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StartseiteEine WeltAbrissbefehl für mehr als 100 Häuser in einem der palästinensischen Viertel Jerusalems30.05.2009

Abrissbefehl für mehr als 100 Häuser in einem der palästinensischen Viertel Jerusalems

In Jerusalem - im Stadtteil Al Bustan unweit der Klagemauer und des Tempelbergs - sollen die palästinensischen Bewohner ihre Häuser räumen. Der Abrissbefehl ist erteilt. 1000 Menschen könnten nach UN Angaben so ihre Wohnung verlieren, für einen Erholungspark, den die israelische Regierung an der Stelle plant.

Von Sandra Fejjeri

Jerusalem: historischer und heiliger Ort für Muslime, Juden und Christen. (AP Archiv)
Jerusalem: historischer und heiliger Ort für Muslime, Juden und Christen. (AP Archiv)

"Mein Land, mein Land, das Land meiner Großväter" - der Anfang der palästinensischen Nationalhymne. Ein älterer Herr stimmt sie an. Vor der Sonne geschützt steht er unter der blauen Plane einer kleinen Tribüne in Al-Bustan. Denn hier, in dem Viertel im Ostteil Jerusalems, sollen bis auf wenige Ausnahmen fast alle 90 Häuser abgerissen werden. Die Stadt plant auf ihrem Grund einen Nationalpark, für den die Bewohner weichen sollen.

Vor dem Zelt sitzen rund 400 Besucher auf weißen Plastikstühlen. Das Viertel ist dicht besiedelt. Die mehr als 1000 Bewohner leben täglich mit der Angst, dass die Polizei im Morgengrauen mit Baggern anrücken könnte.

Am Rande des staubigen Platzes steht Abed Shlode und beobachtet das Geschehen. Er ist nervös, weil er fürchtet, dass die Polizei die Veranstaltung auflösen könnte. Shlode gehört zum Bürgerkomitee von Al-Bustan, und er hat die heutige Protestveranstaltung organisiert:

"Alles hat 2005 angefangen, als wir Abrissbefehle für insgesamt 88 Häuser erhielten. Zudem will die Stadtverwaltung das ganze Gebiet, auf dem die Häuser stehen, konfiszieren, um einen Erholungspark daraus zu machen. Im Stadtteil Silwan, zu dem auch unser Viertel Al-Bustan gehört, gibt es mehr als 300 weitere Räumungsbefehle."

Auch Abed Shlodes Familie ist von den Hausräumungen betroffen.

"Meine Eltern haben ihr Haus 1964 gemietet. Der Besitzer starb 1985. Sofort nach seinem Tod haben sie das Land konfisziert und es Siedlern verkauft. Die sind vor Gericht gezogen und versuchen, mich rauszuklagen. Nach israelischem Recht mag das rechtmäßig sein, aber wir wissen, dass es das nicht ist."

Die meisten palästinensischen Familien leben seit Generationen in Al-Bustan - viele von ihnen schon, bevor 1948 der Staat Israel gegründet wurde. Als Israel Ost-Jerusalem im Sechs-Tage-Krieg 1967 besetzte, stellten die israelischen Behörden so gut wie keine Baugenehmigungen aus. Aus Mangel an Wohnraum bauten viele Familien fortan ohne Genehmigung. Allein in Ost-Jerusalem leben mehrere 1000 Palästinenser in Häusern, denen der Abriss droht. Für die Stadtverwaltung sind diese Gebäude einfach illegal. Stephen Miller, der Sprecher des Bürgermeisters Nir Barkat, erläutert:

"Die Stadtverwaltung verfolgt eine klare Politik. Illegale Gebäude sind illegale Gebäude. Es spielt keine Rolle, wer sie baut, welcher Rasse oder Religion der Bewohner angehört. So waren wir beispielsweise auch gezwungen, Abrissbefehle für illegale Synagogen zu erteilen, die in jüdischen Gegenden Jerusalems gebaut wurden, denn die sind genauso illegal, wie die Bauten in Ost-Jerusalem."

Yudith Oppenheimer von der israelischen NGO "Ir Amim", kritisiert diese Haltung. Seit 1967 seien die palästinensischen Stadteile in Ost-Jerusalem im Gegensatz zum Westteil der Stadt stark vernachlässigt worden.

