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StartseiteKalenderblattAbschied von der Zivilisation16.09.2005

Abschied von der Zivilisation

Vor 385 Jahren brach die "Mayflower" nach Amerika auf

Auch die Freiheitsliebe war an Bord, als am 16. September 1620 die so genannten Pilgrim Fathers, englische Puritanisten, an Bord der Mayflower in Richtung Neue Welt aufbrachen. Die politischen Verhältnisse in Europa hatten die Ausübung ihres Glaubens nicht zugelassen, so dass ihnen Amerika als das Gelobte Land erschien. Tatsächlich entwickelte die puritanische Religion eine Kraft, die die amerikanische Kultur bis heute beherrscht. Und doch hatten die Puritaner auch durchaus weltliche Gedanken im Hinterkopf, die nicht nur zur Verbreitung des Glaubens, sondern auch das Geldes beitrugen.

Von Kersten Knipp

Den einsetzenden Winter überlebte nur die Hälfte der Siedler. (AP)
Den einsetzenden Winter überlebte nur die Hälfte der Siedler. (AP)

Am Anfang des Puritanismus stand ein Ehebruch. Weil der Papst seine Ehe mit Katharina von Aragón nicht scheiden wollte, sagte der englische König Heinrich VIII. im Jahr 1534 sich und sein Land von der Katholischen Kirche los. Die Hoffnung mancher seiner Untertanen auf eine religiöse Erneuerung im Geist des Protestantismus erfüllte sich indes nicht. Eine Gruppe von Reformern verfasste 1563 darum eine Schrift namens "Puritain Articles of Convocation" in der sie dazu aufrief, die Kirche von Unmoral und der Vorherrschaft der römisch-katholischen Rituale zu reinigen. Die Forderungen der nach dem Papier nun "Puritaner" genannten Gruppe gingen dem Königshaus zu weit, weshalb es scharf gegen sie vorging. Für die Puritanisten, so William Bradford, der später die Überfahrt nach Amerika leitete, war das Leben in England kaum mehr erträglich.

"Man ließ uns nicht in Frieden. Man verfolgte uns und klagte uns an. Frühere Diskriminierungen waren nichts als Fliegenbisse im Vergleich zu dem, was nun passierte. Einige kamen ins Gefängnis, die Häuser anderer wurden Tag und Nacht bespitzelt. Die meisten mussten fliehen. Sie verloren alles. "

Im niederländischen Exil entschlossen sich die Puritaner, in die Neue Welt auszuwandern. Am 16. September 1620 stachen einige von ihnen mit Einverständnis von König James I. von Plymouth aus in See. Gut zwei Monate dauerte die Überfahrt, und am 11. November betraten die Pilger am Cape Cod im heutigen Massachusetts erstmals amerikanischen Boden. Die Neue Welt, so William Bradford, wirkte auf die Kolonisten zunächst recht abweisend.

"So voller Dickicht und Wälder machte das ganze Land einen wüsten und ungezähmten Eindruck. Wenn wir hinter uns blickten, war da der weite Ozean, den wir überquert hatten. Nun hatte er sich zum Abgrund gewandelt, der uns hinfort von allen zivilisierten Ländern der Erde trennte."

Der Abschied von der Zivilisation erfordert hohe Opfer. Den einsetzenden Winter überlebte nur die Hälfte der Gruppe. Dennoch war für den Prediger Thomas Sheppart der göttliche Heilsplan offensichtlich.

"Was hat Gott mit dem neuen Israel vor? Er führt uns in ein Versteck, einen Hafen. Wie damals die Israeliten, als sie in Ägypten waren. (…) Wie die Kinder Israels durch das Rote Meer wanderten und durch die Wüste, bevor sie Kanaan betreten konnten, so müssen auch wir durch ein Rotes Meer des Kummers gehen und durch die Wildnis des Leidens wandern, bevor wir im himmlischen Kanaan ankommen."

Doch Amerika war auch ein durchaus weltliches Kanaan. Die Kolonisten wurden von einer Londoner Aktiengesellschaft finanziert, die 7000 Pfund, umgerechnet über eine Million Dollar, in das Unternehmen investiert hatte. Das Motiv, sich in den Dienst dieser Gesellschaft zu stellen, vermuten heutige Historiker, könnte nicht zuletzt auch darin bestanden haben, dass die Gruppe bereits in Leyden finanziell bedrängt, ihr Leiter William Bredford möglicherweise hoch verschuldet war. Eine restlos heile Welt ließ sich also auch in Amerika nicht verwirklichen. Robert Cushman, einer der geistlichen Leiter, wusste also, wovon er sprach, als er 1621 in einer Predigt die Christen der Alten Welt einlud, ihr Heil im Fall des Falles in der Neuen zu suchen.

"Falls es Gott gefallen sollte, sein Volk in den christlichen Ländern Europas für ihre Kälte, ihre Lüsternheit, die bewusste Missdeutung der Evangelien, Streitlust und solche Dinge zu bestrafen - sei es durch Versklavung durch die Türken oder die Tyrannei des Papstes, die Gott verbat -, oder falls die Zeit kommt, in der der Satan losgelassen wird um seine Fluten über sie zu ergießen, - dann steht ein Weg für jene offen, die Flügel haben, um in diese Wildnis zu entfliehen."

Immer mehr Puritaner kamen in den folgenden Jahren nach Amerika. Sie trugen dazu bei, in Amerika ein Klima religiöser Selbstgewissheit zu verbreiten, das sich bis heute hält. Längst spielt die Berufung auf Gott auch in der Politik eine große Rolle. So dass es mittlerweile darauf ankommt, deren Logik vor den Anmaßungen des Glaubens zu schützen.

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