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StartseiteKalenderblatt8.7.1919 - Vor 85 Jahren08.07.2004

8.7.1919 - Vor 85 Jahren

Walter Scheel, Alt-Bundespräsident geboren

Auf fast allen Photos lächelt oder lacht er, und kaum ein Artikel über ihn, in dem er nicht als "rheinische Frohnatur" bezeichnet würde. Kein Wunder: Als deutsche Politiker noch glaubten, Welt und Wählern stets ein sorgenvolles Gesicht zeigen zu müssen, erweckte dieser Walter Scheel längst den Eindruck, sich ständig an einem unversiegbaren Born der Heiterkeit zu laben. Nur dass sich unter der Maske der Lebensfreude eine zuweilen überraschende Härte verbarg und dass vielleicht just Walter Scheel einer der wirkungs-mächtigsten Politiker der deutschen Nachkriegsgeschichte wurde. Nur schwer denkbar jedenfalls, dass es ohne ihn und seine FDP in den frühen 70er Jahren zu einer neuen Ost- und Deutschlandpolitik der damaligen Bundesrepublik gekommen wäre, und nicht gut zu bestreiten, dass ohne diese Ost- und Deutschlandpolitik in Berlin womöglich immer noch die Mauer stünde.

Von Claus Menzel

Alt-Bundespräsident Walter Scheel (AP)
Alt-Bundespräsident Walter Scheel (AP)

Dabei war die Karriere des Stellmacher-Sohns aus Höhscheid bei Solingen zunächst ganz so verlaufen wie die so vieler seine Altersgenossen, die dem Drittem Reich als junge Offiziere gedient hatten und bei Kriegsende vor den Trümmern ihrer missbrauchten Ideale standen. 1946, da war er 27 Jahre alt, trat Walter Scheel der FDP bei, von 1953 an war er Bundestagsabgeordneter und 1961 Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit in der letzten Regierung Konrad Adenauers. Anders aber als die meisten seiner Parteifreunde, für die schon auf dem Arbeitnehmerflügel der CDU der Bolschewismus begann, erkannte Scheel bald den Segen, den ein Bündnis aus fortschrittlichem Bürgertum und Sozialdemokratie für die politischen Kultur der jungen Bundesrepublik bedeuten würde. Im September 1969 war es soweit: Scheel, der ein Jahr zuvor den stramm nationalliberalen Ritterkreuzträger Erich Mende als FDP-Chef abgelöst hatte, führte seine Partei in eine sozialliberale Koalition. Willy Brandt wurde Kanzler, Walter Scheel Außenminister.

Der Preis, den seine Partei dafür zu zahlen hatte, war hoch: In Scharen verließen konservative Mitglieder eine FDP, die den Kalten Krieg an den deutschdeutschen Fronten im Interesse der Menschen auf beiden Seiten beenden wollte. Abgeordnete, die sich für FDP und SPD hatten wählen lassen, traten über zur CDU – die sozialiberale Mehrheit im Bundestag schwand. Am 27. April 1972 beantragten CDU und CSU, Willy Brandt das Misstrauen auszusprechen und ihren Fraktionschef Rainer Barzel zum Kanzler zu wählen.

Es war der scheinbar so lockere Walter Scheel, der den so verdutzten wie empörten CDU-Parlamentariern im Bundestag streng die Leviten las.

Es geht um den Versuch, eine Änderung parlamentarischer Mehrheitsverhältnisse ohne Wählerentscheid herbeizuführen. Das trifft, unabhängig von der formalen Legitimität den Nerv dieser Demokratie. Wenn es zur Regel werden sollte, dass Mehrheitsverhältnisse in den Parlamenten durch Parteienwechsel, also ohne Wählervotum verändert werden, dann stirbt die Glaubwürdigkeit der parlamentarischen Demokratie. Sie hoffen auf Mitglieder dieses Hauses, deren Nervenkraft und Charakterstärke nicht ausreicht, in einer schweren Stunde zu ihrer Partei zu stehen oder ihr Mandat zurückzugeben.

Und es war Walter Scheel, der die historische Leistung der sozialliberalen Koalition am deutlichsten verteidigte.

Diese Regierung hat sich geschichtlich allein schon dadurch gerechtfertigt, dass sie mit ihrer knappen Mehrheit das geschafft hat, was andere mit ihren großen Mehrheiten nicht erreichen wollten oder konnten: Unser Volk über seine Tabu-Schwellen hinwegzuführen, es von seinen Illusionen wegzubringen. Wir haben den Schutt weggeräumt und wir haben uns die Finger dabei blutig gemacht. - Sie haben uns bei dieser politischen Knochenarbeit nicht geholfen.

Das Misstrauensvotum scheiterte, die Neuwahlen zum Bundestag im November 1972 endeten mit einem Triumph der sozialliberalen Koalition. Und als er in der Fernsehshow "Drei mal neun" als Sänger auftrat, wurde Scheel zum populärsten Politiker, den Deutschland je hatte.

1974, wenige Tage nach Willy Brandts tragischem Rücktritt, ließ sich Walter Scheel für fünf Jahre zum Bundespräsidenten wählen. Nach Ende seiner Amtszeit privatisierte er - als Golfspieler, Pferdefreund, Kunst-Mäzen und Musikliebhaber. Und vielleicht hat das Beste über Walter Scheel schon vor Jahren die Pariser Zeitung LE MONDE geschrieben: "Dieser Mann", bemerkte sie, "hat den Deutschen gezeigt, dass man Politik auf sehr kultivierte Weise machen kann".

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