Montag, 17.12.2018
 
Seit 15:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKalenderblatt9.4.1754 - vor 250 Jahren09.04.2004

9.4.1754 - vor 250 Jahren

Christian Freiherr von Wolff, Philosoph und Mathematiker, gestorben

Wenn in diesen Tagen Professoren aus ganz Europa und den USA nach Halle an der Saale strömen, dann ehren sie mit ihrem Kongress Christian Wolff. Dieser Mathematiker, der am 9. April 1754 starb, sollte eigentlich Prediger werden.

Von Hildegard Wenner

Auf den Spuren Christian Freiherr von Wolffs? Bildungsmesse didacta in Köln (AP Archiv)
Auf den Spuren Christian Freiherr von Wolffs? Bildungsmesse didacta in Köln (AP Archiv)
Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

Erster Internationaler Christian-Wolff-Kongress

Weil ich aber ... den Eifer der Lutheraner und Catolicken ... von meiner ersten Kindheit an wahrnahm, dabei merckte, dass ein jeder Recht zu haben vermeinete; so lag mir immer im Sinne,...die Wahrheit ... so deutlich zu zeigen, dass sie keinen Widerspruch leide.

Die Glaubenskriege durch die Liebe zur Geometrie beenden - diese gewaltige Idee kam nicht von ungefähr. Wolff war 1679 in dem konfessionell gemischten Breslau geboren worden. Der Terrorismus des Dreißigjährigen Krieges lebte noch im Gedächtnis Schlesiens, als Wolff

…in Kleidern schlecht doch reinlich einherging, wie er denn auch nur eines Gerbers Sohn war.

Schäbig wie die Kleider waren auch die Zeiten. Türkenkrieg und Inflation. Mathematikunterricht gab es am lutherischen Gymnasium so gut wie nicht. Statt dessen Gryphius-Sonette, Predigten und fromme Lieder. Doch Mangel macht Hunger - appetitus rationalis,- wie Wolff es nannte. Dieser Hunger des Geistes trieb ihn in öffentliche Bibliotheken, wo er sich über scholastische Logik, geometrische Figuren und über die Algebra beugte. Mit 27 Jahren war Wolff Mathematik-Professor, am Ziel seiner Wünsche, so schien es. Jedoch

…fehlete es nicht an Leuten, die mich zu verkleinern suchten...Insonderheit entstunden gleich Klagen bei den Herren Theologis...

Es ärgerte die Theologen in Halle, dass der junge Mathematiker sich in alles Mögliche einmischte. Er las nicht nur "de algorithmo infinitesimali differentiali", sondern versuchte, seinem ersten Lernantrieb getreu, mathematische Methoden in die Philosophie, die Theologie und die Jurisprudenz einzuführen. Wolff glaubte an die Vernunft als bewegende Kraft, die dem Menschen und aller Natur innewohnt. Und so warf er sich auf das Universum des Wissens und ordnete es nach mathematischer Methode. Die Welt, aufgelöst in fest umrissene Begriffe, logische Beweisführung, ein widerspruchsfreies System und eine verständliche deutsche Sprache. Aus den Titeln, die er seinen Kompendien gab, war die menschenfreundliche Absicht ebenso erkennbar wie das Selbstbewusstsein des Autors.

Vernünfftige Gedanken von dem gesellschaftlichen Leben der Menschen und insonderheit dem gemeinen Wesen zur Beförderung der Glückseligkeit des menschlichen Geschlechtes.

So nannte Wolff sein Buch über die Politik, wie überhaupt alle seine Hauptwerke Vernünfftige Gedanken hießen. Nicht daran aber störten sich die Herren Theologi im halleschen Professorenstreit, sondern an einer vielleicht unausweichlichen Konsequenz der Vernunftlehre: Wenn die ganze Körper- und Geisteswelt dem Kausalgesetz gehorchen muss, wo ist dann noch Raum für den freien Willen und vor allem für Gott? 1723, als der Krach der Fakultäten in Tiraden und Intrigen ausartete, gab Friedrich Wilhelm, König in Preußen, die Order,…

...gedachtem Wolff anzudeuten..., dass er binnen 48 Stunden ... die Stadt Halle ... bei Strafe Stranges räumen solle...

In trüber Nacht flüchtete Wolff aus Halle. Als er - durch Friedrich den Großen rehabilitiert - siebzehn Jahre später zurückkehrte, begrüßten ihn blasende Postillione.

In der Stadt ... war ein großer Zulauf des Volckes und ich hielt ... unter lautem Jubelgeschrey meinen Einzug.

Christian Wolff war in der Zeit des Exils einer der Großen in der Europäischen Gelehrtenrepublik geworden. Fünfzigtausend Druckseiten vernünfftige Gedanken - das Wolffische System machte Schule von Paris bis Petersburg. Und sein Urheber saß nun, ziemlich zufrieden, wenn auch ein wenig dick und müde, im schönen Haus an der Märkerstraße 10 in Halle und strich über die goldenen Medaillen, die man mit seinem Portrait schmückte. Er war nicht Pfarrer in Breslau geworden, aber die optimistische Botschaft der Vernunft wurde in ganz Europa gepredigt. Voltaire schrieb:

Wolff philosophiert, der Philosophenkönig regiert und Deutschland applaudiert - in Halle fand ich das neue Athen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk