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StartseiteKalenderblattAbgestürztes UFO oder Meteorit30.06.2008

Abgestürztes UFO oder Meteorit

Vor hundert Jahren verwüstete eine mysteriöse Explosion die Tunguska-Region in Sibirien

Es war ein Szenario wie aus einem Katastrophenfilm Hollywoods: Vor hundert Jahren brach im sibirischen Tunguska eine Explosion los, die tausendfach stärker war als die Atombombe von Hiroshima. Die Druckwelle rast einmal um die ganze Erde. Was die Explosion verursachte, darüber rätseln die Forscher noch heute.

Von Mirko Smiljanic

Verursachte ein Meteorit die Explosion in Sibirien? (Max-Planck-Institut für Biogeochemie)
Verursachte ein Meteorit die Explosion in Sibirien? (Max-Planck-Institut für Biogeochemie)

Tunguska, 30. Juni 1908, morgens kurz nach sieben: In Zentralsibirien beginnt ein schöner Sommertag. Warme Sonne, weite Kiefernwälder, Rentierherden. Nur wenige Menschen leben in dieser abgelegenen Region. Um 7:17 Uhr und elf Sekunden geschieht dann ohne jede Ankündigung eine unvorstellbar gewaltige Explosion.

"Es stürmte und krachte, Flammen am Himmel, teilweise haben Scheunen Feuer gegriffen, Rentiere sind verbrannt, ansonsten einfach aus der Ruhe der Sturm, der einen Großteil der Bäume umgelegt hat in einem Gebiet, so groß wie das Saarland."

Wolfgang Kundt, Astrophysiker an der Universität Bonn, zählt zu den renommiertesten Kennern der bis heute rätselhaften Tunguska-Katastrophe. Die Explosion hatte eine Sprengkraft von zehn bis fünfzehn Megatonnen TNT, das entspricht etwa dem 1150-fachen der Atombombe von Hiroshima. Andere Wissenschaftler gehen sogar von 50 Megatonnen TNT aus.

Im Umkreis von tausend Kilometern war die Detonation zu hören, seismische Erschütterungen wurden rund um den Erdball gemessen. Die freigesetzte Hitze war so groß, dass in 65 Kilometern Entfernung ein Bauer sich das Hemd vor Schreck vom Leibe riss, weil er dachte, er würde verbrennen. 60 Millionen Bäume lagen am Boden - dazwischen gab es aber auch bizarre Formationen: Einigen Bäumen fehlte nur die Krone, anderen fehlten die Äste.

"Im Zentralgebiet entstanden die sogenannten Telegrafenmasten. Da haben die Bäume ihre Äste verloren und haben im nächsten Frühjahr wieder ausgeschlagen, da hat die Stoßwelle so schnell zugeschlagen, dass der Stamm davon gar nichts gemerkt hat, bevor die Äste abgebrochen waren. Dazu braucht man Überschall. Überschall ist selten. Das hat es bei Hiroshima gegeben und das hat es bei Tunguska gegeben. Das gibt es normalerweise nicht."

Eine erste Expedition in das Katastrophengebiet fand 1927 statt. Weder das russische Zarenreich noch die Sowjetunion hatten sich um die Tunguska-Region gekümmert. Entsprechend spät entstanden deshalb Theorien, was denn Ende Juni 1908 überhaupt geschehen sei.

Die bis heute offiziell akzeptierte Version lautet, dass ein 100.000 Tonnen schwerer Meteorit oder Komet aus Staub und Eis mit einer Geschwindigkeit von 100.000 Kilometern pro Stunde in die Erdatmosphäre eingetreten war, sich dort erhitzt hatte und explodierte. Dadurch wurden ein Feuerball und eine Schockwelle erzeugt - aber es gab keinen Einschlagkrater.

"Man hat jahrzehntelang gesucht, man hat nicht ein einziges Gramm gefunden, obwohl man viele hundert Tonnen hätte finden müssen. Normalerweise findet man ein Drittel der einfallenden Trümmer, hier hat man kein Gramm."

Was seither die Diskussion um die Ursachen des Tunguska-Ereignisses beflügelt. Italienische Wissenschaftler etwa vermuten den Meteoriten auf dem Grund des kleinen aber sehr tiefen Tscheko-Sees. Gefunden haben aber auch sie noch keine Reste des Trümmerstücks aus dem Weltall. In eine andere Richtung dachte Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts der russische Wissenschaftler Andrei Olchowatow: Wenn die enormen Energien Tunguska nicht von außen zerstört haben, kommen sie vielleicht von innen.

"Die wirkliche Ursache des Tunguska-Ereignisses war offensichtlich ein Erdgasausbruch. Solche Ausbrüche gibt es in allen Kontinenten, das ist ein Erdgasausbruch, bei dem die dazugehörige Magma gar nicht ausgetreten ist, die ist unter Tage geblieben. Das Erdgas hat sich von dem heißen flüssigem Gestein unterirdisch getrennt und ist in einem gewaltigen Ausbruch durch die Oberfläche ausgetreten in die Atmosphäre."

Und hat dann zu den Verwüstungen geführt. Alle Ungereimtheiten kann aber auch diese Theorie nicht ausräumen - die Diskussion um Tunguska ist noch nicht zu Ende! Dazu zählen übrigens auch diverse Außenseitertheorien: Vielleicht war es doch eine Antimaterie-Explosion oder der Einschlag eins Schwarzen Lochs - oder ist ein Raumschiff mit Außerirdischen beim Landanflug auf die Erde schlicht abgestürzt?

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