schriftzug "Your Wall Cannot Divide US" - "Eure Mauer kann uns nicht trennen" - an der Grenze zwischen Nord- und Südzypern, die durch die Stadt Nicosia verläuft (Deutschlandradio/ Manfred Götzke) (Deutschlandradio/ Manfred Götzke)Warten auf Wiedervereinigung oder endgültige Teilung
Die Coronakrise verstärkt die Teilung Zyperns: Checkpoints wurden geschlossen, die Wahlen im Norden verschoben. Sie könnten entscheiden, ob es eine endgültige Teilung oder eine Wiedervereinigung gibt.

Die türkischen Truppen kam im Juli 1974

"Ich werde heute Abend eine Kerze anzünden und Musik spielen – mein trauriges Kyrenia.": Die Vertriebenen des nordzyprischen Hafenstädtchens Kyrenia trauern ihrer Heimat nach. Sie hoffen, nach einer Wiedervereinigung zurückkehren zu können in ihre Häuser. Davon singen sie in ihren Liedern. Aber in diesen Häusern leben jetzt türkische Familien, die die Stadt Girne nennen. Man spricht dort Türkisch, man bezahlt mit türkischen Lira.

Im Juli 1974, als die türkischen Truppen hier an Land kamen, wurden alle griechischen Zyprer aus ihren Häusern verjagt. Niki Pisi, Tochter eines griechisch-zyprischen Vaters und einer deutschen Mutter, war sechs Jahre alt, als plötzlich der Krieg in ihre Heimatstadt kam: "Wir haben die Bombardierung erlebt, als mein Vater meine Cousine getauft hat. Die Kirche bebte damals – daran habe ich sehr starke Erinnerungen. Dann sind wir nach Hause gegangen; wir wurden tatsächlich sehr viel bombardiert, diese Gegend dort und sobald wir dann die Panzerketten gehört haben von den Panzern im Dorf, mussten wir so schnell wie möglich raus."

Geschichten von Gewalt und Vertreibung haben viele Zyprer erlebt – auf beiden Seiten. Hasan Hastürer ist türkischer Zyprer und stammt aus dem Inselsüden. Er war zehn Jahre alt, als Zypern unabhängig wurde. An diesen Tag hat er keine Erinnerungen. Was ihn prägte, geschah drei Jahre später: "Ich bin Sohn einer armen Familie. Bis 1963 hatte ich nie eine nagelneue Hose. Bis dahin musste ich immer die Hosen meines älteren Bruders auftragen. Dann sollte ich eine neue bekommen. Im Dezember wurde begonnen, sie zu nähen, zum Bayram im Januar war sie fertig. Ich probierte sie an und sie saß super. Dann haben die griechischen Zyprer unser Haus angegriffen. Wir mussten fliehen. Auf einem Hügel sahen wir uns um. Das Haus stand in Flammen. Meine Eltern weinten um unser Haus, ich weinte um meine Hose."

Blick auf den Hafen von Girne (Kyrenia) im türkischen Norden Zyperns (picture alliance/ Pacific Press/ Dominic Dudley) (picture alliance/ Pacific Press/ Dominic Dudley)

Unabhängigkeit als Kompromiss

Die Unabhängigkeit der gesamten Insel hatte nur drei Jahre gehalten. Der 16. August sei im Inselnorden deshalb kein Grund zum Feiern, sagt Rasih Resat, Chefredakteur der Tageszeitung "Kibris Postasi" in der türkisch-zyprischen Hauptstadt Lefkosa: "Im Norden bedeutet dieser Tag weniger als nichts."

Anders sei das mit dem 16. August 1974: "Das ist der 46. Jahrestag des Endes der Friedensmission, also der Intervention der türkischen Armee 1974 gegen den griechischen Putsch."

