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StartseiteInformationen am MorgenZensur unpatriotischer Sendungen06.08.2019

70 Jahre Volksrepublik China Zensur unpatriotischer Sendungen

Am 1. Oktober feiert die Volksrepublik China ihren 70. Geburtstag. Bis dahin sollen die staatlich kontrollierten chinesischen Fernsehsender nur patriotisches Programm senden. Denn angesichts politischer und wirtschaftlicher Herausforderungen ist die Regierung verunsichert.

Von Benjamin Eyssel

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Die Flagge Chinas weht im Hintergrund. Im Vordergrund ist Stacheldraht zu sehen.  (AFP / Greg Baker)
Zwei Monate vor den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Volksrepublik China, hat die Regierung die Zensur noch mal verschärft (AFP / Greg Baker)
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Die "Geschichte des Yanxi-Palastes" - eine der beliebtesten historischen Drama-Serien in China. Doch Ende Januar zogen Zensoren kurzfristig den Stecker. Zu viele Intrigen, zu viel Luxus und unchinesisches Verhalten – eine staatliche Zeitung schrieb, die Serie würde die moderne Gesellschaft vergiften. Fernsehsender stoppten die Ausstrahlung. Auch wenn die Serie im Internet weiter zu sehen ist.

Das könnte nun noch weiteren Historien-Dramen drohen, denn die Fernseh- und Radiobehörde will, dass "unpatriotische Sendungen" nun 100 Tage lang nicht mehr ausgestrahlt werden – also bis weit nach dem 70. Jahrestag des Bestehens der Volksrepublik China. Was davon betroffen ist, erklärt Professor Zhang Hong vom Institut für Kulturkritik an der Shanghaier Tongji-Universität:

"Ganz klar nicht mehr gezeigt werden dürfen bestimmte ausländische Shows und Sendungen, die sich mit Geschichte auseinandersetzen. Alte Filme über die Kulturrevolution sind auch verboten, zum Beispiel "Der blaue Drachen" von Tian Zhuangzhuang. Leichte Unterhaltung ist zwar erlaubt, bestimmte TV-Dramen aber, die sich beispielsweise mit der Geschichte der kaiserlichen Familien auseinandersetzen, dürfen nicht mehr ausgestrahlt werden."

Wohlstand und Stärke demonstrieren

Stattdessen sollen patriotische Beiträge gezeigt werden. Die chinesische Fernseh- und Radiobehörde hat eine Liste mit 86 Sendungen an die TV-Stationen geschickt, von denen sie auswählen sollen. Es gehe darum, Wohlstand und Stärke zu zeigen, das Land, die Menschen und Helden zu loben. Auf der Positiv-Liste der empfohlenen Sendungen steht zum Beispiel die Dokumentation "Die Wahl des Volkes" aus dem Jahr 2016. Es geht um die Gründung der kommunistischen Partei.

Dass die Zensur zu bestimmten Anlässen eingreift, sei eigentlich ein gewöhnlicher Vorgang in China, sagt Professor Zhang Hong.

"Wenn wir uns einem wichtigen Datum nähern, werden bestimmte Vorbereitungen getroffen. Dann werden Massen-Propaganda-Sendungen verbreitet. Aber warum fällt uns das dieses Jahr auf? Nun ja, so weitreichend und intensiv ist bislang noch nie eingegriffen worden. Das kann man schon fast mit der Kulturrevolution vergleichen."

Manche Serien, die wohl als zu unpatriotisch galten, sind bereits in den vergangenen Monaten in einer höheren Frequenz ausgestrahlt worden. Beispielsweise sechsmal die Woche, statt wie ursprünglich geplant viermal. Damit sollte wohl verhindert werden, dass Staffeln "zu nah" am Jahrestag noch nicht komplett ausgestrahlt worden sind.

"Technische" Gründe bei Zensur

Auch Filme haben die Zensoren dieses Jahr schon mehrere kurz vor der Ausstrahlung gestoppt. Typischerweise wurden technische Gründe angegeben – wie eigentlich immer, wenn die Zensoren dahinter stecken. Professor Zhang Hong erklärt das mit Nervosität.

"China hat mit mehreren Herausforderungen gleichzeitig zu kämpfen. Das gab es so noch nie. Diese Herausforderungen sind von politischer und wirtschaftlicher Natur. Dazu kommen Umweltprobleme. Alles auf einmal, obwohl sich manches schon angedeutet hatte. Die Regierung ist sich dieser Herausforderungen bewusst. Der 70. Jahrestag der Volksrepublik ist eigentlich ein Feiertag für sie – aber in Wahrheit ist die Regierung äußerst verunsichert."

Das massive Eingreifen der Zensoren zeigt, wie wichtig der 70. Jahrestag des Bestehens der Volksrepublik China für die Staats- und Parteiführung in Peking ist. Freie Presse und freie Meinungsäußerung gibt es in der Volksrepublik China ohnehin nicht. Nun wird die bereits extrem strikte Zensur unter Präsident Xi Jinping noch strenger.

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