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StartseiteBüchermarkt"Deklinationen sind ein Albtraum für Araber"27.02.2019

Abbas Khider: "Deutsch für alle""Deklinationen sind ein Albtraum für Araber"

Deklinationen, Konjugationen, Artikel und Pronomen - der aus dem Irak stammende Schriftsteller Abbas Khider beschreibt in seinem neuen Buch die Hürden beim Deutsch lernen. "Man kann spielerisch und mit Humor mit den Dingen umgehen", sagte Khider im Dlf, dann falle vieles leichter.

Abbas Khider im Gespräch mit Dina Netz

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Buchcover: Abbas Khider: „Deutsch für alle. Das endgültige Lehrbuch“ (Buchcover: Hanser Verlag, Foto: Deutschlandradio-Maurice Wojach)
Abbas Khider macht in „Deutsch für alle“ nicht so ganz ernst gemeinte Vorschläge zur Vereinfachung der deutschen Sprache (Buchcover: Hanser Verlag, Foto: Deutschlandradio-Maurice Wojach)
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Dina Netz: Abbas Khider wurde 1973 geboren, mit 19 wegen politischer Aktivitäten verhaftet. Nach seiner Entlassung floh er aus dem Irak. Abbas Khider lebt seit dem Jahr 2000 in Deutschland, hat Literatur und Philosophie studiert und mehrere sehr erfolgreiche Romane veröffentlicht. Sie heißen zum Beispiel "Der falsche Inder", "Die Orangen des Präsidenten" und "Ohrfeige". Darin erzählte Abbas Khider an seine Biografie angelehnte Geschichten. Und dafür wurde er vielfach ausgezeichnet. Aus dieser Lebensgeschichte hat sich nun auch ein anderes Buch wie logisch ergeben: Der Schriftsteller Abbas Khider hat natürlich zuallererst mit der neuen Sprache gerungen, mit der er sich im neuen Land konfrontiert sah. Diese Sprache und der Aneignungsprozess sind nun Gegenstand seines neuen Buches: "Deutsch für alle. Das endgültige Lehrbuch". Wobei der Untertitel schon nahelegt, dass die Sache nicht so ganz ernst gemeint ist. In der Vorbemerkung heißt es: "Dieses Büchlein ist ernsthafter sprachwissenschaftlicher Schwachsinn." Abbas Khider: "Deutsche Paragrafen und deutsche Grammatik haben etwas gemeinsam: Sie sind zum Heulen", schreiben Sie. Und das aus der Feder von einem, der mit dem Arabischen auch nicht gerade aus einer unkomplizierten Sprache kommt. Ist Deutsch wirklich so schwer?

Abbas Khider: Wir müssen so denken: Die arabische Sprache ist tatsächlich sehr schwierig. Aber die deutsche Sprache für Araber ist sehr kompliziert. Zuerst: Im Arabischen gibt es nur einen Artikel, da hat man mehrere im Deutschen. Das Verb steht in der zweiten Position in einem arabischen Satz, manchmal im Nebensatz steht zum Beispiel das Verb im Deutschen am Ende. Die Schrift ist eine andere, auch bei der Grammatik gibt es viele Ausnahmen. Und dann hat man das größte Problem, diese Endungen, Deklinationen. Das ist wirklich ein Albtraum für die Araber, denn das Wort im Arabischen ändert sich nicht. Diese Menschen, die kommen, natürlich sie lassen ihre Kultur, Tradition, ihre Träume und fangen sie neu hier an. Die haben wirklich unglaubliche Schwierigkeiten am Anfang mit all diesen komischen grammatikalischen Wendungen, und die können damit nicht richtig umgehen.

Deutsch lernen durch Philosophiestudium

Netz: Nun kommen wir mal zu Ihrem konkreten Fall. Sie haben ja nicht nur, als Sie nach Deutschland kamen, Deutsch gelernt, vielleicht in einem Sprachkurs, sondern Sie haben sich die Rosskur angetan: Sie haben Deutsch durch ein Philosophiestudium gelernt und schreiben selbst in Ihrem Buch: Das ist wie Autofahren lernen in der Formel 1. Warum haben Sie sich das angetan?

Khider: Weil ich das so gern wollte, es war mein Traum! Ich wollte so gern immer Literatur oder Philosophie studieren. Im Irak durfte ich nicht. Ich liebe Literatur. Seit ich 16-Jähriger bin, lese und schreibe ich gern. Ich liebe Literatur und Philosophie und wollte ich unbedingt das auch lernen oder studieren. Es war natürlich aber keine einfache Entscheidung, da es eine fremde Sprache ist, philosophische Texte zu lesen, besonders wie von Heidegger oder Kant oder Hegel, wo man wirklich nichts versteht. Das war mein Traum.