Die Zyperntürken hätten die Unabhängigkeit gar nicht gewollt, sagt Tozun Bahcheli, emeritierter Professor für Politikwissenschaften am Kings College der Universität von West Ontario in Kanada. Er ist Zyperntürke, aber wuchs im heutigen Südteil der Insel auf. Als 1960 die Unabhängigkeit ausgerufen wurde, war er 16 Jahre alt. 

Die von Nationalisten geführte griechische Volksgruppe wollte, dass Zypern ein Teil von Griechenland wird. Die türkischen Zyprer lehnten das ab. Darin stimmten sie mit der britischen Kolonialregierung überein. Später änderten sie ihre Meinung in Richtung einer Teilung. Nachdem die Feindseligkeiten zwischen den Bevölkerungsgruppen fünf Jahre lang andauerten, stimmten Griechenland und die Türkei der Unabhängigkeit als Kompromiss zu."

Erster Präsident wollte Rechte beschneiden

Als 1963 der griechisch-zyprische Erzbischof Makarios als erster gewählter Präsident des Landes mit einer Verfassungsänderung die politischen Minderheitsrechte der türkischen Zyprer beschneiden wollte, eskalierte der Konflikt. Mindestens 350 türkische und 200 griechische Zyprer kamen ums Leben.

Es war das Ende der gemeinsamen Unabhängigkeit, sagt Journalist Rasih Resat: "1963 wurde die türkische Bevölkerung aus der Republik ausgeschlossen. Sie wurden von der übrigen Bevölkerung in Enklaven separiert. Sie lebten wie Flüchtlinge auf ihrer eigenen Insel."

Der Erzbischof Makarios III., damals Präsident der Republik Zypern mit den griechischen Truppen, die bis zur Unabhängigkeit Zyperns die griechische Gemeinschaft auf der Insel verteidigten. (Getty Images / Keystone-France / Gamma-Rapho)Begin des zypriotischen Konflikts: Der Erzbischof Makarios III., damals Präsident der Republik Zypern mit den griechischen Truppen, die bis zur Unabhängigkeit Zyperns die griechische Gemeinschaft auf der Insel verteidigten. (Getty Images / Keystone-France / Gamma-Rapho)

Invasion der Türkei differenziert zu betrachten

Der heute 70-jährige Hasan Hastürer erinnert sich: "Wir kamen dorthin. In einem 100 Quadratmeter großen Haus waren mehr als 70 Leute, es gab kein Licht, keinen Strom. Eines der Kinder sagte: Mama, Milch. - Nein, sagte die Mutter. Mama, Brot. - Nein. Mama, Fleisch! - Nein. Dann will ich jetzt heimgehen. - Nein. Das werde ich nie vergessen." 

Am 20. Juli landeten türkische Truppen auf dem Nordteil der Insel. Was heute oft als aggressive Invasion der Türkei gewertet würde, müsse differenziert betrachtet werden, sagt Rasih Resat, Chefredakteur der nordzyprischen "Kibris Postasi": "Der Auslöser war, dass es einen Militärputsch gab. Griechisch-zyprische Nationalisten setzten Präsident Makarios ab, mit Hilfe von Offizieren aus Griechenland, das damals von einer Militär-Junta regiert wurde. Es begannen blutige Unruhen unter den griechischen Zyprern. Diejenigen, die einen Anschluss an Griechenland wollten und diejenigen die unabhängig bleiben wollten, bekämpften sich gegenseitig. Währenddessen gingen die Massaker an den türkischen Zyprern weiter."

Die Regierung in Ankara berief sich auf ihr Interventionsrecht als Garantiemacht – neben Griechenland und Großbritannien. Der damalige türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit sagte in einem Interview mit der BBC: "Also hatten wir das Gefühl, dass, wenn wir nicht rechtzeitig gehandelt hätten, alles verloren gegangen wäre, nicht nur die Freiheit und Sicherheit der Türken, sondern ganz Zypern, also mussten wir sofort etwas unternehmen."

Seitdem ist die Insel geteilt.

