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Abschied von der Diaspora

Die USA, einstiges Fußball-Entwicklungsland, haben mittlerweile eine gute Nationalmannschaft. Mit der Gründung der Major League Soccer in den USA wurde vor 15 Jahren ein großes Loch auf der intenationalen Fußball-Landkarte gefüllt. Die Entwicklung ist ermutigend - auch aus Sicht der deutschen Bundesliga, die seit 2007 mit den Amerikanern einen engen Gedankenaustausch betreibt.

Von Jürgen Kalwa | 18.04.2010

    Der amerikanische Profi-Fußball hat im letzten Jahr ein erstaunliches Phänomen erlebt: Da wurde in Seattle ein neuer Club aufgemacht, und zu den Heimspielen kamen im Schnitt 30.000 Zuschauer. Eine Rekordzahl. Seattle ist der Sitz von Weltfirmen wie Microsoft und Boeing und galt schon immer als aufgeschlossene Metropole. Aber mit einer derartigen Begeisterung für eine Sportart, die weit hinter den Publikumslieblingen Baseball, Football und Basketball rangiert, hatte niemand gerechnet.

    Es hätte nicht viel gefehlt, und der Seattle Sounders FC mit dem Ex-Mönchengladbacher Kasey Keller im Tor und dem aus England importierten Schweden Freddie Ljungberg wäre in seiner ersten Saison Meister geworden. Der Erfolg setzt sich fort. In der soeben angelaufenen Saison verbuchte die Mannschaft einen Sieg und ein Unentschieden.

    Die neue Spielzeit wäre allerdings beinahe nicht nach Plan angepfiffen worden. Bis kurz zuvor stand ein Streik der Spieler um bessere Rahmenbedingungen und Gehälter im Raum.

    Dieses Spiel der Kräfte - zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern - entspricht den Gepflogenheiten von Mannschaftssportarten in Amerika, wo es keine Vereine im klassischen Sinne gibt. Die Clubs waren schon immer Unternehmen. Und deren Besitzern gehört - zusammen - die Liga. Der Streit mit der Gewerkschaft entstand, weil die Verantwortlichen von Major League Soccer von der ständigen Sorge geplagt werden, ja nicht die vielen Fehler der glorreich gescheiterten North American Soccer League der Pele- und Beckenbauer-Jahre zu wiederholen. Man kann Geld, das man hat, schließlich nur einmal ausgeben.

    Auf der vorsichtigen Gratwanderung zwischen Wachstum und Stabilität ist die Soccer-Liga in jedem Jahr ein gutes Stück voran gekommen. Zum Beispiel mit der Ausdehnung nach Kanada. Als besonders kluge Strategie erweist sich der Bau von modernen eigenen Stadien in einer kompakten Größe. Die New York Red Bulls, die dem gleichnamigen Salzburger Getränkekonzern gehören, eröffneten im März ihre edle Schatulle. Im Juni bekommt Neuling Philadelphia Union seine eigene Arena.

    Diese "fußballspezifische” Stadien mit einem Fassungsvermögen von 20.000 bis 25.000 Zuschauern sorgen nicht nur für eine bessere Atmosphäre, als die riesigen Betonschüsseln der National Football League, in denen die Mannschaften immer so verloren aussehen. Mit dem eigenen Heim schlagen sie endlich Wurzeln.

    "”Ich glaube, dass ist sehr wichtig, dass eine Mannschaft ihre eigene Heimstätte hat. Wenn man zu Gast ist bei einem Football-Club, ist das schwierig und trägt das nicht zur Identifikation bei.”"

    Das ist Christian Pfennig, Kommunikationsdirektor der Deutschen Fußball-Liga in Frankfurt und zuständig für internationale Kooperation. In dieser Funktion kümmert er sich auch um den Gedankenaustausch, den die Bundesliga seit 2007 offiziell mit den Amerikanern betreibt. Ihm gefällt die Entwicklung der Sportart in den USA.

    ""Was wir natürlich sehen, dass Soccer insgesamt steigende Popularität in den USA hat. Das bestätigt unsere Marktforschung. Was das Interesse angeht, ist die Sportart dabei, Eishockey von Rang vier zu verdrängen.”"

    Diese Rangordnung zeigt: Die Verhältnisse sind anders als in Deutschland. Trotzdem glaubt die Bundesliga-Führung, dass sie von ein paar amerikanischen Spezifika sogar ein wenig lernen kann. Dazu gehört das Konzept einer Salary Cap, ein Gehaltsdeckel, der alle Clubs zur Sparsamkeit zwingt, und die Feinheiten der Eigentumsverhältnisse in der Liga.

    Wer genauer hinschaut, wird jedoch entdecken, dass Major League Soccer bei allem Rückenwind noch immer nicht aus dem Gröbsten heraus ist. Seit der Gründung hat man mehr als 350 Millionen Dollar an Verlusten eingefahren. Darunter leiden natürlich die Nobodies in den sechzehn Mannschaften, im Schnitt deutlich weniger als 100.000 Dollar pro Saison verdienen. Gewerkschaftschef Bob Fouse ist dennoch optimistisch:

    ""Die Liga hat sich gut und stetig entwickelt. Wir würden alle gerne ein schnelleres Wachstum sehen. Aber das ist angesichts der Konkurrenz mit anderen Sportarten eher unwahrscheinlich. So lange die Liga stetig weiter wächst, sind wir mit der Entwicklung zufrieden.”"

    Was derzeit fehlt, ist vor allem ein gut dotierter Fernsehvertrag. Die laufenden Vereinbarungen bringen der Liga nur knapp vier Millionen Dollar pro Jahr in die Kasse. Ein Tropfen auf einen ziemlich heißen Stein.