"Die israelische Politik hat alles getan, um palästinensische Häuser in Ost-Jerusalem zu verhindern. Sie hat einfach keine Baugenehmigungen ausgestellt und keine Stadtplanung betrieben. Der einzige Weg, in diesen Vierteln zu bauen, war daher, es ohne Genehmigung zu tun. Deshalb sagen wir auch nicht 'illegal', sondern 'ohne Genehmigung', denn die Menschen, die auf diese Weise gebaut haben, sind keine Kriminellen. Sie wollten lediglich ein Haus für ihre Familie bauen.”"

Das Viertel Al-Bustan liegt nur ein paar Gehminuten von der Altstadt entfernt. Die Häuser kleben dicht gedrängt wie Bienenwaben am Hang. Das Abwasser bildet hier Pfützen, und der Müll liegt offen herum. Im Rahmen des Masterplans "Jerusalem 2020" soll hier, neben den Ruinen der Stadt König Davids, ein Erholungsgebiet entstehen. Für Israel ist das Gebiet nahe der Altstadt von immenser, historischer Bedeutung. Stephen Miller von der Stadtverwaltung erklärt:

""Das Gebiet der Stadt Davids ist der Ursprung Jerusalems und seiner Geschichte, seit Tausenden von Jahren. Hier wurde das Hohelied geschrieben, es ist eine Gegend, in der König Salomon lebte, und die einmal der schönste Garten der Welt gewesen sein soll. Es ist ein Gebiet, das seit Zeiten König Davids ein Erholungsgebiet war - und das am nächsten zum Tempelberg liegt.”"

Yudith Oppenheimer von "Ir Amim" hält diese Argumentation für einen Vorwand. Sie bezweifelt, dass die Bewohner des Viertels von dem Park profitieren werden:

""Die archäologische Bedeutung dieses Ortes leugnen wir nicht. Doch die sollte sich nicht gegen die Bedürfnisse der Menschen dieses Viertels richten. Hier werden jedoch archäologische Argumente gegen die Bevölkerung eingesetzt. Die profitiert nicht von den touristischen Möglichkeiten, die entstehen könnten, weil alles in der Hand von Siedlerorganisationen ist. Stattdessen werden die Menschen aus ihrem Viertel vertrieben."

Die Bewohner Al-Bustans haben keinerlei Mitspracherecht. Mehr als 50.000 Euro haben sie seit 2005 investiert, um ein alternatives Konzept mit einer Stadtplanerin zu entwickeln. Schulen sollten gebaut werden, ein Stadtteilzentrum, und der Erholungspark in friedlicher Nachbarschaft entstehen. Doch im Februar wurde der Plan in nur einer Sitzung von einem Planungskomitee abgelehnt. Die Viertel rund um die Altstadt, das glauben die Bewohner hier, sollen "jüdisch" werden. Dies, so befürchtet nicht nur Abed Shlode, könnte die demografische Struktur Ost-Jerusalems nachhaltig verändern:

"Wenn man sich in Ost-Jerusalem umsieht, findet man Tausende Häuser, die abgerissen werden sollen. Und wo immer man hinschaut, sieht man, dass die Stadtverwaltung Land beschlagnahmt und überall Siedler den Besitz übernehmen: Diese Leute schaffen Fakten. Es ist eine ethnische Säuberung, soviel ist sicher."

Mehr als 70 Millionen Euro hat die neue Regierung für den Ausbau jüdischer Gedenkstätten rund um die Altstadt nun bereitgestellt, um den Status Ost-Jerusalems als untrennbare Hauptstadt Israels zu untermauern. Yudith Oppenheimer betrachtet diesen Prozess mit Besorgnis. Im geplanten Erholungspark sieht sie auch einen Versuch, die muslimische und christliche Geschichte dieses Ortes zu überschreiben:

"In den vergangen Jahrzehnten herrschte unter allen Regierungen die Auffassung, dass Jerusalem, und dabei besonders die Altstadt und das Gebiet drum herum nicht nur für das jüdische Volk wichtig sind, sondern für die Geschichte der beiden Völker und der drei Religionen, also auch der Christen und Muslime. Mit der neuen Regierungspolitik sehen wir jedoch eine Veränderung: Nun geht es darum, die israelische Kontrolle über diese Viertel zu erlangen, und zwar auf Kosten der Bevölkerung, die dort lebt."

Das Ziel, glaubt Yudith Oppenheimer, sei es, das Gleichgewicht in Ost- Jerusalem zu verändern, um zukünftige Verhandlungen über den Status der Stadt zu beeinflussen. Dies jedoch könnte einen Kompromiss in Jerusalem in der Zukunft nahezu unmöglich machen.

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