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StartseiteBüchermarkt"Ein außerordentlich streitbarer Geist"18.06.2019

90. Geburtstag von Jürgen Habermas "Ein außerordentlich streitbarer Geist"

Jürgen Habermas, der berühmteste lebende deutsche Philosoph, wird 90. Die Feuilletons bejubeln ihn als "Gewissen der Nation" oder "genialen Typen". Denn Habermas meldet sich bis heute gern öffentlich zu Wort - und hat vor allem Grundsatzdebatten der Bonner Republik maßgeblich mitgeprägt.

Stefan Müller-Doohm im Gespräch mit Gisa Funck

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Jürgen Habermas erhielt 2001 die Ehrendoktorwürde der Harvard Universität. Entsprechend fröhlich blickt er auf dem Bild aus seinem schwar-roten Talar. ( Darren McCollester / Getty Images))
Jürgen Habermas gut gelaunt 2001, als Ehrendoktor von Harvard ( Darren McCollester / Getty Images))
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Gisa Funck: Hallo, Herr Müller-Dohm, Sie haben 2014 eine Biografie über Jürgen Habermas veröffentlicht – und sind Mitherausgeber des Buches "Habermas global", das im September im Suhrkamp Verlag erscheinen wird und die Wirkungsgeschichte von Jürgen Habermas weltweit untersucht. Wie sind Sie das erste Mal auf den Philosophen aufmerksam geworden?

Stefan Müller-Doohm: Aufmerksam geworden bin ich auf Jürgen Habermas als Student der Soziologie an der Frankfurter Universität. Er wurde glaube ich im Jahr 1963 dorthin berufen, als Nachfolger von Max Horkheimer. Und ich war in seinen Vorlesungen und in seinen Seminaren, und ich war auf Anhieb sehr beeindruckt von dem Niveau sowohl der Vorlesungen als auch der Seminare. Von der Strenge seines Denkens, aber gleichzeitig auch von dessen Breite, mit der er ganz verschiedene Disziplinen zusammenführte: Soziologie, Philosophie, Psychologie usw. Also, das war der Anfang der Beziehung, die ich dann über die Jahre hinweg zu Habermas als akademischem Lehrer hergestellt habe.

Funck: Hat er denn auch lebhaft mit seinen Studenten diskutiert im Seminar?

"Er braucht immer das Gegenargument"

Müller-Doohm: Habermas ist ein außerordentlich streitbarer Geist, der nicht nur in seiner Theorie auf den Dialog setzt, also auf das, was er "Diskurs" nennt, sondern der daraus auch eine Praxis macht. Eine Praxis auch als akademischer Lehrer. Er braucht immer die Kritik, das Gegenargument, um selbst wieder auf neue Antworten zu kommen, um kreativ zu sein. Das Kreative entsteht im Gegeneinander bei Habermas, im Gegeneinander von Argument und Gegenargument. Und das macht auch das Imponierende dieser Figur aus. Also nicht dogmatisch mit festen Behauptungen aufzuwarten, sondern sich einzulassen auf das Gespräch mit dem anderen.

Funck: Jürgen Habermas wurde heute genau vor 90 Jahren am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren. Er hat also als Kind und Jugendlicher die Hitler-Zeit und den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Wie würden Sie das als sein Biograf einschätzen? Wie sehr hat ihn diese frühe Erfahrung der Hitler-Diktatur, der Kriegsgewalt – aber später auch die Entdeckung des Millionenfachen Juden-Mordes durch die Nazis geprägt?

Müller-Doohm: Das hat ihn absolut geprägt! Nach 1945 wurde ihm schlagartig bewusst, in einem kriminellen Regime gelebt zu haben. Habermas sagte später, das wäre für ihn ein Schock gewesen. Und er wurde der Tatsache gewahr, dass sechs Millionen Juden systematisch umgebracht worden waren. Von da an geht er davon aus, dass die Deutschen die Verantwortung für diese Taten haben und sich zu dieser Schuld bekennen müssen. Das begleitet ihn sein Leben lang. Und bis heute insistiert er darauf, dass wir Deutschen unsere Vergangenheit aufzuarbeiten haben.

Funck: Jürgen Habermas habilitierte sich mit der Schrift "Strukturwandel der Öffentlichkeit". Später folgten weitere Bücher, die heute ebenfalls als Philosophie-Klassiker gelten. "Erkenntnis und Interesse" von 1968 möchte ich noch nennen. Oder "Theorie des kommunikativen Handelns" von 1981.
- Das ist sein Hauptwerk. Ja. Und Sie erwähnten gerade schon, dass das Gegenargument bei Habermas einen wichtigen Stellenwert hat. Was steht im Mittelpunkt seiner Lehre?

Der "zwanglose Zwang des besseren Arguments" 

Müller-Doohm: Im Mittelpunkt steht der Versuch, Vernunft zu bestimmen, eine Theorie der Vernunft zu entwickeln. Vernunft ist für Habermas etwas, das im dialogischen Verfahren immer wieder neu hervorgebracht werden muss. Erst nach dem, was er dann "Diskurse" nennt, also erst nach Diskursen kann etwas einleuchtend oder nicht-einleuchtend sein. Und solche herrschaftsfreien Diskurse, die übrigens alle Betroffenen als gleichberechtigte Teilnehmer einbeziehen, die sind für Habermas die grundlegende Voraussetzung eines, wie er es nennt, "rationalen Konsenses", der die Anerkennung aller Betroffenen verdient.