"Wir haben viel gemeinsam gefeiert"

Pafos, das Urlaubsparadies mit langen Stränden, liegt im Südwesten Zyperns, dort, wo heute nur griechische Zyprer leben. Youla Koutsoftides hat das Haus ihres Großvaters zu einem Boutique-Hotel umgebaut. Es liegt dicht am Hamam, dem frisch renovierten türkischen Badehaus. Youla erinnert sich noch, wie es vor 1974 hier in ihrer Heimatstadt war: "Da, in diesem Hamam, waren auch die Griechen-Zyprioten und auch die Türken-Zyprioten zusammen, und überall, auch in unserem Markt hier, wir hatten eine sehr, sehr gute Verbindung, sehr gut."

Pafos war eine so genannte offene Stadt. Die türkischen Zyprer von Pafos lebten nicht eingesperrt in einer Enklave, sondern zusammen mit ihren griechisch-zyprischen Nachbarn. Wir haben viel gemeinsam gefeiert, sagt Youla: "Meistens die Hochzeiten, die waren alle zusammen."

Etwa ein Drittel der Bevölkerung von Pafos gehörte damals der türkischen Volksgruppe an; eine schöne Zeit, sagt Youla: "Ich erinnere mich, weil ich das erlebt habe."

Türkische Zyprer in den Norden gebracht

Dann, nach dem kurzen Zypern-Krieg 1974, holte die türkische Armee alle türkischen Zyprer in den Norden der Insel, damit alle türkischen Zyprer in einem Inselteil vereint und sicher sind. Viele türkische Zyprer aus Pafos aber wollten gar nicht weg aus ihrer Heimat, sagt Youla, doch sie mussten gehen: "Es tut uns weh."

Seit dem Jahr 2003 ist die Grenze zwischen Nord- und Südzypern durchlässig. Seitdem kommen immer mal wieder türkische Zyprer auf Besuch in ihre alte Heimatstadt Pafos. Aber so wie früher, wie in der Kindheit von Youla, als griechische und türkische Zyprer unbeschwert miteinander lebten, so wird es nie wieder werden, auch nicht bei einer Wiedervereinigung der Insel. Youla: "Vereinigung, ich weiß nicht, was Vereinigung ist. Es ist schwer. Es ist sehr schwer."

Die griechische und türkische Fahne.  (imago/Rainer Unkel) (imago/Rainer Unkel)Historischer Konflikt - Die belastete Beziehung zwischen Griechenland und der Türkei 
Das Verhältnis zwischen den beiden Nato-Partnern Türkei un Griechenland ist seit Jahren angespannt - nicht nur wegen der EU-Flüchtlingspolitik.

Türkische Republik Nordzypern nur von Türkei anerkannt

Es scheint, als könne sich niemand auf Zypern vorstellen, wie ein vereintes Zypern funktionieren könnte. Die Trennung ist zum Normalzustand geworden. Im Süden die Republik Zypern, EU-Mitglied und mit dem Anspruch, die gesamte Insel zu repräsentieren; im Norden die international nicht anerkannte Mini-Republik.

Als 1983 die Türkische Republik Nordzypern gegründet wurde, erkannte sie nur die Türkei als Staat an. Das hat sich bis heute nicht geändert. Nordzypern ist weder Mitglied in einer internationalen Organisation, darf keinen internationalen Handel betreiben, noch gibt es direkte Flugverbindungen in andere Staaten als die Türkei.

Von der Unabhängigkeit, die am 16. August vor 60 Jahren ausgerufen wurde, ist nichts mehr übrig, sagt Professor Tozun Bahceli: "Nordzypern ist sehr stark von der Türkei abhängig. Es muss sich auf die Türkei verlassen, wenn es um das wirtschaftliche Wohlergehen und die Verteidigung geht."

Ankara zahlt etwa ein Fünftel des Budgets der nicht anerkannten Republik. Und Ankara nimmt Einfluss. Offiziell sind bis heute mehr als 30.000 türkische Soldaten im Inselnorden stationiert. Tatsächlich schätzen Insider die Truppenstärke auf nur noch etwa 10.000 – aus Kostengründen.

