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StartseiteEuropa heuteOhne Chance in der Heimat 09.10.2015

Abgeschobene AlbanerOhne Chance in der Heimat

Immer wieder wird gefordert, sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge möglichst schnell abzuschieben - auch als Abschreckung, damit sich nicht noch mehr Menschen auf den Weg machen. Ob das gelingt, darf bezweifelt werden, wie das Beispiel eines Albaners zeigt, der abgeschoben wurde – es aber jederzeit wieder probieren will.

Von Stephan Ozsváth

Flüchtlinge aus Albanien in der zur Flüchtlingsunterkunft umgebauten Alfred-Fischer-Halle in Hamm (picture alliance/dpa/Ina Fassbender)
Flüchtlinge aus Albanien in einer Unterkunft in Hamm. Nur wenige haben eine Chance auf Asyl. (picture alliance/dpa/Ina Fassbender)
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Kukes liegt im Nordosten Albaniens - früher Bergbau-Region, heute wird hier vor allem Vieh gezüchtet. Während des Kosovo-Krieges war die Stadt in den Schlagzeilen: Denn 120.000 Flüchtlinge kamen über die nahe Grenze, um Zuflucht vor den Serben zu suchen. Die wirtschaftliche Lage heute ist schwierig, sagt Sulejman Dida, der bei Radio Kukes arbeitet. "Hier in Kukes arbeiten viele in der Verwaltung, und dann vielleicht noch 2.000, die bei Privaten Jobs gefunden haben. Aber es sind 6.000 Menschen beim Arbeitsamt gemeldet, die einen Job suchen. Viele sind nicht einmal registriert. Also: Die Arbeitslosigkeit ist hoch - in einer Region, wo gerade einmal 60.000 Menschen leben."

Auch Hyrmet Shehu ist arbeitslos, er stammt aus einem kleinen Dorf bei Kukes, er ist eigentlich Schmied, hat aber auch schon Fahrräder repariert, Holz gesägt, elektrische Leitungen verlegt. Anfang des Jahres brach er mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Deutschland auf - denn seinen Job hatte er verloren, weil er in der falschen Partei war, erzählt der junge Familienvater. "Ich habe Kukes für ein besseres Leben verlassen, sagt der 32-Jährige. Für meine Kinder. Ich wollte einen Job finden, mehr verdienen, um meine Familie ernähren zu können. Daraus wurde leider nichts. Wenn ich über den Anfang des Unternehmens nachdenke, stehen mir die Haare zu Berge, sagt er. Im Bus, mit einem neun Monate alten Kind, wir mussten es in einer Decke immer schaukeln, es weinte die ganze Zeit." 

"Wenn man mir einen Job anbietet, gehe ich zurück"

Für die Fahrt hatte sich die Familie - Eltern, zwei Kinder - 1.500 Euro geliehen, erzählt Hyrmet. Es ging erst nach Skopje, von dort nach München, dann nach Frankfurt, von dort in ein Aufnahmelager in Düsseldorf. Nach viereinhalb Monaten wurde die Familie wieder abgeschoben. Und jetzt? 

Eine Katastrophe, sagt er. "Ich habe keine Arbeit, lebe von Sozialhilfe. Ich bekomme umgerechnet 30 Euro im Monat. Davon müssen vier Leute leben. Das reicht nicht einmal für die Windeln meiner Tochter und wir brauchen auch Milch. Und jetzt kommt der Winter, wir müssen Bohnen kaufen. Seit mehr als einem Monat sind wir hier. Und ich habe immer noch keine Arbeit." 

Im Übergangslager war Hyrmet zusammen mit syrischen Familien. Die seien sehr nett gewesen, sagt er, hätten seinem sechsjährigen Sohn Schokolade geschenkt. Aber die Küche sei schmutzig gewesen, nur die Toilette Privatsphäre, und immer so viel Lärm, dass die Kinder nicht schlafen konnten. Seine Abschiebung findet er in Ordnung, aber er würde es wieder versuchen, nach Deutschland zu kommen, sagt der junge Albaner. 

Alleine vielleicht, sagt er, aber nicht mehr mit der Familie. "Ich warte auf einen Anruf. Wenn man mir einen Job anbietet, gehe ich zurück. Ich mache alles, kann im Wald Holz hacken. Warum muss ich hier bleiben? Warum müssen meine Kinder  für ein Kilo Nudeln leiden? Ich habe hier keine Chance."

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