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StartseiteKalenderblattSiegeszug des Schockgefrierens 06.03.2020

90 Jahre Tiefkühlkost Siegeszug des Schockgefrierens

Fisch, Erbsen, Himbeeren: In zehn Lebensmittelgeschäften in Springfield im US-Bundesstaat Massachusetts konnte man am 6. März 1930 zum ersten Mal moderne Tiefkühlkost kaufen. Die zugrundeliegende Methode des „Schockgefrierens“ hatte sich der Erfinder Clarence Birdseye bei den Inuit abgeschaut.

Von Irene Meichsner

HANDOUT - 02.04.2001, ---, USA: Frosted Food (Tiefkühlkost) wird in einem Laden in den USA angeboten. (undatierte historische Aufnahme). NR SW. (Zu dpa "Vorrat im Eisfach: Tiefkühlkost wird 90") Foto: Iglo GmbH/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits | (Picture Alliance / Iglo GmbH)
General Foods brachte 1930 in den USA die erste moderne Tiefkühlkost auf den Markt (Picture Alliance / Iglo GmbH)
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Die Geschichte begann hoch im Norden, in Labrador, wo die Temperaturen im Winter auf minus 40 Grad Celsius fallen können. 1912 war der amerikanische Biologe und Abenteurer Clarence Birdseye für fünf Jahre in diese entlegene Region gezogen.

"Er war jemand, der alles ganz genau wissen wollte. Er wollte wissen, warum Menschen tun, was sie tun, und ob man es vielleicht besser machen könnte. Er beschäftigte sich viel mit Prozessen und interessierte sich sehr für die Natur", erklärte sein Biograf Mark Kurlansky 2012 im amerikanischen Radio.

Möglichst schnell einfrieren wie bei den Inuit

Birdseye lernte den Umgang mit Schlittenhunden und zog mit ihnen kreuz und quer durchs Land. Er züchtete Polarfüchse, um sie oder ihre Felle an Pelzhändler zu verkaufen. Und – er richtete sich im bitterkalten arktischen Winter ein.

Mark Kurlansky: "Es gab keine frischen Lebensmittel und er sorgte sich um seine Frau und sein Baby. Birdseye wusste von den Inuit*, dass sie ihre frisch gefangenen Fische an der Luft sofort gefrieren ließen. Ihm wurde klar, dass man Lebensmittel möglichst schnell einfrieren muss, damit ihre Zellstruktur erhalten bleibt. Bis dahin hatte man Lebensmittel bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt eingefroren, was Tage dauern konnte. Dadurch bildeten sich riesige Kristalle und nach dem Auftauen war alles ein einziger Matsch."

Suche nach Investoren

Birdseye verfolgte den Gedanken zunächst nicht weiter. Erst einige Jahre nach seiner Rückkehr in die USA fing er an zu experimentieren. Er kam zu dem Schluss, dass man, um Fische nach Art der Inuit einzufrieren, Temperaturen von mindestens minus 35 Grad Celsius brauchte. Birdseye gründete eine Firma, um seine Technik des "Schockgefrierens" zu perfektionieren, und suchte nach Investoren.

"Er war sehr kommunikativ, sympathisch und ein brillanter Verkäufer. Potenziellen Geldgebern lieferte er komplette Menüs aus Tiefkühlkost frei Haus. Er war fest davon überzeugt, dass die Leute dieses Produkt, wenn sie es erst einmal ausprobiert hätten, lieben würden."

Am Firmensitz in Gloucester im US-Staat Massachusetts entwickelte Birdseye den ersten "Plattenfroster", wie es ihn im Prinzip heute noch gibt: Das fertig verpackte Gefriergut wird zwischen Metallplatten gelegt, durch die ein Kältemittel fließt, sodass die Kälte binnen Minuten in das Produkt eindringen kann.  Birdseye träumte von einer ganzen Tiefkühlindustrie. Was ihm fehlte, war Kapital, doch dann gelang ihm ein spektakulärer Coup: 1929 verkaufte er seine Firma samt aller Patente und Markenrechte für 23,5 Millionen Dollar an die Goldman-Sachs Investmentgesellschaft und die Postum Company, die spätere General Foods Corporation. Birdseye wurde als Forschungsdirektor angestellt.

Anfängliche Skepsis bei den Verbrauchern

Am 6. März 1930 brachte General Foods die erste moderne Tiefkühlkost auf den Markt. Zehn Lebensmittelgeschäfte aus Springfield in Massachusetts nahmen an der Premiere teil. In der Werbung war von der "revolutionärsten Idee in der Geschichte der Nahrungsmittel" die Rede.

"Schellfisch, der so frisch schmeckt, als sei er eben erst aus den blauen Wassern des Nordatlantik gezogen wor­den. Erbsen so herrlich grün, wie es sie sonst nur im Sommer gibt. Rote Himbeeren, traumhaft zart und delikat. Knackige Kirschen – und Loganbeeren. Stellen Sie sich vor, dass Sie das alles, frisch wie im Sommer, schon im März haben können!"

Jedem Betrieb hatte General Foods eine Tiefkühltruhe im Wert von 1.500 Dollar kostenlos zur Verfügung gestellt. Das Personal war drei Tage lang geschult worden.

"Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir auf die Leute eingeredet haben. Um einer widerstrebenden Hausfrau ein Päckchen Tiefkühlerbsen zum Preis von 35 Cent zu verkaufen, brauchten wir fünf Minuten. Die Kunden hielten es einfach nicht für möglich, dass etwas Tiefgefrorenes sicher sein könnte", erzählte einer der Beteiligten.

Erfolgsgeschichte - auch in Europa

Das Geschäft ließ sich zunächst nur schleppend an. Doch dank eines forcierten Marketings stieg der Absatz allmählich. Als Clarence Birdseye 1956 in New York im Alter von 69 Jahren starb, war die Tiefkühlkost aus der amerikanischen Küche schon nicht mehr wegzudenken. Bald darauf trat sie auch ihren Siegeszug in Europa an.

*Anmerkung: Die Bezeichnung der indigenen Völker im nördlichen Polargebiet wurde in Inuit geändert.

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