Funck: Aber wenn er vom "herrschaftsfreien Raum" redet und von der "gleichberechtigten Anerkennung" aller Beteiligten, dann klingt das doch schon etwas idealistisch, oder?

Müller-Dohm: Nein, idealistisch würde ich nicht sagen. Es ist eine kontrafaktische Idee, an der wir allen Grund haben festzuhalten. Wenn wir nicht mehr davon ausgehen, dass sich am Ende der "zwangslose Zwang des besseren Arguments" durchsetzt, dann würden wir ja die Entscheidung abgeben an irrationale Instanzen oder an Inhaber von Machtpositionen. Und ich bin davon überzeugt, dass es zu dieser Idee einer Einigung im kommunikativen Prozess keine Alternative gibt. Es sei denn, wir geben unsere Freiheit auf, aber daran kann ja keinem gelegen sein.

Funck: Jürgen Habermas hat, bevor er Philosophieprofessor wurde, ja auch gern gescherzt, er würde andernfalls später dann halt Journalist werden. Und tatsächlich ist er ja ein sehr streitbarer Philosoph, der sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder öffentlich zu Wort gemeldet hat – und er tut das bis heute. Etwa beim Historikerstreit 1986, aber auch zur Frage des Kosovo-Einsatzes der Nato 1999. Zu den ethischen Grundlagen der Gentechnik, und er meldet sich ja auch neuerdings zur EU-Krise zu Wort. Wie stark hat er als debattier-und streitfreudiger Philosoph eigentlich die Geistes-und Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik beeinflusst?

"Permanente Interventionen"  

Müller-Doohm: Die hat er auf jeden Fall beeinflusst durch seine permanenten Interventionen in der politischen Arena. Einige dieser Interventionen haben sie genannt. Heute brennt ihm nun besonders das Schicksal Europas unter den Nägeln. Und er fordert ja in Bezug auf die Weiterentwicklung eines rein ökonomisch orientierten Europas zu einem politischen Europa, da fordert er eine "Welt-Innenpolitik ohne Weltregierung", davon ausgehend, dass die Probleme, die wir heute haben, also die ökologischen, militärischen und wirtschaftlichen Risiken, dass die nicht mehr in territorialen Grenzen gelöst werden können, sondern über territoriale Grenzen hinausgehen. Das erklärt seine Hinwendung zu einer weltpolitischen, umfassenden Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen. Das ist eine wichtige Intention gegenwärtig von ihm.

Funck: Er plädiert hier ja für eine "transnationale Demokratie". Warum liegt Habermas nun Europa so am Herzen? Gab es dafür vielleicht auch einen bestimmten Anlass?                                         

Müller-Doohm: Naja, wir hatten schon davon gesprochen, dass der Nationalstaat ab 1933 zu fatalen Folgen geführt hat. Gut, die Nationalstaaten gegenwärtig in Europa sind überwiegend demokratisch organisiert. Aber die nationalstaatliche Demokratie reicht nicht mehr aus, um die anfallenden Weltprobleme zu lösen. Deswegen sind Kooperationen notwendig. Und diese Kooperationen müssen politisch organisiert sein, rechtsstaatlich abgesichert sein. Und das ist sozusagen sein Motiv für die von ihm immer wieder erhobene Forderung, unbedingt an der europäischen Einigung weiterzuarbeiten.

Sorge um das vereinte Europa

Funck: Ein anderes Thema, was viele Habermas-Anhänger (oder "Habermasianer", wie man sie auch nennt) überrascht hat, das war sein zuletzt erwachtes Interesse an Religion und religiöser Ethik. Also er mahnte etwa bei seiner Friedenspreisrede von 2001, dass der säkulare Westen mit Blick auf die Terroranschläge auf das World Trade Center nicht alle religiösen Wertvorstellungen allzu schnell über Bord werfen solle. Wie erklären Sie sich sein zunehmendes Interesse an Religion?

Müller-Doohm: Also "zunehmend" würde ich nicht sagen, sondern ich meine, das hat ihn schon immer interessiert. Wir haben das nur nicht so zur Kenntnis genommen, aber so neu ist das gar nicht. Aber natürlich interessiert ihn jetzt vor dem Hintergrund des zunehmenden Brüchig-Werdens von moralischen Orientierungen die Frage: Wie schaffen wir es, ein stabiles und anerkanntes, normativ-moralisches Fundament zu schaffen? Haben hier nicht doch, so fragt er, auch die Religionen einen Beitrag zu leisten? Können wir nicht auch aus den semantischen Gehalten dieser Glaubenslehren etwas übernehmen? Natürlich müssen diese Glaubenslehren dann in eine säkulare Sprache überführt werden. Aber können wir nicht daraus etwas übernehmen, was dazu beiträgt, dass wir unsere normativen Orientierungen stabiler machen und wir uns in der Welt normativ besser zurechtfinden?  

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