De facto eine türkische Provinz?

Dass zehntausende Türken vom Festland nach Nordzypern umgesiedelt wurden, beäugen die einheimischen türkischen Zyprer mit Argwohn. Viele von ihnen fühlen sich in ihrem Lebensstil den griechischen Zyprern näher, als den Türken.

Ist Nordzypern nicht längst schon de facto längst eine türkische Provinz? Der Außenminister der türkischen Republik Nordzypern, Kudret Özersay, widerspricht: "Dass man einerseits ein Embargo über uns verhängt; andererseits uns aber vorwirft, abhängig von der Türkei zu sein. Das ist nicht fair."

Der 46-jährige Özersay, der im Oktober auch für das Präsidentenamt kandidiert, räumt aber ein: "Tatsache ist, dass unsere Beziehungen gesünder sein müssten, als sie es jetzt sind. Daran muss noch gearbeitet werden."

Gasstreit im Mittelmeer

Das zeigt sich etwa beim aktuellen Streit um fossile Bodenschätze rund um Zypern. Die EU mit Griechenland auf der einen, und die Türkei auf der anderen Seite - die Stimme Nordzyperns ist so gut wie gar nicht zu hören.

"Wenn die Welt einzig und allein der griechischen Seite die Ausbeutung der Bodenschätze erlaubt, dann verschärft das die Zypernfrage. Wenn sie die griechische Seite aber auffordert, darüber Absprachen mit den Zypern-Türken im Norden zu halten, dann würde das einen Beitrag zur Lösung der Zypernfrage leisten."

Özersay weiß, wovon er spricht. Zeitweise war er als Chefverhandler für die Gespräche zu einer Wiedervereinigung beider Inselteile berufen. Bekanntermaßen sind alle Versuche gescheitert. Wer jetzt noch helfen könnte, meint Özersay, sei das Land, das zurzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehabe: "Deutschland ist der mächtigste Mitgliedsstaat der Europäischen Union. Und seit dem Brexit erst recht. Ergo muss Deutschland Initiative zeigen. Und zwar primär nicht für umfangreiche Verhandlungen für eine Lösung der Zypernfrage, sondern was die Ausbeutung der Gasvorkommen anbelangt. Deutschland sollte den griechischen und den türkischen Teil Zyperns an einen Tisch holen."

Wird der Gasstreit nicht gelöst, kann es keine Lösung der Zypernfrage geben. Umgekehrt besteht immerhin eine kleine Chance. Eines ist klar, meint Hasan Hastürer, der als Jugendlicher mit seinen Eltern aus dem Inselsüden vertrieben wurde: Eine gemeinsame unabhängige Republik Zypern, wie sie 1960 ausgerufen wurde, wird es nie wieder geben. "Ist es möglich, die Zeit anzuhalten oder gar zurückdrehen und von vorne zu beginnen? Kann ich jetzt wieder meine Hose von damals tragen? Kann ich jetzt wieder 15 sein und meine Freundin küssen? Nein, das geht nicht."

Die Sache mit der ersten nagelneuen Hose, auf die er so stolz war und die ihm bei der Flucht 1963 abhandengekommen war, hat dann doch noch ein versöhnliches Ende gefunden: "1965/66 habe ich eine neue nähen lassen. Ich fand annähernd den gleichen Stoff."

Das türkische Forschungsschiff "Oruc Reis". (AFP / Ozan Kose) (AFP / Ozan Kose)Gas-Streit im Mittelmeer: Vermittler dringend gesucht
Die östlichen Mittelmeeranrainer streiten um Gasvorkommen, um Hoheitsgebiete und um politische Bündnisse. Die Gefahr einer militärischen Eskalation wächst. 

