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StartseiteInterview70. Jahrestag der Bücherverbrennung09.05.2003

70. Jahrestag der Bücherverbrennung

Elfriede Brüning

<strong>Remme: </strong> Morgen jährt sich ein schwarzer Tag nicht nur der deutschen Literatur zum siebzigsten Mal. Am Abend des 10. Mai 1933 wurden in fast allen deutschen Universitätsstädten unter Rufen wie "Wider den undeutschen Geist" zahlreiche Bücher ins Feuer geworfen: Tucholsky, Kafka, Brecht, Heine, Kästner, nur einige der etwa 150 Schriftsteller, die derart verunglimpft wurden. Ausgangspunkt der Bücherverbrennung: der damalige Opernplatz in Berlin. Dort war es Joseph Goebbels selbst, der die Menge aufpeitschte. In der Menge stand auch Erich Kästner, der seine Bücher in Flammen aufgehen sah. Elfriede Brüning war damals eine noch junge Autorin im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Heute ist sie 92 Jahre alt und durch ihre Bücher vielen Menschen im Osten Deutschlands besser bekannt als im Westen. Ich habe vor der Sendung mit ihr gesprochen und sie zunächst nach ihrer Erinnerung an diesen Abend der Bücherverbrennung gefragt.

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Brüning: Na ja, ich war dabei. Ich bin hingegangen auf den Opernplatz, aber nicht etwa aus Begeisterung oder aus Sensationslust, sondern ich hatte einen ganz bestimmten Grund. Wie Sie schon gesagt haben war ich damals Mitglied im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, zu denen unter anderem Anna Seghers, Johannes R. Becher, Bert Brecht, Friedrich Wolf und viele andere gehörten. Der Bund ist aber sofort nach Hitlers Machtantritt verboten worden. Als wir uns im Februar 1933 noch einmal treffen wollten, fanden wir schon das Gebäude, wo wir tagten, von der SA besetzt. Alle Bücher, die dort lagerten, waren beschlagnahmt worden. Wir mussten uns in alle Winde verstreuen, um nicht verhaftet zu werden.

Remme: Wenn Sie sich noch erinnern: Welches Bild bot sich Ihnen, als Sie damals auf den Opernplatz kamen?

Brüning: Der ganze Platz war vorsorglich von der Polizei und der SA abgeriegelt worden, aber die Menschen strömten durch, drängten bis nach vorne. Da gab es ein freies Viereck, dort war ein Holzstapel aufgetürmt, der von Scheinwerfern beleuchtet wurde. Die Menschen strömten dorthin, und jeder wollte möglichst weit nach vorne kommen, um Genaueres zu sehen. Wer aber keinen Platz mehr ergattern konnte, der klammerte sich an die Eisengitter oder hockte auf Fensternischen oder Laternenpfählen. Vorne am Rednerpult war ein großes Hakenkreuz. Ich erinnere mich, dass da nacheinander junge Leute, also Studenten, Burschenschaftler - alle in SA-Uniform - vortraten, und unter Schmährufen Bücher in die Flammen warfen.

Remme: Ich habe es erwähnt: Erich Kästner war offenbar als einziger der gebrandmarkten Autoren selbst zugegen. Ist Ihnen das seinerzeit aufgefallen?

Brüning: Nein, das weiß ich nicht.

Remme: Zu welchen dieser Schriftsteller hatten Sie denn seinerzeit Kontakt?

Brüning: Wir waren ja alle ganz junge Autoren. Ich war erst Anfang Zwanzig. Wir waren alle am Beginn unserer literarischen Entwicklung. Ich wollte es gerade schon sagen: Wir waren auseinandergerissen worden, weil der Bund verboten wurde. Wir hofften, dass wir uns bei dieser Gelegenheit vielleicht wieder treffen könnten. Ich bin hingegangen, weil ich dachte, dass vielleicht noch andere hinkommen und dass wir wieder Kontakt würden aufnehmen können. So geschah es auch. Wir pickten uns aus der Menge heraus und verständigten uns durch Blicke. Wir trafen uns dann am Ausgang wieder und verabredeten, zusammenzubleiben und uns regelmäßig zu treffen. Wir wollten ja illegal arbeiten, weiterschreiben über das wahre Leben im Dritten Reich. Berichte - Erzählungen, Glossen, Satiren -, die natürlich nur noch im Ausland erscheinen konnten.

Remme: Wie lange ging das gut?

Brüning: Das ging bis Ende 1935 gut. Da wurden alle Berliner Mitglieder durch Verrat eines Spitzels verhaftet.

Remme: Frau Brüning, wenn Sie auf die Jahre zurückblicken: Was bedeutete dieser Abend für Ihre eigene Zukunft als Schriftstellerin?

