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StartseiteWirtschaft und GesellschaftZehn Prozent landen ungelernt auf dem Arbeitsmarkt04.04.2018

Abbrecherquote bei AuszubildendenZehn Prozent landen ungelernt auf dem Arbeitsmarkt

Laut dem Berufsbildungsbericht 2018 brechen 25,8 Prozent aller Lehrlinge ihre Ausbildung ab. Allerdings machten viele davon danach in anderen Berufen einen Abschluss, erklärte der Arbeitsmarkt-Experte Stefan Sell im Dlf. Trotzdem gebe es sowohl auf Ausbilder- als auch auf Lehrlingsseite viele Probleme.

Stefan Sell im Gespräch mit Ursula Mense

Kochlehrlinge (Jens Büttner / dpa)
Wenig Geld, ein rauer Ton und ungünstige Arbeitsbedingungen seien nur einige Gründe dafür, warum viele Jugendliche ihre Lehre abbrechen würden, sagte Stefan Sell im Dlf (Jens Büttner / dpa)
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Ursula Mense: Jeder vierte Lehrling wirft hin – so titelt heute die "Süddeutsche Zeitung" und beruft sich auf den Berufsbildungsbericht 2018. Den gibt es offiziell noch gar nicht – die SZ hat ihn aber schon und fasst zusammen: Der Anteil der abgebrochenen Ausbildungen liegt mit 25,8 Prozent so hoch wie seit Anfang der 90er-Jahre nicht. Die Gründe seien die mangelnde Ausbildungsqualität, ungünstige Arbeitsbedingen und zu wenig Geld in manchen Branchen.

Ich habe darüber mit dem Arbeitsmarkt-Experten Stefan Sell gesprochen, Professor an der Hochschule Koblenz.

Stefan Sell: Man muss vielleicht gleich vorwegschicken, damit kein falscher Eindruck entsteht, wenn jetzt berichtet wird, dass die Abbrecherquote bei 25,8 Prozent gelegen habe, dann ist das missverständlich, weil es geht hier um die Quote der Vertragsauflösungen. Und das bedeutet im Ausbildungssystem keineswegs, dass damit eine Ausbildung endgültig abgebrochen wird. Denn wenn Sie in einem Betrieb kündigen und in einem anderen Betrieb Ihre Ausbildung fortsetzen, oder Sie brechen diese Ausbildung, die Sie gerade machen, ab und gehen dann in einen anderen Ausbildungsberuf und erwerben dort einen Abschluss, dann geht das genauso in diese Zahl ein wie diejenigen, die wirklich dann aus dem Ausbildungssystem rausgehen.

Mense: Und dann gar nichts mehr machen?

Sell: Und dann gar nichts mehr machen. Das ist aber eine Minderheit derjenigen, über die heute berichtet wird. Das ist aus unserer arbeitsmarktlichen Sicht die Hochrisikogruppe. Das sind zehn Prozent der Jugendlichen, die dann nach so einer Vertragsauflösung auch wirklich rausfallen und dann letztendlich als Ungelernte auf dem Arbeitsmarkt wieder aufschlagen.

"Es ist auch und gerade ein Branchenproblem"

Mense: Dennoch ist natürlich diese Abbrecher- oder Wandelquote, nennen wir es mal so, ja auch relativ hoch und bezieht sich auf ganz bestimmte Branchen, und da wird als Grund oder als Gründe sehr häufig auch die mangelnde Ausbildungsqualität genannt, dann auch ungünstige Arbeitszeiten, die harte Arbeit, man muss Überstunden machen.

Andererseits sagen die Auszubildenden häufig, sie werden als billige Arbeitskraft missbraucht. Sind das ganz bestimmte Branchen? Ich denke jetzt in erster Linie natürlich auch an so mittlere Qualifikationsberufe, die da infrage kommen – oder weiß man das gar nicht?

Sell: Doch, das weiß man. Denn diese hohe Zahl an Ausbildungsabbrechern, nennen wir sie jetzt mal so, die sind konzentriert auf bestimmte Branchen. Wir haben eine unglaubliche Spannweite im Bereich der Sicherheitsfachkräfte, also bei den Sicherheitsdiensten zum Beispiel wird über die Hälfte der Ausbildungsverträge gekündigt. Und bei Azubis, die zum Beispiel in der öffentlichen Verwaltung ihren Job lernen, da sind das nur vier Prozent. Da sehen Sie an der Spannweite, dass es auch und gerade ein Branchenproblem ist.

