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StartseiteKommentare und Themen der WocheHolocaust ist konstituierend für unsere Gegenwart26.01.2020

75 Jahre Auschwitz-BefreiungHolocaust ist konstituierend für unsere Gegenwart

75 Jahre sind seit Ende der Schoah vergangen, doch der Holocaust ist immer noch konstituierend für unsere Existenz und unser Selbstverständnis, kommentiert Johanna Herzing. Egal wie das Gedenken aussehe, es gehe immer auch um menschliches Zusammenleben und Handeln - das Wesen des Mensch-Seins.

Von Johanna Herzing

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Die Hall of Names in der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem. (dpa/picture-alliance/Michael Kappeler)
In der Gedenkstätte Yad Vashem wird an den Holocaust erinnert (dpa/picture-alliance/Michael Kappeler)
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Geschichte, das wird in diesen Tagen wieder einmal deutlich, Geschichte ist nichts Abgeschlossenes, kein Beweisstück, das für immer gesichert in der Asservatenkammer liegt. Mit Geschichte wird Politik gemacht, seit Urzeiten, und so wird es wohl auch bleiben.

Ist das schlimm? Oft genug, ja. Geschichte so zu deuten, wie sie einem gerade innen- und außenpolitisch zu Pass kommt, ist unaufrichtig. Polen eine Mitschuld am Zweiten Weltkrieg zuzuschreiben, wie Russlands Präsident Putin es unlängst getan hat, das ist geschmacklos und geschichtsklitternd. Es waren Hitler und Stalin, die Ostmitteleuropa 1939 untereinander aufteilten. Es war die rassistische Ideologie und der Antisemitismus Hitlers, der Nazis und der Deutschen, die Europa – und insbesondere Ostmitteleuropa in einen Friedhof verwandelten.

Streit zwischen Russland und Polen - Es geht um "die Herrschaft über die richtige Geschichtserzählung" 
Polen sei im Zweiten Weltkrieg vor allem Opfer gewesen, sagte der Historiker Peter Oliver Loew im Dlf. Die Vorwürfe von Wladimir Putin seien aus Sicht der Geschichtswissenschaft Humbug. Beim Streit zwischen Russland und Polen gehe es um die Deutungshoheit über die richtige Geschichtserzählung.

Dass Putin diesen zentralen Fokus zuletzt aufgegeben und sich anderen historischen Details zuwendet hat, ist kalt berechnet und unverantwortlich.

Zwar ist es vielleicht besser, die Öffentlichkeit setzt sich mit solchen Thesen auseinander und widerlegt sie, als dass sie nur halboffen geäußert werden und dann ein Eigenleben entwickeln. Und doch ist Putins Zündelei gefährlich.

Auch, weil er damit etwa denjenigen hierzulande hilft, die ohnehin gern von deutscher Schuld und Verantwortung ablenken wollen oder diese ganz verleugnen. Gut, dass Frank-Walter Steinmeier bei seiner Ansprache in diesem Punkt unmissverständlich war: "Das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte", so der Bundespräsident, - "es wurde von meinen Landsleuten begangen." Und er machte deutlich, dass Deutsche nicht immun sind.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (picture alliance / Newscom picture alliance / UPI Photo / Abir Sultan )Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (picture alliance / Newscom picture alliance / UPI Photo / Abir Sultan )

Doch welche Bedeutung kommt der Feier in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem in seiner Gesamtheit zu und welche der noch ausstehenden feierlichen Veranstaltung in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau?

Ganz unabhängig von der Frage, welcher der geeignetere Ort für das Gedenken ist: Beide Veranstaltungen sind wichtige Symbole. Sie zeigen uns allen, der Welt, wie konstituierend der Holocaust für unsere Gegenwart, für unsere Existenz, für unser Selbstverständnis ist. Als Deutsche, aber auch als Europäer, und vor allem als Menschen. Das mögen nicht alle Zeitgenossen gleichermaßen so sehen oder empfinden. Gerade deshalb ist es wichtig, dass die Staats- und Regierungschefs dies öffentlich bekunden – in Israel, wie in Polen.

Vielfältiges Gedenken

Man kann das Zeremonielle, das kollektive Erinnern mit den immer ähnlichen Reden, mit Kranzniederlegung und rührseliger Musik als starr kritisieren und fragen, was es bewirkt, wen das erreicht. Überdecken Protokoll und politische Seitenhiebe echtes Erinnern? Für manche der Ansprachen in Yad Vashem mag das gelten. Die Warnungen Netanjahus und Pence' mit Blick auf den Iran, waren erwartbar. Putins Hinweis auf nicht-deutsche Nazi-Kollaborateure war für seine Begriffe fast schon dezent.

Doch das Gedenken ist vielfältig. Im Museum Auschwitz-Birkenau wird die anstehende Gedenkfeier anders ausgerichtet: Die Überlebenden werden im Mittelpunkt stehen, Politiker, Staats- und Regierungschefs sollen dann vor allem zuhören. Sie, die Opfer, bringen uns nahe, worum es eigentlich geht, wenn wir heute gedenken: Es geht um Menschenleben, um menschliches Zusammenleben und menschliches Handeln, es geht um das Wesen des Mensch-Seins, um Menschlichkeit an sich. Was haben Nazis, Deutsche, was haben Menschen anderen Menschen angetan? Warum war das möglich?

Wer sich darauf konzentriert, darüber nachdenkt, hat die Antwort auf die viel gestellten Fragen: Wie halten wir die Erinnerung an die Schoah wach? Wie verhindern wir, dass jüngere Generationen vergessen oder sich dafür schlicht nicht interessieren? Wie verhindern wir, dass Menschen – egal wo auf der Welt – ihr Menschsein aufgeben und sich bestialisch verhalten? Das ist in der Essenz so viel bedeutsamer als es die geschichtspolitischen Provokationen sind, mit denen mancher Staatschef meint glänzen zu können.

Johanna Herzing (Deutschlandfunk – Hintergrund)  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Johanna Herzing (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Johanna Herzing studierte Osteuropäische Geschichte und Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und der Universität Warschau. Stationen u. a. in verschiedenen Online-Redaktionen, Volontariat beim Deutschlandradio. Seit 2011 als Redakteurin, Moderatorin und Autorin in der Abteilung "Hintergrund" beim Deutschlandfunk. Alumna des Marion Gräfin Dönhoff-Journalistenstipendiums und des EU Journalism Fellowship in Brüssel.

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