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StartseiteDeutschland heuteEin Holländer auf den Spuren seines Vaters12.05.2016

Abschied im KZ NeuengammeEin Holländer auf den Spuren seines Vaters

100.000 Menschen wurden im Konzentrationslager Neuengamme zwischen 1938 und 1945 gefangen gehalten, die Hälfte von ihnen kam dort ums Leben. Einer von ihnen war der Niederländer Joost de Snoo. Sechs Jahrzehnte nach seinem Tod im KZ hat sich sein Sohn auf den Weg nach Hamburg-Neuengamme gemacht.

Von Axel Schröder

Der Niederländer Joost de Snoo auf dem Gelände des Konzentrationslagers Neuengamme. (Deutschlandradio / Axel Schröder)
In der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Neuengamme sucht der Niederländer Joost de Snoo nach Hinweisen auf das Leben seines Vaters im KZ (Deutschlandradio / Axel Schröder)
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60 Jahre hat Joost de Snoo gebraucht, um nach Neuengamme zu reisen. An den Ort, an dem sein Vater ums Leben kam. - Seine Frau Trus de Snoo begleitet ihn. Im kleinen, mit Glas überdachten Eingangsgebäude zur Gedenkstätte KZ Neuengamme wird er von Martin Reiter empfangen. Der Historiker arbeitet für die Gedenkstätte und spricht de Snoos Sprache.

Joost de Snoo ist das erste Mal in Deutschland. Er hat das Land gemieden. Und sich nun, mit 75, entschieden, den Schritt über die Grenze zu wagen:

"Das ist sehr emotional für mich! Ich habe dafür viele Jahre gebraucht. Und jetzt bin ich hier."

1944 wurde Joost de Snoo Senior in Rotterdam von den deutschen Besatzern verhaftet. Drei Jahre alt war sein Sohn damals. Und Erinnerungen? Nein, die hat er nicht an seinen Vater, erzählt er. Hier, im Archiv der Gedenkstätte, sucht Joost de Snoo nach Hinweisen auf das Leben seines Vaters im KZ.

SS verbrannte vor der KZ-Befreiung alle Dokumente

Zusammen mit seiner Frau überquert er den groben Schotter auf dem Vorplatz, in der einen Hand eine weiße Plastiktüte, in der anderen einen dünnen Aktenordner. Joost de Snoo schaut auf die 14 langgestreckten Fundamente der alten Holzbaracken, lässt sich von Martin Reiter den Aufbau des Lagers erklären:

"Die Baracken waren geplant für 200 Gefangene. Am Ende saßen in so einer Baracke mehr als 300, oft 500 bis 600 Gefangene. Und wenige Meter dahinter kommt dann wieder die nächste Baracke."

Im Archiv des Konzentrationslagers Neuengamme spricht die Archivarin Alyn Beßmann (r.) mit dem holländischen Ehepaar Joost und Trus de Snoo. (Deutschlandradio / Axel Schröder)Die Archivarin Alyn Beßmann (r.) des Konzentrationslagers Neuengamme zeigt dem holländischen Ehepaar Joost und Trus de Snoo Hinweise auf dem Lageraufenthalt von Joost de Snoo Senior. (Deutschlandradio / Axel Schröder)
Neuengamme war ein Arbeits-, kein Vernichtungslager wie Ausschwitz-Birkenau, Treblinka oder Sobibor. Trotzdem starben hier mindestens 50.000 Menschen. Die Gefangenen in Neuengamme wurden vor allem durch Krankheiten, die nicht behandelt wurden, durch Unterernährung oder die harte körperliche Arbeit hingerichtet. Zum Beispiel im Ziegel-Werk, aus dem die roten Backsteine für die beiden noch erhaltenen Haftgebäude, das heutige Archiv stammen. Dort, in ihrem Büro im ersten Stock, empfängt die Archivarin Alyn Beßmann das Ehepaar:

"Ich fürchte, ich werde ihnen nur wenig sagen können, was sie noch nicht wissen. Es ist so, dass im KZ Neuengamme das Lager geräumt worden ist, bevor es befreit werden konnte. Und die SS, um ihre Verbrechen zu vertuschen, alle Dokumente verbrannt hat."

Todesursache: "Herzschlag" - kein Hinweis auf die wahren Umstände

Vor der Archivarin liegen deshalb nur drei DIN A4-Seiten, darunter die Transportliste vom 8. September 1944. Blatt Nr. 35, laufende Nummer 610, Häftlingsnummer 49.649: "de Snoo, J., Arbeiter, Rotterdam, Hudsonstr. 53". Alyn Beßmann reicht Joost de Snoo die Liste. Danach auch den Eintrag aus dem Krankenrevier:

"Da wurde auch ein Sterberegister geführt und das hier ist der Auszug aus dem Sterberegister für ihren Vater."

