Die Nachrichten
Die Nachrichten

Abkehr von Infektions-InzidenzWofür die Hospitalisierungsrate in der Corona-Pandemie steht

Eine Intensivpflegerin im Schutzanzug richtet auf der Covid-19 Intensivstation in der VAMED Klinik Schloss Pulsnitz einen Beatmungsschlauch ein.  (picture alliance/dpa/Robert Michael)
Pflegerin auf einer Covid-19 Intensivstation (Archivbild). (picture alliance/dpa/Robert Michael)

Bis vor Kurzem war die Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Neuinfektionen der zentrale Wert, um die Pandemie-Lage zu bewerten und Einschränkungen zu verschärfen oder zu lockern. Inzwischen ist die Belastung der Kliniken stärker in den Fokus gerückt - und damit auch die Hospitalisierungsrate. Allerdings häuft sich auch die Kritik an dem Indikator.

Laut dem neuen Infektionsschutzgesetz, das jetzt in Kraft getreten ist, gilt die Hospitalisierungsrate als wichtigste Größe für Corona-Schutzmaßnahmen. Zur Begründung hieß es, die Inzidenz habe zuletzt an Bedeutung verloren. Gleichzeitig könne man anhand der Klinik-Einweisungen sehen, ob die Pandemie trotz hoher Impfquote noch gefährlich werde. Die Entscheidung über Grenzwerte und Maßnahmen obliegt den Bundesländern.

Übermittelte Klinik-Einweisungen über eine Woche pro 100.000 Einwohner

Das Robert Koch-Institut erfasst in seinem Lagebericht neben der Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen und anderen Werten auch die Zahl der Menschen, die wegen einer Covid-19-Erkrankung in eine Klinik kommen. Diese Sieben-Tage-Inzidenz der Hospitalisierungen bildet die übermittelten Fälle über eine Woche pro 100.000 Einwohner ab.

In den aktuellen Lageberichten des Robert Koch-Instituts lag die Sieben-Tage-Inzidenz der Hospitalisierungen zuletzt zwischen 1,0 und 2,0 - mit steigender Tendenz. Der bisherige Höchstwert lag um die Weihnachtszeit bei mehr als 15.

Wie zuverlässig sind die gemeldeten Zahlen?

Kritik gibt es unter anderem am Meldeverfahren. Denn zur Berechnung der Zahlen für die vergangenen sieben Tage wird nicht der Zeitpunkt der Krankenhausaufnahme bei den gemeldeten Fällen herangezogen, sondern das Meldedatum des positiven Testergebnisses. Fälle von Patientinnen und Patienten, die erst einige Tage nach der festgestellten Infektion in die Klinik eingewiesen werden, müssen entsprechend nachgemeldet werden und fallen laut der Methode in die Hospitalisierungsinzidenz der vergangenen Tage. Durch diesen Meldeverzug ist die Hospitalisierungsrate laut Fachleuten erst einige Wochen im Nachhinein ein belastbarer Wert und wird tagesaktuell eher zu niedrig angegeben. Auch der Deutschlandfunk berichtet über das Thema.

Eine andere Kritik geht in die entgegengesetzte Richtung. Eigentlich sollen laut den RKI-Vorgaben nur Patientinnen oder Patienten gemeldet werden, die wegen ihrer Corona-Infektion in die Klinik eingeliefert werden. Nach Recherchen der "Welt am Sonntag" hat es hier ein Missverständnis zwischen RKI und zahlreichen Kliniken gegeben. Dort habe das Personal auch solche Patienten gemeldet, die eigentlich wegen einer anderen Erkrankung oder für einen Eingriff in die Klinik gekommen waren, und bei denen lediglich per Routinetest zusätzlich eine Infektion mit dem Virus festgestellt worden war. Laut dem Bericht haben sich die zuständigen Gesundheitsämter zum großen Teil nicht rückversichert, ob die Betroffenen spürbar erkrankt waren.

Kaum Meldekapazitäten in den Kliniken

Ein Teil des Problems scheint die Mehrbelastung für die Kliniken beim Zusammentragen der Daten zu sein. Der Intensivmediziner Karagiannidis sagte dem Science Media Center, der stressige Klinikalltag lasse keine Zeit für das ständige Ausfüllen von Dokumenten, dafür mangele es an Aufmerksamkeit und Personalausstattung. Die Lösung könne nur ein automatisierter Datenexport sein, nicht aber ein Assistenzarzt, der nachts um 3 Uhr ein Fax an das Gesundheitsamt schicke.

Neue Indikatoren vom Robert Koch-Institut

Vom RKI kommen nun neue Vorschläge, wie die einzelnen Bundesländer die Coronaschutzverordnungen ausgestalten können. In einem Strategiepapier taucht auch ein neues Paket von Indikatoren zur Bewertung der Lage auf, demnach sollen künftig die Inzidenz, die Hospitalisierungsinzidenz und neuerdings die durch COVID-19 gebundene Kapazität der Intensivstationen in Prozent betrachtet werden. Anhand dieser Kennwerte soll die aktuelle Lage in den einzelnen Bundesländern in drei Stufen eingeteilt und bewertet und in der Folge die Maßnahmen angepasst werden. Fachleute halten die neue Methode grundsätzlich für sinnvoll, allerdings könne es bei den Daten zur Intensiv-Versorgung erneut Verzerrungen geben, etwa weil der Bezug zur Bevölkerungsgröße im Versorgungsbereich einzelner Kliniken fehle.

(Stand: 20.09.)

Weiterführende Artikel zum Coronavirus

In unserem Nachrichtenblog finden Sie einen regelmäßig aktualisierten Überblick über die wichtigsten Entwicklungen. Lesen Sie auch:

+ Lage: Infektionszahlen in Deutschland (Stand 15.10.)

+ Impfung: Ist die Booster-Impfung sinnvoll? (Stand 4.10.)

+ Infektionsgeschehen: Wofür die "Hospitalisierungsrate" steht (Stand 20.09.)

+ Urlaub: Liste der Risikogebiete (Stand 09.10.)

Die Dlf-Nachrichten finden Sie auch bei Twitter unter: @DLFNachrichten.