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StartseiteDeutschland heuteMachen statt quatschen01.04.2019

80-jährige OrtsbürgermeisterinMachen statt quatschen

Sie erlebte zwei Gesellschaftssysteme, drei Landkreise und 52 Jahre Lokalpolitik: Am 1. April 1967 übernahm Anni Schulz den Posten der Ortsbürgermeisterin von Wernstedt in Sachsen-Anhalt - und hat seitdem viel erreicht.

Von Christoph Richter

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Die Ortsbürgermeisterin Anni Schulz zeigt zahlreiche Orden und Urkunden, die sie in 52 Dienststjahren erhalten hat (picture alliance/Wolfgang Benndorf/dpa-Zentralbild/dpa)
Am 26. Mai 2019 gibt Anni Schulz nach 52 Jahren ihr Amt als Ortsbürgermeisterin in Wernstedt auf. (picture alliance/Wolfgang Benndorf/dpa-Zentralbild/dpa)
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"Wer ist dafür? Alle die Hand hoch, du hast sowieso schon alles gemacht. Mach mal."

Die heute knapp 80-jährige Anni Schulz kann sich noch gut an den Moment erinnern, als sie Bürgermeisterin im altmärkischen Wernstedt wurde. Niemand wollte den Job. Also hat man am 1. April 1967 – kein April-Scherz, sagt Anni Schulz noch - die damalige Gemeindesekretärin schlicht dazu verdonnert. Widerspruch war zwecklos.

"Ich hatte das mit meiner Familie nicht abgestimmt, war ja jung verheiratet. Hatte eine kleine Tochter. Und kam nach Hause, habe dann zu meinem Mann gesagt: 'Du, die haben mich heute zum Bürgermeister geschlagen.' Der sagte: 'Das kannst du vergessen.' Musste erst einmal eine Nacht drüber schlafen. Hab mir gesagt, ist ja nur kommissarisch bis zum 31.12.1967. Naja, nun sind da ein paar Jahre draus geworden."

In der DDR eine Exotin

52 Jahre genaugenommen. Damit ist Anni Schulz eine der dienstältesten Bürgermeisterinnen Deutschlands. In der DDR: eine Exotin. 

"Ich durfte anfangs nicht mal als Bürgermeisterin unterschreiben, es hieß immer nur Bürgermeister."

Mit der Gleichberechtigung war es in der DDR doch nicht so weit her, sagt sie noch. Ihren Mann hätte sie schnell überzeugen können, dass Bürgermeisterin genau der richtige Job für sie sei. Täglich ist die resolute Frau mit dem Fahrrad im Dorf unterwegs. Immer für ein Schwätzchen zu haben. Die Menschen im Ort sind begeistert. Auch Elektriker Norbert Pospiech:

"Sie hat sich um alles gekümmert, was hier so anlag. Muss man schon sagen, und dann in ihrem fortgeschrittenen Alter. Trotzdem hat sie alles auf die Reihe gekriegt. Ist schon Wahnsinn."

1967: In Westberlin wird Benno Ohnesorg erschossen, Israel befindet sich im Sechs-Tage-Krieg, die Beatles erleben ihren Höhepunkt. Bürgermeisterin Anni Schulz bekommt davon aber nur wenig mit. Sie hat ganz andere Sorgen. Das damals 400 Einwohner große altmärkische Wernstedt mit der markanten mittelalterlichen Feldsteinkirche - das auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg liegt - war damals kein schönes, sondern ein müffelndes, ja totes Dorf erzählt Noch-Bürgermeisterin Anni Schulz. 

"Das Schlimmste waren die Futterabladestellen im Dorf, die die LPG geschaffen hatte. Es roch immer nach Silage, es war fürchterlich."

Zwischen Bürgermeisteramt und Lokalreporterin

Straßen seien kaum vorhanden gewesen, die Abwässer hätten die Menschen aus dem Fenster gekippt, erzählt sie. Ihr erste Amtshandlung war daher der Bau einer Kanalisation. Finanziert hätte man das unter anderem mit Spargel.

