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StartseiteKalenderblattArchitekt und Designer des Jugendstils02.10.2016

75. Todestag von Albin MüllerArchitekt und Designer des Jugendstils

Er war Sohn einer Handwerkerfamilie aus dem Erzgebirge – und brachte es zum Leiter der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt. Das Wahrzeichen Magdeburgs ist bis heute ein Aussichtsturm, den Albin Müller als Architekt im Stil der Neuen Sachlichkeit erbauen ließ. Heute vor 75 Jahren starb Albin Müller in Darmstadt.

Von Jochen Stöckmann

Die Mathildenhöhe in Darmstadt (Hessen), fotografiert aus der Vogelperspektive am 07.07.2014. Das parkähnliche Gelände im Zentrum von Darmstadt gehört zu den markantesten Wahrzeichen Hessens. (dpa / picture alliance / Boris Roessler)
Albin Müller war Leiter der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt. (dpa / picture alliance / Boris Roessler)
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"Herrlich war es, wenn ich die Kühe hüten durfte. Dann lag ich auf dem Bauche über meinem Buch. Lesehunger und Wissensdrang waren groß. Ich konnte alles Angelesene aufstapeln und zur rechten Zeit anwenden und wieder ausmünzen."

"Anwenden und ausmünzen" wurde zum Leitmotiv für Albin Müller, 1871 geboren im Erzgebirge: In seiner Lehrzeit zeichnete der Tischler komplette Wohnungseinrichtungen, verkaufte diese Entwürfe an Möbelfirmen – und finanzierte damit sein Studium. Auch als Gewerbelehrer in Magdeburg bildete er sich selber fort: zum Architekten. Und wurde 1906 berufen zum Leiter der Darmstädter Mathildenhöhe. Damit war Albin Müller angekommen im Zentrum der Jugendstil-Designer, die damals noch "Gestalter" hießen.

"Van de Velde, Riemerschmidt, Bruno Paul, Peter Behrens – als Gestalter alles Autodidakten in der Werkbundbewegung. Und Jugendstil, wo eben sehr früh ein Kontakt zwischen industrieller Produktion und den Gestaltern gesucht wurde – also, die Bauhausmoderne kommt ja nicht von ungefähr."

Kritik an Gesamtkunstwerken von der Stange

Tobias Hoffmann, Direktor des Berliner Bröhan-Museums, demonstriert diese Entwicklung an einem Porzellanservice von Albin Müller, dem Modell "Professor Müller". Das Design des streng und sparsam verzierten Tafelgeschirrs erfüllte die Erfordernisse der Industrieproduktion – und traf den Geschmack der anbrechenden Moderne:

"Versachlichung der Form, Geometrisierung. Und das kann man, glaube ich, durchaus als ein Vorläuferobjekt einer Gestaltung sehen, wie sie das Bauhaus Anfang der Zwanzigerjahre praktiziert hat."

Am Ende aber war die nüchterne und klare Bauhaus-Linie nichts für den Gestalter, der seit 1917 unter dem Künstlernamen "Albinmüller" firmierte. 1910 errang der Inneneinrichter auf der Weltausstellung in Brüssel mit einem "Herrenzimmer" die Goldmedaille. 1914 wurde der Architekt und Designer einer Mustersiedlung auf der Darmstädter Mathildenhöhe weithin gelobt. Doch dann regte sich 1920 Kritik an seinen Gesamtkunstwerken von der Stange:

"Man wird den Eindruck nicht los, dass diese  Schöpfungen … mit Vorsatz ersonnen seien, wenn Albinmüller zum Beispiel an kubisch schön geformten Bauten das Volutenpaar des ionischen Kapitells auf den Kopf stellt und dreifach übereinandersetzt."

Wahrzeichen Magdeburgs

Der manchmal recht eigenwillige Zierrat prägte auch Albinmüllers patentierte Holzbauweise. Die Idee dazu hatte der Architekt 1905 mit einem aufgeständerten Einmann-Häuschen für Lufttherapie in einem Sanatorium. Nach 1918 polemisierte er zwar vehement gegen die "Volksbeglückung" durch "Wohnmaschinen". Andererseits war aus seiner Holzklause 1922 in Zusammenarbeit mit einem Industrie-Unternehmen der Prototyp vorfabrizierten Bauens geworden. Anna Grosskopf, Kuratorin am Bröhan-Museum:

"Das spricht auch dafür, dass er an dieser Siedlungsbauthematik durchaus involviert war nach dem Ersten Weltkrieg. Also in dieser Holzbauten-Architektur hat er ja eigentlich überdauert als Gestalter. Stärker vielleicht als in den Objekten."

Unter den Design-Objekten finden sich gusseiserne Leuchter oder üppig ziselierte Bierkrüge. Auch das gehörte – bis 1914 – zum Jugendstil. Im Expressionismus der Nachkriegsjahre aber waren ähnliche Auswüchse Albinmüller nicht geheuer:

"Effekthascher, fixe Kunstgewerbler und betriebsame Ornamentzeichner verzerrten ihn. Gleichzeitig ging von sensationslüsternen Architekten die Parole aus, Häuser bunt anzustreichen. Bruno Taut, kurze Zeit in Magdeburg Stadtbaurat, machte den Anfang und dieser unnatürliche, meist widerwärtige Farbentaumel grassierte wie eine Epidemie."

Ausgerechnet in dem für seinen "Farbentaumel" gescholtenen Magdeburg erglühte 1927 die "Gralsburg". So nannte Albinmüller selbst den von ihm errichteten Aussichtsturm für die "Deutsche Theater-Ausstellung": ein schlankes Beton-Viereck, sechzig Meter hoch, gekrönt von einer eleganten Glaskonstruktion und illuminiert mit – farbigem Licht. Mit seinem "angeborenen Sinn für Romantik" hatte Albinmüller – der am 2. Oktober 1941 in Darmstadt starb – die eigenen Gestaltungsgrundsätze beiseitegelassen. Mit Erfolg. Seine Architektur wurde zum Magdeburger Wahrzeichen und heißt seit 2012 offiziell: Albinmüller-Turm.

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