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StartseiteKommentare und Themen der WocheVW spielt mal wieder die verfolgte Unschuld 10.09.2018

AbgasskandalVW spielt mal wieder die verfolgte Unschuld

VW hat in den drei Jahren, seit der Betrug des Konzerns an Millionen Dieselkunden aufflog, denkbar wenig zur Aufklärung beigetragen, meint Alexander Budde. Dafür versuchten die Wolfsburger mit so raffinierten wie nebulösen Begriffen vom eigenen Fehlverhalten abzulenken.

Von Alexander Budde

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Die Richter Nicolai Stephan (l-r), Christian Jäde und Friedrich Hoffmann stehen zum Prozessauftakt im Oberlandesgericht Braunschweig. In einer mündlichen Verhandlung im Kapitalanleger-Musterverfahren gegen die Volkswagen AG fordern Aktionäre nach dem Abgas-Skandal Schadenersatz in Milliardenhöhe.  (dpa/ picture alliance/ Swen Pförtner)
In einer mündlichen Verhandlung im Kapitalanleger-Musterverfahren gegen die Volkswagen AG fordern Aktionäre nach dem Abgas-Skandal Schadenersatz in Milliardenhöhe. (dpa/ picture alliance/ Swen Pförtner)
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Hinten die lichten Reihen der Zuschauer, vorn die Phalanx der Robenträger. Und dann ist da noch ein Senat mit Feingefühl:  Die unvermeidliche Verwendung gewisser Begrifflichkeiten könnte eine Reizwirkung auf die Prozessparteien entfalten, sagt Richter Jäde beschwichtigend – verbunden mit dem Appell: Man möge doch bitte nicht zu viel aus solcher Wortwahl herauslesen. Irgendwie typisch!

Denn so raffiniert wie die Ingenieure ihre Algorithmen in den Tiefen der Motorsteuerung verbargen, so spitzfindig gehen die Konzern-Anwälte auf ihrem Gefechtsfeld vor: Statt Abgas-Skandal heißt es  "Dieselthematik", die verbotene Abschalteinrichtung  wird – na klar - zur "Umschaltlogik".  VW nennt keine Zeugen, keine Namen - spricht nebulös nur von den "Involvierten".

VW nennt keine Zeugen, keine Namen

Die Volkswagen AG hat in den drei Jahren seit ihr Betrug an Millionen Dieselkunden in den USA aufflog, denkbar wenig zur Aufklärung beigetragen – dafür aber "Neusprech" in Serie produziert – und sie fährt gut damit!

Zwar redet Richter Jäde zum Auftakt des Kapitalanleger-Musterverfahrens tatsächlich einmal Tacheles – aber eher zum Wohlgefallen der Diesel-Sünderin VW, die sich mal wieder als verfolgte Unschuld gibt. Wohl ein Drittel der Klagen dürften verjährt sein, deutet das Gericht in seiner ersten Einschätzung an.

Ein weiterer Dämpfer für die Kläger: VW mag sich in den USA der Verschwörung zum Betrug schuldig bekannt haben. Nach der vorläufigen Überzeugung des Senats stellt das aber keineswegs zwingend eine kursrelevante Insiderinformation dar, die das Kaufverhalten eines "verständigen Anlegers" beeinflussen musste. 

Da staunt der Laie - und der Fachmann wundert sich! Den sittenwidrigen Verstoß gegen die Veröffentlichungspflichten schon 2008, bei der erschlichenen Zulassung der manipulierten Dieselautos in den USA beginnen zu lassen, ist ein allzu durchsichtiges Manöver des erfahrenen Kläger-Anwalts Tilp. Er will noch möglichst viele Klagen vor dem Stichtag der Verjährung am Jahrsende einsammeln – und die Schadensrechnung auf noch nie dagewesene 9 Mrd. Euro treiben.

Gierige Großinvestoren profitieren

Der  gebetsmühlenartig vorgetragene Vorwurf, vom Braunschweig-Musterprozess würden nur gierige Großinvestoren profitieren, ist allerdings blanker Unsinn! Die Musterklägerin Deka Investment ist der Fonds der Sparkassen, wo sich auch Kleinanleger an vermeintlich grundsoliden Anlagen mit vergleichbar bescheidenen Renditezielen versuchen.

Ihr Unmut  durfte einen Weltkonzern wie VW lange Zeit nicht die Bohne interessieren – denn geprellte Kleinanleger klagen nicht. Nun wird gemeinsam und gebündelt gefochten. Und VW dürfte es schwerfallen, die überfällige Antwort auf die Kernfrage dieses Verfahrens einfach auszusitzen: Wer wusste wann was, vom Diesel-Betrug?

Alexander Budde –  (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Alexander Budde – (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Alexander Budde wurde 1971 in Kerpen geboren. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Völkerrecht in Köln und Berlin. Parallel zu seinem Studium war er als freier Journalist u.a. für die Westdeutsche Zeitung, dpa und RTL-Aktuell tätig. 2001 wechselte er als Redakteur zum deutschen Programm von Sveriges Radio (Schweden) und arbeitete ab 2004 als Korrespondent für die ARD-Hörfunkprogramme sowie für Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. Seit 2013 ist er Landeskorrespondent in Niedersachsen.

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