Brüning: Ich hatte einen sehr guten Anfang. Ich hatte vorher in großen Zeitungen veröffentlicht, wie dem Berliner Tageblatt, der Preußischen Zeitung oder der Frankfurter Zeitung. Vor allen Dingen zuletzt in der Munzenberg-Presse: Berlin am Abend, Berliner Morgen, Rote Post, AIZ. Das war ja alles, gleich nachdem Hitler angetreten war und besonders nach dem Reichstagsbrand Ende Februar, verboten worden. Die Redakteure waren entweder nur entlassen oder gleich verhaftet worden. Es war aus.

Remme: Sie haben ja eigentlich nie aufgehört zu schreiben. War das auch eine Art Triebfeder?

Brüning: Ich habe immer geschrieben. Ich kann gar nicht anders leben, ich muss schreiben. Aber doch: Ungefähr bis 1935 konnte ich noch hin und wieder etwas in der Presse unterbringen, in der Grünen Post oder anderen harmlosen Blättern. Dann wurde es aber immer schwieriger. Es ging dann nicht mehr, und ich fing erst 1945 wieder an. Übrigens ist jetzt gerade ein Buch von mir erschienen. Es heißt "Zeitbesichtigung" und enthält meine Reportagen und Feuilletons aus sieben Jahrzehnten.

Remme: Frau Brüning, wir alle kennen den Satz: "Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende gar auch Menschen." Erhält dieser Satz von Heine erst im Rückblick prophetischen Beiklang, oder waren Sie sich seinerzeit der nahenden Katastrophe bewusst?

Brüning: Nein, dass es soweit kommt, dass man Menschen vergast, das konnte man sich nicht vorstellen. Überhaupt denke ich, dass die meisten, die damals auf dem Platz waren und das ganze als Spektakel, als Volksbelustigung angesehen haben, sich nicht vorstellen konnten, was dann daraufhin in Deutschland geschah.

Remme: Erst jetzt vor wenigen Tagen ist zum ersten Mal eine Liste lieferbarer Bücher dieser "verbrannten" Dichtern erschienen. 104 Autoren stehen auf dieser Liste mit über 500 Werken. Man wundert sich, dass diese Liste erst so spät zusammengestellt wird, oder? Ist das überfällig?

Brüning: Allerdings, ja.

Remme: Auf der Liste sind 79 Autoren aufgeführt, von denen keine Bücher neu aufgelegt sind. Glauben Sie, wir gehen mit diesem literarischen Erbe etwas leichtfertig um?

Brüning: Ich weiß nur, dass es in jetzt in Rostock einen kleinen Verlag gibt, der sich die Aufgabe gestellt hat, diese Bücher, die damals verbrannt wurden, wieder herauszubringen. Das finde ich sehr lobenswert.

Remme: Sie sind - ich sagte es - 92 und an diesem Wochenende anlässlich des Jahrestages gleich an zwei Orten - ich glaube in Berlin und in Lübeck - aktiv. Frau Büning, warum tun Sie das noch?

Brüning: Ich halte das für meine Pflicht. Die Jugend weiß nichts von der damaligen Zeit. Ich freue mich, dass ich die Gelegenheit habe, ihnen doch etwas aus dieser Zeit noch herüberzubringen.

Remme: Glauben Sie, das ist so, wenn Sie mit Jugendlichen sprechen, dass da erschreckende Lücken klaffen?

Brüning: Ja, unbedingt. Ich habe ja jetzt schon einige Veranstaltungen gehabt, und es ist doch ein großes Interesse da.

Remme: Was fällt Ihnen im Gespräch mit jungen Menschen auf?

Brüning: Vor allen Dingen, dass sie sich überhaupt nicht vorstellen können, was die Diktatur im Dritten Reich bedeutet hat. Es wurde ja oft gesagt, auch in der DDR habe es solche Diktatur gegeben. Es ist überhaupt nicht zu vergleichen. In der DDR konnte man meckern, konnte seine Meinung sagen, konnte wirklich kritisieren. Im Dritten Reich hatten wir alle einen Maulkorb. Man durfte nichts sagen, kein abfälliges Wort vielleicht über Hitler, den Führer oder so. Das kann man sich nicht vorstellen. Ich bin zum Beispiel jetzt kürzlich von Jugendlichen, denen ich von dem Tag erzählt habe, gefragt worden, ob es denn niemand gegeben habe, der dagegen war. Man hätte sich ja gar nicht mucksen dürfen. Man wäre sofort verhaftet worden .

Remme: Frau Brüning, sehen Sie die Gefahr, dass wir mit wachsendem Abstand vergessen, was da geschehen ist?

Brüning: Ich hoffe nicht.

Remme: Das war Elfriede Brüning, die Schriftstellerin und Zeitzeugin anlässlich des Jahrestages der Bücherverbrennung.

Link: Interview als RealAudio

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