Transportliste des Konzentrationslagers Neuengamme vom 8. September 1944. Blatt Nr. 35, laufende Nummer 610, Häftlingsnummer 49.649: "de Snoo, J., Arbeiter, Rotterdam, Hudsonstr. 53".  (Deutschlandradio / Axel Schröder)Auf der Transportliste vom 8. September 1944 ist Joost de Snoo mit der Häftlingsnummer 49.642 verzeichnet. (Deutschlandradio / Axel Schröder)
Todesursache: "Herzschlag" ist dort vermerkt. Genau wie bei den meisten anderen Toten des Lagers. Es ist der Standardeintrag der KZ-Ärzte, kein Hinweis auf die wahren Umstände, unter denen Joost de Snoo ums Leben kam. 26 Jahre alt, drei Monate nach Beginn der Lagerhaft in Neuengamme. Sein Sohn schaut sich die Dokumente genau an. Liest still den Namen seines Vaters in Schreibmaschinenschrift und schaut auf:

"Ich habe die Dokumente noch nie gesehen. Da bin ich sehr froh drüber über die Dokumente, die ich heute gekriegt habe von diesem Fräulein. Für mich ist das sehr interessant!"

"Diese Liebe meines Vaters, die habe ich vermisst!"

Alyn Beßmann hat er noch zwei vergilbte Schwarzweiß-Fotos mitgebracht. Ein Porträtfoto seines Vaters und ein Bild der kleinen Familie auf einer steinernen Brücke irgendwo in Rotterdam: seine Mutter und sein Vater, auf dem Arm den zwei-, drei Jahre alten Joost. Die Archivarin scannt die Fotos, notiert alles, was der Sohn noch von seinem Vater zu erzählen weiß. Viel ist das nicht. Nach dem Vater verlor er auch früh seine an Krebs erkrankte Mutter, wuchs erst in einem Heim, dann bei Pflegeeltern auf. Anderthalb Stunden nimmt sich die Archivarin Zeit, dann bedankt sie sich für Joost de Snoos Hilfe, verabschiedet sich.

Der Niederländer Joost de Snoo und seine Frau Trus de Snoo legen auf dem Gelände des Konzentrationslagers Neuengamme Blumen nieder. (Deutschlandradio / Axel Schröder)Der Niederländer Joost de Snoo und seine Frau Trus de Snoo legen auf dem Gelände des Konzentrationslagers Neuengamme Blumen nieder. (Deutschlandradio / Axel Schröder)
Draußen überquert das Ehepaar den weiten Platz, hinter dem Lager drehen sich Windräder vor dem blauen Himmel. Joost de Snoo ist auf dem Weg zu den Grundmauern des Krematoriums, ganz am Rand des einstigen KZs. Kränze und Blumen liegen davor, ausgedörrt von der Sonne. Der Niederländer ist ganz still, öffnet die Plastiktüte, greift den Topf mit der Sonnenblume, stellt ihn behutsam auf den Schotter. Joost de Snoo wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Setzt sich auf die Bank vor dem Krematorium, in den Schatten einer Birke:

"Ja, ich hatte einen Pflegevater. Aber das ist nicht das Gleiche wie Vater und Sohn. Ich habe selbst zwei Kinder. Und das Gefühl, das ich für meine Kinder habe, das meine Kinder für mich haben… Diese Liebe meines Vaters, die habe ich vermisst!"

Herzlicher Empfang in der KZ-Gedenkstätte

Jetzt hat Joost de Snoo den Schritt gemacht, den er so lange nicht tun wollte. Oder konnte. Hatte er Angst davor, hier zu stehen?

"Nein, die hatte ich nicht. Ich war sehr nervös heute Morgen. Weil ich nicht wusste, was mich hier erwartet. Aber ich bin herzlich empfangen worden. Und das hat mir gut getan. Das hat wirklich gut getan. Und mir wurde das Gelände hier gezeigt. Und das war wichtig für mich!"

Morgen, erzählt Joost de Snoo, wird er mit seiner Frau nach Bad Arolsen fahren. Zum einzigen deutschen Standesamt, das alle Sterbefälle in Konzentrationslagern archiviert. Dort, erzählt der Niederländer, sollen noch die Dinge lagern, die sein Vater nach seiner Verhaftung abgeben musste. Dinge, die sein Vater vor Jahrzehnten in den Händen hielt.

 

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