"Ja, das war nun mal so." - "Also mit klassischen Tauschgeschäften." - "Ja, man musste unterwegs sein. Man musste gucken, wo man was kriegt. Das man weiter kam."

Machen statt quatschen, sei ihre Prämisse gewesen. Weshalb sie manchmal auch angeeckt sei, schiebt Anni Schulz noch schnell hinterher. Und man hätte sie in die SED gezwungen, obwohl sie gar nicht wollte.

"Ich hatte meinen Antrag abgegeben bei der Bauernpartei, der wurde wieder zurückgeholt. Mir hat man dann gesagt, ich wäre zu jung zu entscheiden, wo ich hingehöre."

Nein hat sie zu den SED-Genossen aber nicht gesagt. Die DDR-Zeiten waren total absurd, sagt Anni Schulz. Selbst Jubel-Artikel in der örtlichen Zeitung hätte sie selber schreiben müssen. 

"Ja, über die Gemeinde, was wir so gemacht haben." - "Für die Zeitung?" - "Für die 'Volksstimme' war das damals auch schon." - "Was haben Sie in die Artikel reingeschrieben?" - "War furchtbar. Was man so gerade gemacht hat. Die Zeit möchte ich nie und nimmer zurück haben."

211 Ost-Mark hat sie für den Job bekommen, erzählt sie. Seit 1995 leitet sie die Geschicke von Wernstedt ehrenamtlich, nun Teilgemeinde der Einheitsgemeinde Kalbe an der Milde.

Glücklich über den Mauerfall

Glücklich ist Anni Schulz über den Mauerfall, die Friedliche Revolution. War wunderschön. Denn seit dieser Zeit hätte sie wirklich was bewegen können. Ohne, dass sich jemand von oben einmischt. Ihr größter Erfolg, sagt sie: Eine niegelnagelneue Dorfstraße. 

"Musste 20 Jahre warten. Bis die Wende kam. Dann wurde es aber auch nicht gleich was. Bin ich selbst hingefahren zur Landesregierung nach Magdeburg. Und hatte Glück."

Während Anni Schulz aus ihrem Leben plaudert, sitzt sie in einem spartanisch eingerichteten Raum. Einen Computer sucht man vergebens, stattdessen liegen nur ein paar Zettel, Stempel und Akten auf dem fast leeren Schreibtisch. 

"Ans Internet sind wir angeschlossen. Hab ein Smartphone, das reicht mir."

"Kein Mensch hat mir zugetraut, dass das mal was wird"

Tagsüber sind in Wernstedt die Bürgersteige hochgeklappt, kaum ein Mensch ist zu sehen. Geschäfte gibt es keine, stattdessen kommen fahrende Händler. Anni Schulz ganzer Stolz ist das Dorfgemeinschaftshaus, eine ehemalige Scheune eines Großbauern, den die Kommunisten nach dem Krieg aus dem Dorf gejagt haben. 

"War dann Technik-Stützpunkt der LPG. Mit alten Treckern und Altöl. Sehen Sie, hier haben wir auch einen Sportraum für die Sportgruppe. Kein Mensch hat mir mal zugetraut, dass das was wird. Die haben nur gesagt: Was hast du dir denn da einfallen lassen, das wird im ganzen Leben nichts."

Am 26. Mai hört Anni Schulz als Bürgermeisterin nun auf. Hängt ihre Berufung – wie sie sagt - an den Nagel. Schade, sagt die engagierte Kommunalpolitikerin, dass man keine Nachfolgerin, keinen Nachfolger gefunden hat. Künftig wird es nur noch eine Ortsvorsteherin geben, ein Posten lediglich mit Symbolkraft. Alle Entscheidungen werden dann nicht mehr im Dorf selbst, sondern in der Einheitsgemeinde getroffen. 

"Ich hätte es gern gesehen, wenn wir mit einem Ortschaftsrat hätten weiter arbeiten können. Das ist schwierig. …Und ich bin dann weg… ich bin dann weg."

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