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StartseiteInterview"Hindenburg steht für eine antidemokratische Tradition"28.02.2020

Aberkannte Ehrenbürgerschaft in Berlin"Hindenburg steht für eine antidemokratische Tradition"

Dem ehemaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg die Ehrenbürgerwürde von Berlin abzuerkennen, hält die Historikerin Hedwig Richter für richtig. Hindenburg sei nicht nur Legitimationsbeschaffer für Hitler gewesen, sondern er stehe insgesamt für eine hochproblematische Tradition.

Hedwig Richter im Gespräch mit Sandra Schulz

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Reichspräsident von Hindenburg und Adolf Hitler, winkend in einem Auto bei einer Jugendkundgebung im Lustgarten in Berlin. Postkarte aus der Weimarer Republik. (picture alliance/arkivi)
Der Reichspräsident der Weimarer Republik Paul von Hindenburg ernannte Adolf Hitler zum Reichskanzler. "Damit war der Weg Deutschlands in die Diktatur besiegelt", sagte Historikerin Hedwig Richter im Dlf. (picture alliance/arkivi)
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Anfang 1933 verhalf der damalige Reichspräsident der Weimarer Republik Paul von Hindenburg den Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht. Er ernannte Adolf Hitler zum Reichskanzler. Damit war der Weg Deutschlands in die Diktatur besiegelt. Die Reichshauptstadt Berlin bedankte dafür bei von Hindenburg am 20. April 1933 (Hitlers Geburtstag) mit der Ehrenbürgerwürde. Am selben Tag wurde auch Hitler selbst Ehrenbürger von Berlin. Hitler wurde diese Würdigung kurz nach dem Krieg, Ende 1948, wieder aberkannt. Hindenburg blieb bis heute Ehrenbürger der Stadt.

In dieser Woche hat Berlins Regierender Bürgermeister mitgeteilt, dass er die Streichung Hindenburgs von der Ehrenbürgerliste veranlasst habe. Den dazugehörigen Beschluss hatte das Berliner Abgeordnetenhaus schon Ende Januar getroffen. Über den früheren Reichspräsident Paul von Hindenburg sprechen wir mit der Historikerin Hedwig Richter, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München.

Sandra Schulz: Der Mann war jetzt fast 90 Jahre Ehrenbürger Berlins. Was ist aus Ihrer Sicht das Problem, dass er es so lange war, oder dass er es jetzt nicht mehr ist?

Hedwig Richter: Ich finde es auf jeden Fall gut, dass er es jetzt nicht mehr ist. Man hätte das auch früher machen können, aber gut, dass der Senat das in Angriff genommen hat und dass der Oberbürgermeister Müller das jetzt verkünden konnte, dass das jetzt nicht mehr der Fall ist.

Schulz: Warum ist das gut?

Richter: Hindenburg steht für eine hoch problematische deutsche Tradition, denke ich. Es gibt auch eine andere Tradition, darauf sollten wir auch unbedingt zu sprechen kommen. Die deutsche Geschichte ist nicht nur diese Geschichte des Militarismus. Hindenburg steht zum Beispiel für die oberste Heeresleitung im Ersten Weltkrieg, wo er mit geradezu diktatorischer Herrschaft wesentlich dazu beigetragen hat, dass es nicht zu einem Frieden gekommen ist, dass die Deutschen verblendet wurden und bis zuletzt daran geglaubt haben, dass sie in diesem Ersten Weltkrieg siegen werden.

Hindenburg steht auch dafür, dass die Dolchstoß-Legende um sich gegriffen hat in der Weimarer Republik, diese Vorstellung, dass das Heer eigentlich unbesiegt gewesen sei im Feld und nur durch Sozialisten und heimtückische linke Kräfte aus der Heimat im Rücken den Dolchstoß erhalten hat – eine ganz, ganz schlimme Legende, die dann auch zu Morden geführt hat und die eigentlich einen Großteil der demokratischen Politik in der Weimarer Republik in Frage gestellt hat und damit wesentlich auch zum Untergang und zu den großen Problemen der Weimarer Republik beigetragen hat.

Ein rot gekleideter Mann stößt einem Soldaten ein Messer in den Rücken. Illustration zu einem Wahlplakat der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) für die Reichstagswahlen am 7.12.1924.  (picture-alliance / akg-images) (picture-alliance / akg-images)Die Veröffentlichung der "Dolchstoßlegende" vor 100 Jahren 
Die sogenannte Dolchstoßlegende wurde kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges durch einen Zeitungsartikel in Umlauf gebracht. Sie besagte, dass das deutsche Heer um den Sieg gebracht wurde – wahlweise von den Bolschewiken, Juden oder anderen Gruppen. Ihre Auswirkung auf die Politik der Nazis war enorm.