Netz: Und dann schreiben Sie, das Schreiben, die Arbeit als Schriftsteller, die sei sozusagen auch eine Kompensation dafür, dass Sie bis heute keine Umlaute sprechen können, also ä, ö, ü, denn beim Schreiben hört man das ja nicht. Ist das, was Sie da aufgeschrieben haben, mehr als ein guter Witz?

Khider: Sagen wir so: Ich mache mich wirklich lustig über viele Dinge hier, auch über Araber, über Migranten, über Deutsche, auch über mich selbst in diesem Buch. Aber ich versuche, hier wirklich etwas Bestimmtes darzustellen. Zuerst: Es geht um Menschen, die im Erwachsenenalter in Deutschland ankommen. Solche Menschen haben wirklich viele Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Besonders Araber oder Asiaten haben zum Beispiel ein großes Problem mit den Umlauten. Die können die nicht richtig aussprechen. Im Arabischen gibt es nur ein U, und das war es. Im Deutschen gibt es mehrere Varianten davon, und mit den Umlauten sind sie schon doppelt so viele. Und für mich persönlich: Ich habe zum Beispiel früher einen Phonetikkurs besucht, und ich habe diesen Kurs auch bestanden mit 4,0, da bin ich wirklich stolz darauf. Aber bis heute habe ich tatsächlich Schwierigkeiten, wenn ein Wort mit Umlaut vorkommt. Ich versuche auch auf meinen Lesungen immer Synonyme zu finden, wenn ein Wort mit Umlaut da ist. Zum Beispiel "Bücher" – dann mache ich "Werke". Übrigens: Wenn ich langsam rede, kriege ich das hin. Ich muss aber immer meine Finger benutzen und meinen Mund irgendwie nach oben und nach unten Wie zum Beispiel "München" - das kann man verstehen, aber wenn ich normal rede, da versteht man mich nicht so richtig. Und bei meinen Lesungen tatsächlich suche ich immer Synonyme oder Erklärungen. Und auch beim Interview versuche ich, solche Worte mit Umlauten zu vermeiden. Und ich habe das Gefühl, ich bilde die ganze Zeit so eine Art Umlaut-Umgehungs-Sätze.

Drei Ebenen im Kopf

Netz: Sie schreiben auch, dass Sie im Grunde bis heute ein Sprachcomputer sind, der jeden Satz durch mehrere Schritte laufen lassen muss, bevor Sie ihn sagen können. Dieses Phänomen kennen sicher alle, die mal versucht haben, sich in einer Fremdsprache zu verständigen, dass man da nicht so spontan ist wie in der Muttersprache. Und das ist ganz sicher anstrengend. Aber hat es nicht auch Vorteile, wenn man sich seine Äußerungen immer genau überlegt?

Khider: Ja, auf jeden Fall. Aber trotzdem ist es schöner natürlich, wenn man frei ist. Aber man gewöhnt sich daran. Ich habe zum Beispiel persönlich bis heute drei Ebenen in meinem Kopf. Jetzt, wie wir miteinander reden, ich versuche zur ersten Ebene zum Beispiel, alle Worte aus meinem Wortschatz abzurufen, die ich verwenden soll. Worüber geht es zum Beispiel? Geht es um Politik oder geht es um Sprache? Dann muss ich alle diese Worte abrufen. Dann kommt die zweite Ebene, da muss alles grammatikalisch auch stimmen. Das ist zum Beispiel das Verb im Nebensatz am Ende und Deklination und so weiter, und so weiter. Und dann dritte Ebene, da muss ich alles verständlich und klar darstellen. Ich arbeite mit allen diesen drei Ebenen, wenn ich einen einzigen deutschen Satz bilden muss oder soll oder will. Es ist viel Arbeit. Und tatsächlich merke ich jedes Mal, zum Beispiel nach zwei Stunden reden oder 90 Minuten, nach einer Lesung, da bin ich wirklich total fix und fertig. Aber das ist selbstverständlich geworden. Aber das hat damit zu tun, dass ich im Erwachsenenalter Deutsch gelernt habe.

Netz: In Ihrem Buch machen Sie ja durchaus den halb ernst gemeinten Vorschlag, die deutsche Sprache zu erneuern, damit sie so einfach zu erlernen sei wie Englisch. Wie soll denn das bitte gehen?

