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StartseiteInformationen am MorgenEs bleiben nur Ratlosigkeit und Angst14.02.2017

Abgeschoben nach AfghanistanEs bleiben nur Ratlosigkeit und Angst

Viele Afghanen, die aus Deutschland in ihr Heimatland abgeschoben, stehen dort vor dem Nichts. Die Aussichten, etwa in Kabul Arbeit zu finden, sind schlecht, die Gefahr von Anschlägen ist hoch. Wie das Leben weitergehen soll, ist den meisten nicht klar.

Von Jürgen Webermann

Mitglieder der afghanischen Sicherheitskräfte stehen am 10.01.2017 nahe des Ortes zweier Explosionen in Kabul (Afghanistan). Bei einem doppelten Autobombenanschlag könnten im Zentrum der afghanischen Hauptstadt Kabul nach Medienberichten bis zu 50 Menschen getötet worden sein. (picture alliance / dpa / ap / Rahmat Gul)
Afghanische Sicherheitskräfte patrouillieren nach zwei Explosionen in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Die Zahl ziviler Opfer ist stark gestiegen. (picture alliance / dpa / ap / Rahmat Gul)

Es sind Textnachrichten voller Wut, Trauer und Schmerz, die zwischen Kabul und Hanau hin und hergehen, zwischen Matiullah und seiner deutschen Freundin.

"Wir schreiben jeden Tag auf WhatsApp, und meine Freundin weint auch die ganze Zeit, warum die Deutschen so etwas mit mir gemacht haben."

Matiullah ist 22 Jahre alt. Mitte Dezember wurde er nach Afghanistan abgeschoben. In Hand- und Fußschellen, bis Kabul begleitet von drei Polizisten.

"Ich hab alles, meine Miete, meine Sachen selbst bezahlt – ich habe keine Hilfe vom Staat bekommen. Ich bin immer noch am überlegen, warum die Deutschen so was mit mir gemacht haben."

Das Leben in den Griff gekriegt

Matiullah kann das belegen. Auch, dass er nach einer Bewährungsstrafe sein Leben in den Griff bekommen hat. Er zeigt den Schulabschluss, den Ausbildungsvertrag in einer Pizzeria, die Bescheinigung der Bewährungshilfe, den Mietvertrag, die Lohnabrechnungen. Matiullah hat in Deutschland Steuern gezahlt.

Während der Flucht nach Europa vor sieben Jahren sei er tagelang eingezwängt gewesen, erst im Kofferraum eines Autos und dann im Lkw. Matiullah sagt, er sei im Iran verprügelt worden. Auch deshalb sei er anfangs in Deutschland aggressiv gewesen. Ärzte bescheinigen ihm eine Depression. Er hat Hepatitis. Auf einem Schreiben des Krankenhauses in Hanau steht, dass Matiullah in Afghanistan nicht ausreichend behandelt werden kann. Und jetzt ist er doch in Kabul, antriebslos, ratlos.

"Ich muss überlegen, was ich mit meinem Leben machen soll. Ich muss Miete zahlen, ich muss meiner Familie helfen, denn ich bin der Älteste, ich habe zwei Brüder und zwei kleine Schwestern. Ich will einfach arbeiten, egal als was. Wenn ich nichts habe, dann können die Geschwister auch nichts werden, ohne mich. Und wissen Sie, jeden Tag explodiert hier eine Bombe, gestern war’s auch so, ich weiß nicht, wie viele Leute gestorben sind."

Zahl der zivilen Opfer stark gestiegen

Tatsächlich war am Vortag des Interviews mit Matiullah in Kabul eine Bombe explodiert, mal wieder, diesmal am Obersten Gericht Afghanistans. 21 Menschen wurden getötet. In Deutschland hat davon kaum jemand Notiz genommen. 2016 ist die Zahl der zivilen Opfer in Kabul nach Angaben der Vereinten Nationen um 75 Prozent gestiegen. Es gab 16 große Anschläge. Mehr als 300 Zivilisten starben, mehr als 1.200 wurden verletzt.

Atiqullah zeigt seine Schrammen im Gesicht. Die Explosion am Obersten Gericht hat seine schlimmsten Ängste bestätigt. Er sei nur hundert Meter vom Anschlagsort entfernt gewesen, sagt der 23-jährige. Eine Familie aus der Nähe von Bamberg hatte ihm Geld nach Kabul geschickt, er wollte es abholen gehen. Dann, so schildert er es, habe es geknallt.

"Dann weiß ich nicht mehr, was passierte. Meine Hand wurde weggerissen. Ein Taxifahrer hat mich ins Krankenhaus mitgebracht. Dort hat ein Arzt die Wunden sauber gemacht. Der Taxifahrer meinte danach nur: Wo wohnst Du genau? Du bist krank und Du kannst nicht alleine nach Hause gehen."

Keine Angehörigen in Kabul

Es ist schwer, Atiqullahs Angaben lückenlos zu überprüfen. Sicher dagegen ist: Der junge Mann wurde erst Ende Januar abgeschoben. Helfer aus Bayern berichten, dass er integriert war und Aussicht auf eine Ausbildung hatte. In Kabul hat er dagegen keine Familie, die sei in der Türkei, so Atiqullah. In Afghanisten gebe es niemanden, der auf ihn gewartet habe. Nach der Abschiebung kam er im Gästehaus der Internationalen Organisation für Migration, kurz IOM, unter. Die IOM ist ein Ableger der Vereinten Nationen. Atiqullah hat zwei Wochen Zeit, sich etwas Eigenes zu suchen. Aber das Gästehaus verlässt er seit dem Anschlag kaum noch.

"Nach den 14 Tagen habe ich den Chef getroffen und gesagt: Ich brauche noch Zeit, weil ich habe keinen Pass habe. Er hat gesagt: Wie lange brauchst Du noch?"

Atiqullah ist nicht der Einzige, der offenbar ohne Ausweispapiere abgeschoben wurde: Auch andere Abgeschobene berichten, dass sie noch Dokumente bei den afghanischen Behörden beantragen müssen. Das zuständige Ministerium für die Wiedereingliederung von Rückkehrern gilt als ineffektiv und überlastet. Zwar gibt es aus Deutschland Starthilfen für Abgeschobene, laut IOM und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bis zu 700 Euro, etwa für die Wohnungsmiete oder wenn sie einen Laden aufmachen. Aber ohne Papiere geht nichts.

Kein Weg zurück

Matiullah hat immerhin einen Pass. Er hat sich bereits informiert, wie er Hilfen in Anspruch nehmen kann. Aber er ist skeptisch. Es gibt kaum Arbeit. Kabul ist voller Kriegsflüchtlinge aus allen Teilen des Landes. Außerdem wurden fast eine Million Afghanen 2016 aus Iran und Pakistan herausgedrängt, viele gingen nach Kabul. In Deutschland, mit seinem Job, hatte sich Matiullah stark gefühlt. Er konnte Geld nach Kabul schicken. Jetzt ist er selbst Bittsteller. Weil die Eltern tot sind, leben er und seine Geschwister bei einem Onkel.

"Ich habe seit zwei Monaten die Miete nicht bezahlt. Er sagt jetzt nichts, aber nach ein paar Tagen oder Wochen wird er natürlich sagen: Jetzt reichts! Du musst mal was machen."

Einen Weg zurück nach Deutschland sieht Matiullah nicht. In die deutsche Botschaft in Kabul wurde er nicht hinein gelassen. Und selbst wenn er Geld hätte – er betont, noch einmal könne er sich eine Flucht nicht antun. Was für ihn aus Deutschland bleibt, sind die traurigen Textnachrichten seiner Freundin.

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