"Die Nazis waren eine unglaublich junge Truppe"

Schulz: Das Berliner Abgeordnetenhaus hat die Entscheidung jetzt aber damit begründet, dass von Hindenburg Adolf Hitler und den Nationalsozialisten an die Macht verholfen hat. Ist das gar nicht Ihr Hauptvorwurf?

Richter: Doch, doch! Das ist auch ein ganz, ganz wichtiger Punkt. Aber man muss einfach sehen, dass schon davor, vor diesem Tag von Potsdam, Hindenburg für eine antidemokratische, antiparlamentarische Tradition steht, was keineswegs selbstverständlich war. Es gab auch sehr, sehr starke andere Kräfte, auch schon während des Ersten Weltkrieges. Und dann natürlich – das ist ganz wichtig, da haben Sie recht: Hindenburg war ein zentraler Legitimationsbeschaffer für Adolf Hitler. Die Nazis waren ja eine wilde revolutionäre, unglaublich junge Truppe. Hitler hat dann die jüngste Reichsregierung überhaupt gestellt.

Dieser alte Hindenburg, der dann am Tag von Potsdam – das war ja die Eröffnung des Reichstages – dastand mit seiner Generalfeldmarschalls-Uniform, der hat den Deutschen gezeigt, schaut, die Nazis sind auch diese Tradition. Die Tradition des Kaiserreichs, das ganze Bürgerliche, all das kann auf Hitler vertrauen. Mit diesen berühmten Bildern, die wir heute noch kennen, die den Tag von Potsdam geprägt haben, wurde das ganz deutlich gemacht und in die Öffentlichkeit getragen.

Schulz: Es gibt in Berlin den Hindenburg-Damm, es gibt die Verbindung zur Insel Sylt, die auch diesen Namen trägt, und es gibt in ganz Deutschland auch bis heute zahlreiche Straßen und Plätze, die nach Hindenburg benannt sind. Müssen die umbenannt werden aus Ihrer Sicht?

Richter: Ich denke, dass das auf jeden Fall sinnvoll ist. Wir sind ja eine demokratische Gesellschaft. Demokratische Gesellschaften ändern sich. Sie leben von Kritik, sie leben von der Möglichkeit und sie haben das Recht zur Veränderung. Die Vergangenheit ist nicht unsere Meisterin, die bestimmt, wie wir weiter leben sollen, sondern wir haben das Recht und die Möglichkeit, Straßen umzubenennen.

"Ein zentraler Legitimationsbeschaffer für Hitler"

Schulz: Aber es gibt ja auch viele Menschen, die sich daran überhaupt nicht stören, dass ihre Straßen, ihre Plätze nach einem Reichspräsidenten der Weimarer Republik benannt sind. Die müsste man ja bei so einer Umbenennung mitnehmen. Wie würde das gehen?

Richter: Ich denke, dass wir auf jeden Fall auf diese problematische Seite von Hindenburg hinweisen müssen, auf seine durchgängig konsequente demokratieskeptische und antiparlamentarische Haltung – zum Beispiel, dass er die Dolchstoß-Legende so stark vertreten hat, aber auch, dass er ein zentraler Legitimationsbeschaffer für Hitler war, dass man da deutlich macht, das ist eigentlich eine Tradition, mit der wir nicht tagtäglich umgehen wollen. Straßen bedeuten ja, dass das etwas ist. Gesellschaften geben den Straßen Namen, um sich im Alltag damit zu umgeben, um den Kindern zu erzählen, das und das ist die Person, nach der heißt die Straße, das ist die Tradition, auf die wir uns berufen.

Der Zweite Rat der Volksbeauftragten, die provisorische Reichsregierung nach dem Sturz des Deutschen Kaiserreiches posiert im Januar 1919 in Weimar, Deutschland. V.l.n.r.: Otto Landsberg, Reichsjustizminister, Philipp Scheidemann, Ministerpräsident, Gustav Noske, Reichswehrminister, Friedrich Ebert, Reichspräsident, Reichskanzler und Vorsitzender der SPD und Rudolf Wissel, Reichsarbeitsminister und Reichswirtschaftsminister, alle SPD. (KEYSTONE/IBA-ARCHIV/Str) | (IBA-ARCHIV) (IBA-ARCHIV)Die Konstruktionsfehler der Weimarer Reichsverfassung 
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"Es gibt auch eine andere Tradition"

Schulz: Könnte es nicht auch die Möglichkeit zur Reibung sein oder zur Auseinandersetzung?

