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StartseiteKommentare und Themen der WocheAlte Arbeitskämpfe im digitalen Zeitalter21.10.2019

70 Jahre DGBAlte Arbeitskämpfe im digitalen Zeitalter

Seit 70 Jahren kämpfen die Gewerkschaften des DGB um mehr Rechte für Arbeitnehmer. Das hat die Arbeitswelt verändert – Arbeits- und Lebensbedingungen in Deutschland verbessert, kommentiert Volker Finthammer. Und doch gibt es noch viele weiße Flecken.

Von Volker Finthammer

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Bundeskanzlerin Merkel spricht beim Festakt zu 70 Jahre Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB).  (dpa / picture alliance / Bernd von Jutrczenka)
Bundeskanzlerin Merkel beim Festakt zu 70 Jahre Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB). (dpa / picture alliance / Bernd von Jutrczenka)
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Es ist und bleibt ein Jubiläumsjahr, in dem einem die Siebzigjährigen all überall begegnen. Die Republik, das Grundgesetz und heute feiert auch der Deutsche Gewerkschaftsbund. Nicht dass die Gewerkschaften so jung sind, das wäre sicherlich ein falsches Bild, aber die Idee der Einheitsgewerkschaft, die alle Beschäftigten einem Betrieb - vom Hilfsarbeiter bis zum leitenden Angestellten - vertreten soll, prägt die seit 70 Jahren unter dem Dach des DGB versammelten Einzelgewerkschaften, auch wenn die Arbeitsteilung klar geregelt ist.

Mit der klassischen Tarifpolitik hat der DGB nicht wirklich etwas zu tun. Das bleibt den Einzelgewerkschaften vorbehalten. Aber unter dem gemeinsamen Dach werden die grundsätzlichen politischen Linien beraten und festgelegt, etwa in der Arbeitsmarkt und Sozialpolitik, wo der Deutsche Gewerkschaftsbund stärker als alle anderen als der politische Arm der Gewerkschaften fungiert.

Deutschland sähe heute anders aus

Ohne den DGB sähe die Bundesrepublik heute sicherlich anders aus, hat dessen Vorsitzender Rainer Hoffmann heute betont und die Geschichte gibt ihm Recht. In kaum einem anderen Land der EU sind die sozialpartnerschaftlichen Strukturen so ausgeprägt, wie in Deutschland und selbst bei ökonomisch nüchterner Betrachtung waren und sind diese selten ein Hemmschuh, sondern viel stärker ein fundamentaler Beitrag für die fortlaufenden Modernisierungsprozesse in der Wirtschafts- und Arbeitswelt. 

Gerade weil die jeweiligen Anpassungsprozesse zwischen den Sozialpartnern selbst und nicht von Dritten ausgehandelt werden. Allein dieses relative Gleichgewicht der Kräfte ist mit der der EU weiten Arbeitnehmerfreizügigkeit und dem internationalen Wettbewerb ein gutes Stück weit aus den Fugen geraten.

Die Tarifflucht der Unternehmen und ein wachsender Billiglohnsektor sind Ausdruck der neuen Konkurrenzverhältnisse, die auf den ersten Blick für die Unternehmen vieles leichter machen, sich über die Zeit aber als gesellschaftspolitische Last erweisen, weil sich neue Fragen wie der gesetzliche Mindestlohn oder die steigende Altersarmut auftun, über die zuvor kaum gesprochen werden musste.

Gewerkschaften mussten sich neu erfinden

Für die Gewerkschaften kommt ein weiteres Problem hinzu. Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will, dieser Leitspruch der klassisch männlich dominierten Industriegewerkschaft funktioniert in einer zersplitterten und vielfältiger geworden Arbeitswelt immer weniger.

Dem quasi Automatismus, nach dem Eintritt in den Betrieb folgt der Eintritt in die Gewerkschaft, gibt es nicht mehr. Die Gewerkschaften mussten sich da neu erfinden und neue Branchen und Zweige erschließen.

Doch wie die Streiks etwa bei Amazon oder auch bei anderen modernen Dienstleistern zeigen, sind es vor allem die konkreten und oftmals schlechten Arbeitsbedingungen, die die Beschäftigten wieder zusammen führen und gewerkschaftlich organisieren lassen. Den Gewerkschaften geht auch im digitalen Zeitalter die Arbeit nicht aus, auch und gerade weil man die alten Kämpfe erneut führen muss.

Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer, Jahrgang 1963, studierte Politik in Marburg und in Berlin. Nach der Wende erste Radioerfahrungen beim Deutschlandsender Kultur in Ostberlin. Seit 1994 beim Deutschlandradio. Redakteur im Ressort Politik und Hintergrund. Korrespondent im Hauptstadtstudio in Berlin und in Brüssel. CvD in der Chefredaktion von Deutschlandradio Kultur. Seit September 2016 wieder im Hauptstadtstudio in Berlin mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialpolitik.

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