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StartseiteDeutschland heuteMit Piepen tödliche Unfälle vermeiden 24.01.2019

Abbiege-Assistenten für LKWMit Piepen tödliche Unfälle vermeiden

37 Radfahrer kamen im Jahr 2017 laut Statistischen Bundesamt bei Abbiege-Unfällen mit LKW ums Leben. Um das künftig zu verhindern, sollen Abbiege-Assistenten Pflicht werden, so will es die Groko. Dafür müssten jedoch internationale Regelungen geändert werden. Das kann Jahre dauern.

Von Alexander Budde

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Ein Fahrradfahrer fährt während einer Demonstration des neuen Abbiegeassistenten neben einem Lastwagen.  (dpa/Jens Büttner)
Beim Verkehrsgerichtstag in Goslar ist eines der zentralen Themen die verpflichtende Ausrüstung von LKW und Bussen mit Abbiege-Assistenten (dpa/Jens Büttner)

"Ich muss rechts gucken, ich muss vor mir gucken, durch den Spiegel kann ich den rückwärtigen Verkehr erkennen und so einen gewissen Teil auch, was an der Seite von mir passiert – wobei der Großteil eigentlich im toten Winkel verschwindet. Dafür haben wir dann halt das Kamerasystem noch mit drin."

Die Ampel ist rot, vorn queren Fußgänger die Fahrbahn – aber seitlich am Laster: kommt da noch wer?  Wenn Sascha Uhlmann beim Rechtsabbiegen mit seinem 40-Tonner den Blinker setzt, erscheinen auf einem Bildschirm neben der Lenksäule die Bilder der Außenkameras. Über den kompletten Lastzug hinweg sind seitlich Sensoren angebracht. Das so genannte Abbiege-Assistenz-System warnt den Fahrer mit einem akustischen Signal, sobald es ein Objekt – zum Beispiel einen Radfahrer - im Gefahrenbereich erkennt.

"Im Spiegel sehe ich ihn solange, bis er ungefähr Höhe von der Tür ist. Dann ist irgendwann Feierabend, dann sind so zwei bis vier Meter, die ich dann nicht mehr sehe … jetzt: Es wird ein grellerer Piepton, dass man halt unterscheiden kann, jetzt ist ´ne Gefahr da. Gerade bei Radfahrern,  die fahren einfach rechts dran vorbei und achten auf Garnichts – und da ist das dann doch schon ganz hilfreich!"

Uhlmann, Kraftfahrer mit 20 Jahren Berufserfahrung, arbeitet für die Spedition Brüner in Georgsmarienhütte bei Osnabrück. Schockiert von tödlichen Abbiege-Unfällen schloss sich Firmeneigner Herbert Brüner vor Jahren einer Branchen-Initiative für mehr Verkehrssicherheit an. Er rüstet seine LKW freiwillig mit Kameras und Sensoren aus. Eingebaute Mikrophone hinten sollen auch die Einweiser beim Rangieren schützen. Brüner sitzt an diesem Morgen mit in der Fahrerkabine. Die Kosten für die Nachrüstung, versichert er, seien nur ein geringer Faktor im Kalkül:

"Ich möchte nicht irgendwann mal vorm Richter stehen: ‚Sie haben nichts gemacht!‘ – und da habe ich gesagt, da müssen wir einfach was machen, weil auch meine Jungs sind mir genauso viel wert wie alle anderen Menschen. Die Fahrer, die damit konfrontiert werden, die werden wir wahrscheinlich auch nicht mehr auf den LKW kriegen. Vielleicht der eine so und der andere so, aber mental sind die erstmal außer Gefecht gesetzt – und wenn ich denen ein bisschen mehr Sicherheit gebe und sage, ich sehe mehr: das ist mir viel mehr wert wie alles andere!"

Verkehrsminister Scheuer setzt auf Freiwilligkeit

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kamen 2017 bei Abbiege-Unfällen mit LKW allein 37 Radfahrer ums Leben. Die meisten Kollisionen ereignen sich an Ampelkreuzungen während Radfahrer grünes Licht haben. In ihrem Koalitionsvertrag haben CDU und SPD im Bund vereinbart, was Radfahrclubs schon lange und zuletzt auch eine Reihe von Ministerpräsidenten in den Ländern fordern, nämlich: solche Abbiege-Assistenten für LKW und Busse verbindlich vorzuschreiben. Seit einigen Tagen stehen fünf Millionen Euro aus einem Fördertopf bereit, den Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) auf den Weg brachte. Wer sich freiwillig einen Abbiege-Assistenten anschafft, kann einen Zuschuss bekommen. Doch die Politik muss mehr tun, fordert Siegfried Brockmann. Er ist Leiter der Unfallforschung der Versicherer und einer der Referenten zum Thema auf dem Verkehrsgerichtstag in Goslar. Viele Abbiege-Unfälle sind vermeidbar, weil intelligente Assistenzysteme die Fahrer früher warnen oder die "Brummis" gar selbständig einbremsen können. Die Technik ist fast ausgereift, die Vorschrift noch lange nicht, gibt Brockmann zu bedenken:

"Der Punkt ist, dass auch der Verkehrsminister verschiedene Dinge im Moment nicht lösen kann, nämlich eine Einbauverpflichtung für neue Fahrzeuge kriegt er nur über internationale Gremien. Dort sind wir nicht alleine, nicht alle teilen unseren Verkehrssicherheits-Ansatz."

Zumal auch international gültige Zulassungs-Vorschriften geändert werden müssten. Und bis die EU-Parlamentarier sich auf eine einheitliche Regelung für alle Mitgliedsländer geeinigt haben kann es Jahre dauern.

Lösung an der EU vorbei?

Aber immer nur auf die EU zu verweisen, das sei zu wenig, so Grünen-Verkehrsexperte Stefan Gelbhaar gegenüber dem ARD-Hauptstadtstudio. Eine Übergangslösung sei rechtlich möglich, sagt Gelbhaar – und verweist auf ein Rechtsgutachten, das die Grüne Bundestagsfraktion in Auftrag gegeben hat. Dort heißt es, dass Städte LKW ohne Abbiege-Assistenten die Einfahrt verbieten könnten, weil laut Straßenverkehrsordnung dort nur sichere Fahrzeuge unterwegs sein dürfen:

"Und das kann man dann halt so ausführen, dass man sagt, ein LKW ohne Abbiege-Assistent ist eben nicht sicher. Da gibt es auch schon ein Vorbild für: London macht das. Und die deutsche Rechtslage gibt das eben auch her."

Grundsätzlich ein interessanter Ansatz, sagt Kerstin Lühmann. Die verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion leitet die Experten-Diskussion in Goslar, die bis Freitag in eine Empfehlung an den Gesetzgeber münden soll. Lühmann dämpft jedoch die Erwartungen:

"Grundsätzlich ist es so, dass wir sehr viele Möglichkeiten haben, für Kommunen, Dinge zu regeln – aber wie zum Beispiel auch bei Umweltzonen wird es immer wieder Ausnahmen geben. Und ich glaube, das ist die Krux an der Sache: wenn wir das richtig sicher machen wollen, müssen alle Fahrzeuge umgerüstet sein. Und ich möchte meine Kraft darauf verwenden, dass wir das möglichst bald in Deutschland hinkriegen."

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