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StartseiteKommentare und Themen der WocheDisruptive Dynamik04.04.2019

70 Jahre NATODisruptive Dynamik

"Das, was im Jubiläumsjahr nach Krise aussieht, kann auch eine große Chance für die NATO sein", kommentiert Bettina Klein. Die NATO könne beweisen, dass offen ausgetragener Streit und offene Diskussionen ein Zeichen von Stärke und nicht von Schwäche sind.

Von Bettina Klein

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Nato-Flagge am 70. Jahrestag der Gründung der Organisation bei einer Zeremonie in Kopenhagen, Dänemark (Claus Bech / imago)
"Die Dinge sind in Bewegung geraten": Die NATO feiert Geburtstag (Claus Bech / imago)
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Es geht um was. Während die Europäische Union sich derzeit im Brexit-Koma hin schleppt, knistert bei der NATO die Luft. Hier soll der "freie Westen" zusammengehalten werden. Oder das, was man politisch nach 70 Jahren noch darunter versteht. Gegen die Feinde von Freiheit und Demokratie – im Innern wie im Außen. Die Spannung ist zu spüren: Dieses Bündnis wird auf seine Belastbarkeit getestet. Wie stark ist der Zusammenhalt? Wie dehnbar das vielbeschworene transatlantische Band? Wird es diesen Stresstest aushalten?

Viele Krisen, viele Chancen

Das, was nach Krise aussieht, kann auch eine große Chance für die NATO sein. Als eines von wenigen Bündnissen weltweit, die sich als Wertegemeinschaft verstehen, kann es beweisen, dass offen ausgetragener Streit und offene Diskussionen tatsächlich ein Zeichen von Stärke und nicht von Schwäche sind. Es kann zeigen, dass es einen Präsidenten überlebt, der als Repräsentant des Hauptfinanziers damit droht, dem Ganzen den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. Unversöhnliche Töne seines Stellvertreters, der mit heiligem Eifer verbal gegen Deutschland zu Felde zieht. Autoritäre Kräfte, die sich angesichts dessen die Hände reiben.  

Die USA erzeugen enormen Druck bei den Verteidigungsausgaben. Aber dass selbst Außenminister Maas ein gewisses Verständnis dafür zeigt, lässt erkennen, wie die Dinge in Bewegung geraten sind. Und dass nicht nur die Argumente Deutschlands bei der Nato Gehör finden, sondern auch umgekehrt.

Natürlich, bei den zwei Prozent Bruttoinlandsprodukt geht es für die Bundesregierung um ganz andere Summen als bei einem Land wie etwa Luxemburg. Das ist aber gerade der Grund, weshalb vor allem Deutschland im Augenblick so unter Beschuss steht. Dem Argument, dass sich nicht gerade die stärkste Wirtschaftsmacht Europas den zwei Prozent verschließen sollte, kann sich Berlin nicht länger entziehen. Und auch in der SPD ist der Kurs nicht einheitlich.

Die derzeitige Dynamik kann helfen

Doch auch wenn Deutschland am liebsten über Deutschland spricht: Es geht um ganz andere Konflikte, denen sich die NATO, und damit auch unser Land dringend stellen muss. Bleibt die Türkei noch als verlässlicher Partner an Bord? Wie stellt man sich gegenüber Russland auf, mit welcher Strategie in Richtung China. Hybride und nichtmilitärische Bedrohungen erfordern Allianzen und die Nato muss so eine sein.

Das erfordert politischen Zusammenhalt und Einsichtsfähigkeit auf allen Seiten. Die derzeitige Dynamik kann dabei nur helfen. Wenn allerdings das Land mit dem größten Verteidigungsetat, die USA, versucht, das Bündnis für seine ureigensten Interessen umzufunktionieren, ist nach 70 Jahren die Axt an die Wurzel dieser multilateralen Organisation gelegt. Daran wird dann auch Stoltenbergs Rede im Kongress nichts ändern.

 

Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein ist Korrespondentin des Deutschlandradio im Studio Brüssel. Zuvor war sie seit 2004 Moderatorin und Redakteurin der aktuell-politischen Sendungen im Deutschlandfunk, davor im Deutschlandradio Kultur. Korrespondentenvertretungen in Washington. Recherche-Jahr in den USA. Volontariat im RIAS Berlin und Studium der Fächer Religionswissenschaften, Geschichte und Politik.

 

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