Montag, 04. Juli 2022

Neun-Euro-Ticket
Ein dauerhafter Umstieg wird damit kaum gelingen

Das Neun-Euro-Ticket für den öffentlichen Nah- und Regionalverkehr sei gut gemeint, kommentiert Silke Hellwig vom Bremer "Weser-Kurier". Wer aber wolle, dass die Menschen längerfristig auf das Auto verzichten, müsse ihnen buchstäblich entgegenkommen – finanziell und mit dem Ausbau von Bus- und Bahnverbindungen.

Ein Kommentar von Silke Hellwig | 28.05.2022

Themenbild: Neun-Euro-Ticket vor Fahrkartenatuomat am Hauptbahnhof München.
Gut gemeint und gut gemacht gehen nicht unbedingt Hand in Hand, meint Silke Hellwig zum bald gültigen Neun-Euro-Ticket. (picture alliance / SvenSimon)
Eines ist unbestritten: Ohne den Krieg in der Ukraine, die Sanktionen gegen den Aggressor Russland und die Folgen hätte die Bundesregierung den Großversuch Neun-Euro-Ticket wohl kaum gewagt. Die Umstände sind bitter, die Entscheidung ist keine Überzeugungstat, sondern wurde erzwungen, begrüßenswert ist das Entlastungspaket dennoch, aufschlussreich ist es noch dazu.

Wie belastbar ist der ÖPNV?

Die nächsten drei Monate werden zweierlei zeigen: Zum einen, ob es maßgeblich der Preis ist, der Bürgerinnen und Bürger davon abhält, vom Auto in Bahn oder Bus umzusteigen. Oder ist es der Komfort? Dann liefe das Neun-Euro-Ticket den Hoffnungen auf einen Beitrag zum Klimaschutz zu-wider. Der Komfort wird sich nämlich nicht verbessern, das Gegenteil ist zu befürchten, wenn Tausende mehr Kunden in Busse und Bahnen drängen. Und das ist die zweite Frage, die in den nächsten gut 90 Tagen beantwortet werden wird: Sind der öffentliche Personennah- und der Regionalverkehr belastbar genug für eine Verkehrswende, die den Namen Wende wirklich verdient?

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Gut gemeint und gut gemacht gehen erfahrungsgemäß nicht unbedingt Hand in Hand. Das Neun-Euro-Ticket ist gut gemeint. Es ist eine Extra-Einladung, das Auto häufiger stehen zu lassen und in den ÖPNV umzusteigen. Aber die Vorbereitungszeit für das Ticket war denkbar knapp, und bekannt ist, dass die Verkehrsbetriebe – von städtischen Unternehmen bis hin zur Deutschen Bahn AG – unter massiven Problemen leiden. Es fehlt an Personal, und es fehlt an Material. Es gibt wohl keinen Verkehrsbetrieb, der ohne Weiteres nennenswert mehr Waggons auf die Schiene, mehr Busfahrer an das Steuer bringen kann.

Ticket verspricht, ein Erfolg zu werden

Die Bahn-Gewerkschaft warnt vor „Chaos“, vor allem an den Wochenenden und erinnern an die anfänglichen Erfahrungen mit dem „Schönes-Wochenende-Ticket“ im Jahr 1995, mit dem Gruppen zu einem Spottpreis den Regionalverkehr nutzen konnten. Die Ferieninsel Sylt gelangte an ihre Grenzen.
Das Neun-Euro-Ticket verspricht ein Erfolg zu werden, was die Nachfrage betrifft: Zum Verkaufsstart brachen in vielen Regionen wegen des Andrangs die Server der regionale Verkehrsunternehmen zusammen. Vor allem für Menschen mit wenig Geld ist das Ticket für die Sommermonate attraktiv – wer es nicht eilig hat, kann damit von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen reisen, von Görlitz bis Aachen. Studentinnen und Studenten werden das Angebot vermutlich umfangreich nutzen, eine Familie mit kleinen Kindern kann schon weniger Umstände in Kauf nehmen. Das gilt vor allem für Fahrten im Alltag – selbst ein sehr gut ausgebautes Bus- und Bahnnetz verlangt Müttern und Vätern Zeit und Geduld ab, wenn das eine Kind in den Kindergarten, das andere in die Schule gebracht werden muss und der Arbeitsplatz das dritte Ziel des Morgens ist.

Kritik an Milliardensubventionen fürs Autofahren

Außerdem ist der Tankrabatt Teil des Entlastungspakets. Nicht nur die Grünen, sondern auch Ökonomen haben die Milliardensubventionen fürs Autofahren kritisiert. Die Wirtschaftswissenschaftler bemängeln, dass es sich um eine Entlastung nach dem Gießkannen-Prinzip handelt, von dem vor allem Menschen mit höherem Einkommen profitieren – die mehr Autos besitzen und sie mehr nutzen. Die Grünen stören sich daran, dass der Rabatt die eigentlichen Ziele im Sinne des Klimaschutzes konterkariert. Allerdings darf man sich fragen, warum sie vor diesem Hintergrund nicht mehr tun, um ein allgemeines Tempolimit durchzuboxen, das auch durch die aktuelle Lage in Osteuropa geboten scheint und den Benzinverbrauch drosseln würde.
Und: Es wird kaum offen ausgesprochen, aber allen ist klar, dass das Schienen- und Busnetz nicht in einem Zustand ist, der der Mehrheit der Bevölkerung tatsächlich die Wahl zwischen Auto und ÖPNV lässt. Das gilt für die Landbevölkerung, die sich mit Busverbindungen abfinden muss, die sich an einer Hand abzählen lassen. Das gilt aber auch für eine große Bevölkerungsgruppe: Senioren, die noch mobil sind, aber sich ungern Strapazen mit oder in Verkehrsmitteln aussetzen wollen.

Bus- und Bahnverbindungen ausbauen

Man wird in den nächsten Wochen mit proppenvollen Zügen rechnen müssen, mit Bahnmitarbeitern am Rande des Nervenzusammenbruchs und mit großen Enttäuschungen. Das gilt auch für die, die den ÖPNV schätzen lernen und feststellen, dass es nicht bei neun Euro im Monat bleiben wird. Obwohl es unumgänglich ist: Wer will, dass die Menschen umsteigen, muss ihnen buchstäblich entgegenkommen – finanziell und durch den Ausbau der Bus- und Bahnverbindungen.
Silke Hellwig hat volontiert bei der „Hessisch-Niedersächsischen“ Allgemeinen und deren (einstiger) Tochter „Mitteldeutsche Allgemeine“, danach war sie Redakteurin in Thüringen und Nordhessen. Sie wechselte zum „Weser-Kurier“, anschließend ein Jahr bei der „FAZ“, danach rund zehn Jahre bei Radio Bremen Fernsehen (Reporterin, CvD, Abteilungsleiterin). Währenddessen eine Zeit lang freie Tätigkeit für die „Zeit“. Seit fünf Jahren ist sie Chefredakteurin beim „Weser-Kurier“.