Immer wieder wird natürlich in diesem Feld der Bereich der Hotel- und Gastronomiebranche genannt, völlig zu Recht, denn dort haben wir seit Jahren sehr hohe Quoten, die auch jetzt nicht wirklich größer geworden sind. Das hängt mit den Arbeitsbedingungen zusammen in diesen Branchen. Auch bei den Friseuren haben wir das. Das ist ganz klar. Jeder weiß das, der sich mit Gastronomie beschäftigt. Das sind wirklich sehr harte Arbeitsbedingungen. Und das schlägt sich schon in der Ausbildung nieder, und es herrscht oft ein harter Ton in diesen Betrieben. Da kommen viele Jugendliche nicht mit klar. Das muss man schon anerkennen, und auch die Ausbildungsqualität vieler Betriebe – das sind ja oft auch sehr kleine Unternehmen – lässt zu wünschen übrig.

Aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille. Wir müssen gleichzeitig zur Kenntnis nehmen, dass es natürlich auch auf der Seite der jungen Menschen Probleme gibt. Wir haben ja eine Entwicklung gehabt in den vergangenen Jahren, dass, anders als noch vor 15, 20 Jahren, viele, die früher so eine duale Berufsausbildung gemacht hätten, heute direkt an die Hochschulen gehen. Die Zahl der Studienanfänger seit dem Jahr 2013 ist höher als die Zahl derjenigen, die eine duale Berufsausbildung beginnen. Und das schlägt sich jetzt natürlich insofern nieder, als viele Ausbildungsbetriebe gezwungen waren aufgrund der geänderten Angebots-/Nachfrage-Verhältnisse, auch auf Jugendliche zurückzugreifen, die sie früher nicht eingestellt hätten. Und ihre Erwartungen waren in den vergangenen 20 Jahren eher ausgerichtet an sehr guten, bitte in Anführungsstrichen, Jugendlichen, weil man auswählen konnte. Es gab zu viele Jugendliche, die eine Ausbildung machen wollten.

Und das hat sich jetzt verändert, und jetzt stehen viele Unternehmen vor dem Problem, dass sie sozusagen auch junge Leute einstellen müssen oder müssten, die durchaus auch im Verhaltensbereich, was die kognitiven Voraussetzungen angeht, Schwierigkeiten haben, vielleicht noch nicht so weit sind. Gleichzeitig sind auch viele Handwerksberufe, wenn Sie das mal nehmen als Beispiel, deutlich anstrengender, schwerer geworden von den Voraussetzungen, die sie dort mitbringen müssen, um eine Ausbildung absolvieren zu können. Sie müssen ja auch in die Berufsschule beispielsweise.

"Viele scheitern auch in den berufsschulischen Bereichen"

Mense: Und das schaffen sie unter Umständen nicht?

Sell: Viele scheitern auch an den Anforderungen in den berufsschulischen Bereichen, denn, ist ja klar, Sie können heute einen Mechatroniker im Autobereich nicht mehr mit dem alten Kfz-Schrauber vergleichen. Das gilt aber für ganz viele, eigentlich alle Handwerksberufe, dass dort aufgrund der technologischen Entwicklung auch die Anforderungen, zum Beispiel an Mathematik und so weiter, deutlich gestiegen sind.

Mense: Nun sagt der DGB ganz klar, mehr Geld würde helfen, und fordert ja deshalb auch die geplante Mindestvergütung für Azubis jetzt schnell durchzusetzen. Das kann es aber dann nicht sein, nach dem, was Sie gesagt haben.

Sell: Natürlich würde man jedem gönnen, vor allem, wenn man weiß, wie niedrig manche Ausbildungsvergütungen in bestimmten Berufen sind, würde man jedem eine höhere Ausbildungsvergütung gönnen. Dafür gibt es durchaus Argumente. Es gibt aber auch Zweifel, Skepsis, ob man damit eine Entwicklung möglicherweise, gar nicht bewusst, aber befördert, nämlich den Rückzug von Unternehmen aus der Ausbildung insgesamt. Denn das ist eines der größten Probleme, das sich hinter diesen Zahlen verbirgt. Mittlerweile 80 Prozent der Unternehmen bilden gar nicht mehr aus und stehen damit gar nicht zur Verfügung. Ich glaube aber, man sollte bei allem Verständnis für eine höhere Ausbildungsvergütung nicht glauben, dass man durch ein paar Euro mehr, so angenehm die für die Betroffenen sein mögen, wirklich jetzt hier diese Quoten, über die wir gerade geredet haben, signifikant nach unten drücken kann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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