Neue Probleme: Wegen Corona bleiben die Touristen aus

Wenn sich andere Problem auf Zypern doch auch so einfach lösen ließen. Stattdessen kommen neue Probleme: die Corona-Pandemie. In Nikosia spielen Souvenir-Verkäufer den ganzen Tag Backgammon. Sie hocken auf kleinen Schemeln vor ihren Läden. Sonst haben sie nichts zu tun. Es kommen keine Touristen, denen sie etwas verkaufen könnten.

Darunter leidet die Wirtschaft in beiden Teilen Zyperns. Im Süden, in der griechisch geprägten Republik Zypern, wird jeder fünfte Euro mit dem Tourismus verdient - normalerweise.

Roula Spirou steht vor ihren Schmuck- und Souvenirladen in der Altstadt von Nikosia. Sie stemmt die Hände in die Hüfte und sagt: Diese Saison ist eine Katastrophe. Es sind zwar ein paar Touristen da, aber nicht genug, sagt sie: "Vielleicht zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr."

Die wenigen Urlauber, die nach Zypern kommen, genießen leere Strände wie diese Familie aus Hannover: "Wir sind zum ersten Mal auf Zypern. – Und wie gefällt es Ihnen? – Super. Ziemlich entspannt. Also, es ist so ein bisschen wie Kreta mit Linksverkehr. Wir haben wirklich viele Eindrücke sammeln können und sind sehr angetan."

Linksverkehr – ein Überbleibsel aus der britischen Kolonialzeit – und die Sprache Englisch. Wenn Zyprer heute mit Menschen der anderen Volksgruppe reden möchten, nutzen sie meist Englisch – wie die 27-jährige Andri Christofodis aus Süd-Nikosia. Sie war erst vor drei Jahren zum ersten Mal im anderen Teil ihrer Heimatinsel. "Das hat mir die Augen geöffnet", sagt sie. Seither setzt Andri ihre ganze Kraft für die Aussöhnung der beiden Volksgruppen ein. Sie hat das zu ihrem Beruf gemacht.

Initiative möchte die Volksgruppen zusammenbringen

Andri arbeitet im Home for Cooperation, dem Heim für Zusammenarbeit, in dem meist junge Leute beider Volksgruppen Kinderfeste organisieren oder Workshops anbieten. Viele Zyprer treffen hier zum ersten Mal in ihrem Leben jemanden von der jeweils anderen Volksgruppe.

Das Home for Cooperation liegt auf neutralem Boden, nämlich in der Pufferzone. Niemand muss also in den anderen Inselteil, um hierherzukommen. Davor nämlich, auf die andere Seite zu gehen, schrecken bis heute viele Menschen zurück.

Derzeit ist die Grenze zwischen den beiden Inselteilen eh nicht so durchlässig – wegen unterschiedlicher Corona-Vorschriften. Aber Andri und ihre Mitstreiter leben vor, wie ein Zypern ganz ohne innere Grenze aussehen könnte. Bedeutet ihnen der 60. Jahrestag der Unabhängigkeit Zyperns etwas? Schließlich wurde damals eine Republik für griechische und türkische Zyprer gegründet?

Andri muss kurz überlegen: "60 Jahre. Ich denke, wir konzentrieren uns hier eher darauf, endlich diese Grenzlinie loszuwerden, die Pufferzone und all die Checkpoints - und nicht ein Jubiläum zu feiern."

Die Grenzlinie loswerden klingt nach dem Wunsch einer schnellen Wiedervereinigung Zyperns. Aber da winkt die 27-Jährige ab: "Ich weiß nicht, ob das noch zu meinen Lebzeiten passieren wird. Uns kommt es vor allem darauf an, Menschen zusammenzubringen; Menschen der verschiedenen Volksgruppen. Und selbst wenn das nicht passiert: Die Leute sollen endlich ohne diese schrecklichen Vorurteile gegen die jeweils andere Volksgruppe aufwachsen; sie sollen in den anderen den Menschen sehen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk