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StartseiteKultur heuteKampf von Menschen ohne Aufstiegsmöglichkeiten05.04.2014

"A Raisin' in the Sun" Kampf von Menschen ohne Aufstiegsmöglichkeiten

Das Theaterstück "A Raisin' in the Sun" war 1959 das erste Werk einer schwarzen Autorin, das am Broadway aufgeführt wurde. Das Drama hinterfragt die Scheinheiligkeit des amerikanischen Traums und hat bis heute nicht an Aktualität verloren. Denzel Washington spielt in der aktuellen Inszenierung in New York die Rolle des Walter eindrücklich.

Von Andreas Robertz

Hauptdarsteller Denzel Washington bei der Deutschlandpremiere von "Flight" in Berlin (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Denzel Washington übernimmt die Rolle des Walters in der Broadway-Inszenierung. Sein letzter Film, der in Deutschland mit ihm startete, war "Flight". (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Walter Lee Younger lebt mit seiner Frau, seinem Sohn, seiner Mutter und seiner Schwester in einer winzigen Zwei-Zimmer-Wohnung im Armenviertel von Chicago. Im Jahr 1959 kann Walter gerade mal eine Stelle als Chauffeur für einen weißen Geschäftsmann bekommen. Denzel Washington, der Walter spielt, sagt zu seiner Rolle:

"Er hat Hunger. Er ist ein Chauffeur, der seinen Boss zu Orten fährt, zu denen 1959 Afroamerikaner oder 'Farbige' keinen Zugang hatten. Er kann es schmecken, aber darf nicht teilhaben."

Alles scheint sich ändern zu können, als Mutter Lena einen Scheck über 10.000 Dollar von der Versicherung ihres verstorbenen Mannes bekommt. Walter möchte das Geld in einen eigenen Schnapsladen investieren, um die Familie aus der Armut zu führen. Doch Frau Ruth träumt von einem richtigen Haus, und Schwester Beneatha will studieren.

Einblick in das Leben unterprivilegierter Afroamerikaner

Als "A Raisin' in the Sun" von Lorraine Hansberry 1959 uraufgeführt wurde, schrieb die "New York Times", das Stück habe das amerikanische Theater für immer verändert. Es bot mit einem Ensemble aus fast ausschließlich schwarzen Schauspielern zum ersten Mal einen Einblick in das Leben unterprivilegierter Afro-Amerikaner. Das Drama, das später mit Sidney Poitier verfilmt wurde, war das erste Stück einer schwarzen Autorin, das am Broadway aufgeführt wurde. Lorraine Hansberry zeichnete ein Porträt der schwarzen Gesellschaft und ihrer damaligen politischen Strömungen zu einer Zeit, als Rassentrennung und Diskriminierung noch gesellschaftlicher Alltag in den Staaten war. Aber, weit darüberhinaus, schilderte sie den Kampf von Menschen, die in ihrer Gesellschaft keine Aufstiegsmöglichkeit sehen. "Was passiert mit Träumen, die aufgeschoben werden? Trocknen sie wie eine Rosine in der Sonne?", fragt Langston Hughes in seinem Gedicht "Harlem", dem der Titel des Stückes entlehnt ist. 

Mutter Lena entscheidet, für die Familie ein neues Haus im günstigen Clybourne Park Viertel zu kaufen und das Restgeld unter Beneatha und Walter aufzuteilen. Doch Clybourne Park ist eine weiße Gegend, dessen Nachbarschaftskomitee den Zuzug zu verhindern sucht; und Walters Geschäftspartner verschwindet mit dem übrig gebliebenen Geld.

Denzel Washington in der Rolle des Walter

Denzel Washington, für den Regisseur Kenny Leon die Rolle des Walter extra etwas älter gemacht hat, spielt den von der weißen Gesellschaft ausgegrenzten schwarzen Mann wie ein rastloses, verletztes Tier, das jeden Moment zubeißen kann. Wie in vielen seiner Filme, zuletzt in "Flight", in dem er einen alkoholsüchtigen Piloten spielt, charakterisiert er eindrücklich eine Figur, deren Stolz verletzt wurde und die versucht, den inneren Vulkan ihrer Gefühle mit Drogen zu betäuben.

Doch die eigentliche Leistung dieser Inszenierung liegt im gut austarierten Ensemblespiel. Immer bekommen die anderen Figuren genau den Raum, den sie brauchen, allen voran die überzeugende Latanya Richardson-Jackson, die Mutter Lena als strenge und weise Matriarchin mit großem Herz spielt. Denzel Washington selbst sieht in dem Stück eher wenig politisches Potenzial:

"Es ist ein tolles Stück und ich hab die Chance die Rolle zu interpretieren. Ich weiß nicht, was der soziale Stellenwert ist. Wenn man mich fragt, was das Publikum mit nach Hause nehmen soll, sage ich, das hängt davon ab, was die Leute mit hineingebracht haben."

Doch ähnlich wie in Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" hinterfragt "A Raisin' in the Sun" die Scheinheiligkeit des amerikanischen Traumes. Angesichts des unerträglichen Ungleichgewichts des Reichtums in der amerikanischen Gesellschaft und der sogenannten 99 Prozent, die sich seit der Finanzkrise 2008 ihrer Aufstiegsmöglichkeiten beraubt sehen, erweist sich das Stück als so aktuell und universell wie nie. 

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