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StartseiteKalenderblatt75 Jahre Deutsches Hygiene-Museum in Dresden16.05.2005

75 Jahre Deutsches Hygiene-Museum in Dresden

Reichstagspräsident Paul Löbe hielt ein Rede, Reichsinnenminister Joseph Wirth sprach in Vertretung des verhinderten Reichspräsidenten von Hindenburg - die halbe Staatsspitze ließ sich blicken, als vor 75 Jahren in Dresden das Deutsche Hygiene-Museum eingeweiht wurde. Ein deutliches Zeichen dafür, dass diesem ungewöhnlichen Haus auch eine durchaus staatstragende Rolle zugedacht war. Heute verfügt es über eine weltweit einzigartige Sammlung von historischen Alltagsgegenständen, Plakaten und anatomischen Modellen; manche davon faszinierten die Menschen früher ähnlich wie heutzutage die Menschen-"Plastinate" eines Gunther von Hagens. In seiner Geschichte sah sich das Museum aber mehr als einmal genötigt, ganz von vorn anzufangen.

Von Irene Meichnser

Junge Besucher im Deutschen Hygiene-Museum (AP)
Junge Besucher im Deutschen Hygiene-Museum (AP)

" Ja, wir sind auf jeden Fall zufrieden. Das Haus sieht wunderbar aus, es ist weiß, es ist strahlend - es steht wie ein Ozeandampfer in einer grünen Wiese, in einem herrlichen Park wieder. Es ist so, wie es eigentlich 1930 von Wilhelm Kreis, dem ursprünglichen Architekten, erbaut worden ist."

Es hat also geklappt, Direktor Klaus Vogel freut sich zu Recht. Nachdem pünktlich zum Jubiläum die Generalsanierung nahezu abgeschlossen ist, kann sich das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden wieder sehen lassen. Viel Platz gibt es auch für die Sonderausstellungen, mit denen dieses Haus seit jeher von sich reden machte. So kamen fünf Millionen Besucher zur großen "Internationalen Hygiene-Ausstellung", die gleich mit der Einweihung des neuen Gebäudes am 16. Mai 1930 ihre Tore öffnete.

" Der Besuch war so stark, dass der Eintritt oft stundenlang gesperrt werden musste,"

schrieb ein zeitgenössischer Beobachter.

" Geduldig warteten die Besucher, bis sie in die Halle eintreten konnten."

Drinnen empfing sie die Hauptattraktion: der "gläserne Mensch", eine lebensgroße Figur aus transparentem Kunststoff, die Blutbahnen, Nerven und Organe bis in feinste Details sichtbar machte. Und den Menschen damit buchstäblich durchschaubar erscheinen ließ. Wie im Gebet hob sie ihre Arme zum Himmel, in einer fast sakralen Atmosphäre, wie sich ein Museumsmitarbeiter später erinnerte:

" Wenn dann der Raum vollkommen dunkel wurde, die inneren Organe, angefangen mit dem Herzen, nacheinander aufleuchteten, eine melodische Stimme von einer Grammophonplatte prägnante Erklärungen gab, waren die Besucher fasziniert von der "einsichtigen' Wiedergabe des menschlichen Körpers."

Aufklärung über Körperfunktionen als Vehikel zur Beförderung kollektiver "Volksgesundheit": Der Gedanke, der dem Museum zugrunde lag, stammte von Karl August Lingner. Er hatte ein Vermögen mit "Odol", dem legendären Mundwasser, verdient und 1911 in Dresden schon einmal eine "Internationale Hygieneausstellung" organisiert. Geschickt nutzte er die Furcht vor den gerade erst entdeckten Bakterien zur hygienischen "Volksbelehrung". Millionen Besucher kamen - auch wenn sich nicht alle gleichermaßen freudig zu einer gesunden Lebensführung anhalten ließen.

" Geruch nach Ethik und Religion, penetrant wie der Geruch von Kampfer oder Kamillentee,"

notierte der Schriftsteller Hermann Kesten nach dem Besuch einer der vielen Wanderausstellungen, mit denen sich der lange Zeit heimatlose Museumsverein zunächst über Wasser hielt. Erst 1927 wurde mit dem Bau des heutigen Museums begonnen; architektonisch ein Höhepunkt der "Neuen Sachlichkeit" mitten im barock geprägten Dresden. Immer wieder wurde das Haus für politische Zwecke eingespannt - manchmal mit ganz simplen Mitteln. So wurde allen Erwachsenen geraten, sich ab 40 einem jährlichen Gesundheitscheck zu unterziehen - anfangs noch ein Appell an den einzelnen, um seine Gesundheit besorgten Bürger:

" Jedes Auto wird regelmäßig durchgesehen. Das findet jeder selbstverständlich. Warum findet er es nicht selbstverständlich, dass die viel kompliziertere Maschine seines Körpers durchgesehen wird?"

Kaum waren die Nazis an der Macht, las man - fast schon drohend - an derselben Stelle:

" Gesundheit ist Pflicht! Eine Maschine bedarf ständiger Wartung und Pflege, um leistungsfähig zu bleiben. Sorge Du durch ein vernünftiges gesundheitsgemäßes Leben dafür, dass Du Deine Leistungsfähigkeit bis ins Alter Dir bewahrst."

Laut Satzung von 1935 sollte das Museum fortan

" das Verständnis für das bevölkerungspolitische Programm der NSDAP und damit des nationalsozialistischen Staates wecken."

Und später in der DDR:

" dem Besucher veranschaulichen, dass nur das sozialistische Gesundheitswesen eine umfassende gesundheitliche Betreuung aller Bürger gewährleistet."
Nach der Wende galt es ein weiteres Mal, sich neu zu erfinden.

" Das Deutsche Hygiene-Museum war ein Museum, ist ein Museum, das in allen deutschen Gesellschaftssystemen des 20. Jahrhunderts eine Rolle gespielt hat - und nicht immer eine gute. Insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus, als dieses Haus eine rassehygienische Propagandastätte war: die rassehygienische Propagandastätte im Deutschen Reich. Diese Geschichte ist bisher zu wenig aufgearbeitet. Wir haben uns vorgenommen, anlässlich des Jubiläums unseres Hauses "75 Jahre DHM am Lingnerplatz", die Geschichte mehr in den Blick zu nehmen."

Also Aufbruchstimmung in Dresden. Leben und Sterben, Essen und Trinken, Denken und Lernen, Liebe und Sex - heute will das Deutsche Hygienemuseum das menschliche Dasein in all seinen Facetten illustrieren, ohne dabei, wie früher, den moralischen Zeigefinger zu erheben.

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