Richter: Das wird ja auch immer wieder betont, diese Diskussionen, die man um Hindenburg-Plätze hat, um Hindenburg-Straßen. Oder in Greifswald hatten wir das auch, eine sehr, sehr fruchtbare Diskussion um den Namensgeber der Universität, Ernst Moritz Arndt. Die Uni hat sich dann entschieden, den Namen abzulegen, und allein diese Diskussion ist schon sehr wertvoll. Da gibt es genug Reibungsfläche.

Ein weiterer Punkt, den ich da übrigens sehr wichtig finde, ist: Es gibt auch eine andere Tradition. Zum Beispiel könnte man die Straßen nach wichtigen Frauen nennen, die stark für demokratische Tradition stehen schon im Kaiserreich. Ich würde da beispielsweise Hedwig Dohm vorschlagen, oder Alice Salomon. Das sind Frauen, die für eine ganz andere deutsche Geschichte stehen, und es wäre einfach sinnvoll, wenn wir das deutlicher machen.

Natürlich ist es sinnvoll, mehr Frauen öffentlich zu machen. Es hat ja lange Zeit gedauert, bis man bereit war, Frauen nicht konsequent aus der Öffentlichkeit rauszuhalten. Auch das wäre so eine Gelegenheit, das zu verstärken.

"Straßennamen sind etwas, womit jemand geehrt wird"

Schulz: Ich würde mit Ihnen gerne noch mal zu dem Punkt mit der Auseinandersetzung zurückgehen. Wenn Sie sagen, das brauchen wir eigentlich nicht, diese Namen auf einem Straßenschild als Gesprächsanlass, wo soll das denn dann stattfinden, nur in Geschichtsbüchern, verbannt in den Geschichtsunterricht oder an den historischen Fakultäten? Gehört das nicht auch in den öffentlichen Raum?

Richter: Auf jeden Fall! Aber das Gespräch um die deutsche Vergangenheit findet ja überall statt und es lohnt sich tatsächlich, darüber nachzudenken, was bedeuten eigentlich Straßennamen. Straßennamen sind eben kein Geschichtsbuch, sondern Straßennamen sind wirklich etwas, womit jemand geehrt wird, womit jemand Anerkennung findet. Straßennamen sind etwas Positives und insofern liegt es nahe, dass wir uns überlegen, wie sinnvoll ist es, Straßen nach Menschen zu benennen, die für einen problematischen Teil der Geschichte stehen.

Schulz: Aber wie gesagt, diese Straßen und Plätze, die hatten nun ja lange Zeit diesen Namen. Es hat offenkundig auch über längere Zeit keinen gestört. Wollen Sie den Menschen, die das so sehen oder so gesehen haben, sagen, ihr seid auf dem Holzweg, wir wissen heute besser Bescheid als ihr früher?

Richter: Nein! Das ist auch ein ganz normaler Prozess, dass es eine Weile dauert, dass man sich erst nach und nach bewusst wird, wie wir die Geschichte einschätzen. Zum Beispiel kommen wir auch jetzt erst dazu, die koloniale Geschichte systematisch aufzuarbeiten. Erst jetzt wird in der Öffentlichkeit darüber eine größere Diskussion geführt. Und nur weil diese problematische koloniale Tradition jahrzehntelang nicht angerührt wurde, heißt das ja nicht, dass es nicht notwendig ist, da heranzugehen und da auch Straßennamen umzubenennen.

"Demokratische Öffentlichkeit heißt, dass man Dinge diskutiert"

Schulz: Aber gibt es nicht trotzdem die Neigung, dass wir heute sagen oder vielleicht auch zu viel sagen, das ist richtig, unsere Sicht ist richtig, die wird auch in 100 Jahren noch richtig sein, und ihr habt es leider falsch gesehen?

Richter: Wie gesagt, wir leben in einer demokratischen Tradition. In 100 Jahren wird sich die Gesellschaft auf jeden Fall weiterentwickelt haben. In einer demokratischen Öffentlichkeit zu leben heißt, dass man die Dinge diskutiert und dass man sie auch verändern kann. Da zählt einfach das Argument, das war schon immer so, die Alten haben es richtig gefunden, also sollten wir es nicht besser wissen, das ist ein sehr undemokratisch, sehr unaufgeklärtes Argument, das auch bei Straßennamen nicht zählt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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