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StartseiteUmwelt und VerbraucherMehr Recycling für den Klimaschutz?30.01.2014

AbfallwirtschaftMehr Recycling für den Klimaschutz?

Müllverbrennungsanlagen haben einen hohen CO2-Ausstoß. Die Abfallbranche muss deshalb beim Klimaschutz künftig eine größere Rolle spielen, so das Ergebnis einer Studie des Öko-Instituts, die im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-Wasser- und Rohstoffwirtschaft durchgeführt wurde.

Von Verena Kemna

Ein Greifarm mit Müll wird durch den Müllbunker in der Müllverwertung Borsigstrasse (MVB) in Hamburg gesteuert. In der Anlage werden im Jahr mehr als 320.000 Tonnen Abfall aus den Hamburger Haushalten verbrannt. (picture alliance / dpa / Christian Charisius)
Müllverwertung Borsigstrasse (MVB) in Hamburg: In der Anlage werden im Jahr mehr als 320.000 Tonnen Abfall aus den Hamburger Haushalten verbrannt. (picture alliance / dpa / Christian Charisius)
Weiterführende Information

Müll verwerten, aber richtig (Deutschlandfunk, Umwelt & Verbraucher, 16.1.2014)

Wie der Verfall von Produkten überlistet wird (Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 18.11.2013)

Derzeit werden etwa 15 Millionen Tonnen Sekundärrohstoffe weiter verwertet. Außerdem fallen nach den Berechnungen des Öko-Instituts etwa fünf Millionen Tonnen Kompost an, die ebenfalls zum Klimaschutz beitragen. Doch diese Mengen an recycelten Rohstoffen lassen sich laut Studie deutlich steigern. So schätzen Experten allein das Potenzial der Gewerbeabfälle, die bisher nicht wiederverwertet werden, auf etwa drei Millionen Tonnen. Auch bei den Kunststoffen fordert Günter Dehoust, Experte für Kreislaufwirtschaft beim Öko-Institut, ein Umdenken. Noch landen die meisten Kunststoffe als Restmüll in der Müllverbrennung, sie werden nicht recycelt und belasten mit hohen CO-2-Emissionen das Klima.

"Heute geht die größere Menge Restmüll zu drei Vierteln in die Müllverbrennungsanlage und der Rest geht in Anlagen, in denen stoffstromspezifisch der Abfall behandelt wird. Wir schlagen vor, dass man das in Zukunft zu Hundert Prozent mit dem verbleibenden Restmüll macht."

Energiewende ändert Anforderungen an Verbrennungsanlagen

Nur, was nach optimaler Wiederverwertung übrig bleibt, würde dann noch in der Müllverbrennungsanlage enden. Nach Schätzungen des Öko-Instituts könnten durch derartige Optimierungen innerhalb der Kreislaufwirtschaft jährlich 11 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Die Menge an hergestellten Sekundärrohstoffen ließe sich von 15 auf über 17 Millionen Tonnen pro Jahr steigern. Die Energiewende wird auch die Anforderungen an Müllverbrennungsanlagen verändern, erklärt Peter Kurth, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungs- Wasser- und Rohstoffwirtschaft:

"In Zukunft werden wir die Grundlastversorgung über erneuerbare Energien, Sonne, Wind und Wasser darstellen und brauchen dann flexibel einsetzbare Kraftwerke, die dann nicht in Grundlast, also dauernd betrieben werden, sondern einspringen, wenn wir, aus welchen Gründen auch immer, zu wenig erneuerbare Energien haben. Mag sein nachts, mag sein im Winter."

Er sieht seine Annahmen durch die Studie bestätigt. Im Zuge der Energiewende werden spätestens 2050 in Deutschland gerade einmal zehn und nicht wie bisher 70 Müllverbrennungsanlagen ausgelastet arbeiten können.

"Das ist natürlich eine ziemlich hammerharte Aussage, weil sich die Bundesländer und die Betreiber von Müllverbrennungsanlagen perspektivisch darauf einstellen müssen, dass die Anlagen nicht mehr in die Energie- und Stromüberlegung reinpassen."

So könnte die Energiewende das Aus für die herkömmliche Müllverbrennungsanlage bedeuten. Die Experten des Öko-Instituts sehen dagegen aufbereitete Ersatzbrennstoffe als Gewinner der Energiewende. Peter Kurth vom Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-Wasser- und Rohstoffwirtschaft.

"Man holt in geeigneten Verfahren die Flüssigkeit raus, man holt Steine und Glas raus und gewinnt damit einen Brennstoff, der hochwertig ist. Das ist nicht unser klassischer Hausmüll, sondern ein behandelter Hausmüll. Der könnte auch etwas länger gelagert und flexibel eingesetzt werden. Das ist eines der Ergebnisse der Studie."

Forderung nach höheren Recycling-Quoten für Bio- und Gewerbeabfälle

Laut Öko-Institut wird sich der Markt für hochwertige Ersatzbrennstoffe in den nächsten 10 Jahren verdoppeln. Lagerfähig, trocken, geruchsneutral, so lassen sich Ersatzbrennstoffe flexibel nutzen, um Energie zu gewinnen. Auch bei der Verwertung von organischem Abfall fordert die Studie eine Hundert-Prozent-Quote. Derzeit werden höchstens 60 Prozent Bioabfall getrennt erfasst und verwertet. Dabei lässt sich der organische Abfall zu hochwertigem Biogas und Kompost umwandeln. Höhere Recyclingquoten für Bio- und Gewerbeabfälle sind eine Forderung des Bundesverbandes. BDE-Präsident Peter Kurth:

"Immerhin steht im Kreislaufwirtschaftsgesetz bereits drin, ab 1.1.2015 wollen wir bundesweit die getrennte Sammlung von Bioabfällen. Und das sollte einfach noch mal klargestellt werden, dass wir an diesem Datum festhalten, weil einige Länder und Kommunen versuchen, sich da elegant rauszuwinden, weil sie sagen, wir brauchen die Mengen für unsere Müllverbrennungsanlagen. Wir haben ja ein Auslastungsproblem."

Auch die Wissenschaftler vom Öko-Institut empfehlen ein Programm, um die Überkapazitäten der Müllverbrennungsanlagen gezielt abzubauen. Schließlich lautet das wichtigste Ergebnis der Studie: Recycling statt Müllverbrennung.

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