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StartseiteKalenderblatt"1984" - vom Großen Bruder und der Gedankenpolizei21.01.2020

70. Todestag von George Orwell "1984" - vom Großen Bruder und der Gedankenpolizei

George Orwells 1949 erschienener Roman "1984" gilt bis heute als wirkmächtigster Warnruf vor einem totalen Überwachungsstaat. Der Stoff beruhte auf biografischen Erfahrungen des Autors, der als Polizist in Burma arbeitete. Dort habe er "die Drecksarbeit des Empires" erledigen müssen, wie er später notierte.

Von Christian Linder

George Orwell sitzt an einem Mikrofon der BBC und blickt in die Kamera. (imago / Leemage)
George Orwell bei der BBC (imago / Leemage)
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Big Ben klang vertraut wie immer, aber ansonsten war London eine fremde Stadt geworden. An jeder Straßenecke und Häuserfront erblickte der 39-jährige Winston Smith, als er an einem kalten Apriltag im Jahr 1984 von seiner Arbeit im "Ministerium für Wahrheit" nach Hause ging, auf einem Plakat das "ein Meter breite Gesicht eines etwa 45-jährigen Mannes mit wuchtigem schwarzem Schnurrbart". Darunter die Warnung:

"Der Große Bruder sieht dich."
Auf anderen Plakaten die drei Parolen der Partei:
"Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke."
Nicht nur in seinem Büro und in Parkanlagen, sogar in seiner Wohnung hörte Smith Tag und Nacht auch eine Lautsprecherstimme:
"Sie kam aus einer Metallplatte, die wie ein blinder Spiegel in die Wand eingelassen war … Man konnte das Gerät zwar leiser stellen, aber ganz ausschalten ließ es sich nicht …"

John Hurt in einer Szene des Films "1984" nach George Orwell (Regie: Michael Radford) (imago)John Hurt in einer Szene des Films "1984" nach George Orwell (Regie: Michael Radford) (imago)

Wissend um die Macht der Gedankenpolizei, vertraute Winston Smith seinen inneren Widerstand gleichwohl einem Tagebuch an und schrieb an imaginäre Leser:
"Grüße! – aus dem Zeitalter der Uniformität, aus dem Zeitalter der Einsamkeit, aus dem Zeitalter des Großen Bruders … – Grüße!"

Polizist, Gelegenheitsarbeiter, Clochard, Autor

Die wirklichen Leser von George Orwells 1949 erschienenem Roman "1984" gerieten sofort in Alarmstimmung – bis heute gilt das Buch als wirkungsmächtigster Warnruf vor einem totalen Überwachungsstaat. Der Stoff beruhte dabei auf lebensgeschichtlichen Erfahrungen des Autors. Geboren 1903 unter dem bürgerlichen Namen Eric Arthur Blair als Sohn eines englischen Kolonialbeamten in Indien, arbeitete er, nach der Schulzeit in England, von 1921 bis 1927 ebenfalls in der Kolonialverwaltung, als Polizist in Burma – er habe "die Drecksarbeit des Empire" erledigen müssen, notierte er später. Zurück in Europa lebte er als Gelegenheitsarbeiter und Clochard in Paris und London und schrieb über diese Erlebnisse sein erstes, 1933 erschienenes Buch: "Down and Out in Paris and London". Da war aus Eric Arthur Blair George Orwell geworden, den es als politisch links außen stehenden Beobachter der Zeitläufte 1936 in den spanischen Bürgerkrieg trieb.

Wandbild von "Big Brother": Szene aus der britischen Verfilmung von George Orwells "1984" in den 1950er-Jahren.  (imago / United Archives )Wandbild von "Big Brother": Szene aus der britischen Verfilmung von George Orwells "1984" in den 1950er-Jahren. (imago / United Archives )

"Animal Farm" - Kritik am Verrat der russischen Revolution

Natürlich wollte er den Kampf gegen die Faschisten auch gewinnen. Stattdessen erlebte er aber den Verlust seines Glaubens an die "große Revolution", als man sich innerhalb des linken Lagers aus ideologischen Gründen bis aufs Blut zu bekämpfen begann – die gleichzeitig von Stalin befohlenen Moskauer Schauprozesse offenbarten Orwell den ganzen Hintergrund des Geschehens. Später, in seiner als anti-stalinistischen Satire konzipierten und 1945 erschienenen Fabel "Animal Farm" geißelte er den Verrat der russischen Revolution getreu der gewonnenen Einsicht:

"Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören möchten."

Die Schauspieler Richard Burton und John Hurt in der Verfilmung von "1984". (imago/United Archives International)Die Schauspieler Richard Burton und John Hurt in der Verfilmung von "1984". (imago/United Archives International)

Gehirnwäsche und Verrat an der Liebe

George Orwell hat viel und Verschiedenartiges geschrieben, neben Prosa und Essays auch Reportagen für Zeitungen und die BBC. Aufgrund seiner angegriffenen Gesundheit durch eine früh diagnostizierte Lungentuberkulose gab er seine journalistische Arbeit auf und zog sich 1947 in einen halbverfallenen Bauernhof auf der schottischen Hebrideninsel Jura zurück und schrieb seinen Roman "1984". In dem perfekten Überwachungsstaat kommt Winston Smiths Verfassen eines Tagebuchs ebenso ans Tageslicht wie seine verbotene Liebesbeziehung zu der Arbeitskollegin Julia – die er zur Rettung seines eigenen Lebens in einem brutalen Verhör verrät. Durch eine Gehirnwäsche als Mensch neu formatiert, ist seine alte Person dadurch ausgelöscht worden. Hier der Schluss einer frühen Hörspielfassung:

Erzähler: "Der Große Bruder sieht ihn an. Die dunklen Augen bohren sich tief in Winstons Blick.
Winston Smith: "Ich liebe den Großen Bruder!"

Das Leben und Schreiben im kalten Bauernhof auf Jura hatte die Gesundheit George Orwells weiter zerstört. Kurz nach Erscheinen des Romans starb er am 21. Januar 1950. Er wurde nur 46 Jahre alt.

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