Khider: Ich sage mal so, was ich erreichen wollte mit diesem Buch: Ich wollte zum Beispiel darstellen, welche Probleme man hat, wenn man Deutsch lernen will. Welche Schwierigkeiten gibt es, diese chronischen Schwierigkeiten, die man hat, die immer als Begleiter sind? Das wollte ich darstellen, so umfassend wie möglich, dass man als Deutscher, als Muttersprachler, nachvollziehen kann, welche Schwierigkeiten diese Menschen haben, die hierher kommen. Es ist wie eine Art Beitrag zur Integration oder sagen wir so: Ich versuche, dieses Mitgefühl der Deutschen zu wecken irgendwie. Diese Menschen, die hierher kommen, haben viel zu kämpfen, nicht nur mit den politischen Problemen, sondern auch mit der Sprache. Und dann natürlich versuche ich, bestimmte Wendungen, die schwierig sind in der deutschen Sprache, darzustellen, und Verbesserungsvorschläge – wie zum Beispiel bei Nebensatz oder Deklination oder bei Pronomen, Adjektiven und so weiter, und so fort.

"Jede Person hat das Recht auf ein eigenes Pronomen!"

 Netz: Sagen Sie, Herr Khider, doch mal einen von diesen Verbesserungsvorschlägen, bitte.

Khider: Nehmen wir mal Pronomen. Wir haben jetzt Personalpronomen, zum Beispiel nehmen wir "ich", "du", "er" und "wir", und so weiter, und so fort. Aber es gibt zwei Pronomen, die ein großes Problem machen. Zuerst: "sie", feminin, weiblich, und "sie", Plural. Sie ist eine Frau. Sie sind Frauen. Die Frage ist: Warum für Mehrzahl und Einzahl das gleiche Pronomen? Gibt es keine anderen Buchstaben im deutschen Alphabet? Jede Person hat das Recht auf ein eigenes Pronomen! Und das ist noch eine Sache: Warum ausgerechnet "sie", wie Frau, und "sie", wie Fremde, als Plural? Warum haben die nicht mal ein eigenes Pronomen? Hatte das mit den Denkstrukturen vielleicht zu tun der Gesellschaft oder nur mit der Sprache? Und da mache ich Vorschläge. Anstatt zum Beispiel "sie" im Singular, da machen wir zum Beispiel "em" ganz einfach, dann haben wir zwei Buchstaben, "em" wie dritte Person, "er", "es", "em". Alle drei sind gleich, und da haben wir das Problem gelöst. Man kann etwas anderes finden, aber mein Vorschlag: "em".

Netz: Nun habe ich das Buch auf drei Ebenen gelesen. Ich hatte den Eindruck, es hat einerseits therapeutische Funktion für Sie selbst gehabt, andererseits, wie Sie es selber schon angesprochen haben vorhin, etwas die Probleme beim Sprachlernprozess Vermittelndes. Aber ich hatte auch den Eindruck, Sie wollen andere Deutschlernende trösten. Habe ich das richtig verstanden, dass diese drei Aspekte da drin stecken?

Khider: Ja, auf jeden Fall. Ich versuche auch darzustellen: Man kann irgendwas auch an dieser Sprache ändern. Man kann auch diese Sprache anders verstehen. Diese Sprache hat viele Möglichkeiten, es ist so vielfältig und es ist eine sehr reiche Sprache. Und das zeige ich vermutlich auch für die Leute, die hierher kommen und Deutsch lernen: Alles ist möglich, sogar diese Sprache zu ändern, auch für sich selbst als Person. Wenn man spielerisch mit den Dingen umgeht, mit Humor, kann man auch die Dinge leichter anschauen. Es geht wirklich hier um Sprachspaß, Sticheleien. Ich versuche hier, Mitgefühl der Deutschen wirklich zu erwecken. Ich versuche auch, sagen wir so, den Neudeutschen oder Migranten, die hierher kommen, zu zeigen: Es ist möglich, mit der Sprache spielerisch umzugehen. Und ich versuche auch darzustellen bestimmte Punkte oder bestimmte Teile der deutschen Gesellschaft, besonders, was um Ausländer geht, Migranten, auch um Politik. Aber ich kritisiere natürlich auch Araber und Muslime. Zum Beispiel gibt es ein Kapitel in diesem Buch, "Die Präpositionen von Allah". Ich wünsche mir, dass kein Übersetzer auf die Idee kommt, dieses Kapitel ins Arabische zu übersetzen. Das wird gefährlich, wenn diese verrückten Religiösen davon erfahren. Ich hoffe, das bleibt unter uns Deutschen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Abbas Khider: "Deutsch für alle. Das endgültige Lehrbuch"
Carl Hanser Verlag, München. 128 Seiten, 14 Euro.

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