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StartseiteBüchermarktAbseits glatter stilisierter Fotografie25.10.2010

Abseits glatter stilisierter Fotografie

Porträt des Kehrer Verlags aus Heidelberg

Die Verlagslandschaft ist in ständigem Wandel. Besonders hart umkämpft ist der Kunstbuchmarkt. Der Kehrer Verlag in Heidelberg hat Mitte der 90er-Jahre die Fotografie in sein Programm aufgenommen und kann heute auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken.

Von Martina Wehlte

Der Kehrer Verlag zeigt Mut zum Risiko bei der Herausgabe von Fotobüchern. (Stock.XCHNG / Ben Gribbin)
Der Kehrer Verlag zeigt Mut zum Risiko bei der Herausgabe von Fotobüchern. (Stock.XCHNG / Ben Gribbin)
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Wer würde nicht gerne Erfolgsgeschichten erzählen, zumal wenn der Erfolg wohlverdient ist? Der Heidelberger Kehrer Verlag kann 15 Jahre nach seiner Gründung auf eine solche Erfolgsgeschichte zurückblicken. Ausgangspunkt war eine Mannheimer Agentur, die sich auf die Gestaltung von Ausstellungskatalogen spezialisiert hatte und an die immer mehr Künstler auch ohne Verlag herantraten. So kam zu Kehrer Design der Kehrer Verlag hinzu, der mit dem Band "Celebrities" für die Sammlung Gruber im Museum Ludwig 1995 debütierte: eine verführerisch sich räkelnde Marilyn Monroe auf dem Cover, Porträts von berühmten Persönlichkeiten zwischen den Buchdeckeln. Heute umfasst das Verlagsprogramm 50 Seiten, jährlich erscheinen etwa siebzig Titel. Der Trend zu einem Übergewicht an Ausstellungskatalogen gegenüber Kunstbüchern und Künstlermonografien bestimmt noch nicht das Angebot, aber auch hier bilden finanziell gesicherte Kataloge das wirtschaftliche Standbein und können Bücher in geringer Auflage, wie diejenigen von jungen Fotografen, mittragen. So hat Kehrer für die Karlsruher Kunsthalle Sammlungskataloge gemacht, die für die großen Verlage vom Absatz und der Publicity her nicht so attraktiv waren. Die Fotos kommen üblicherweise vom Kunden und der Verlag übernimmt dann die Bildbearbeitung. Dem Gesellenstück ist im Falle der Karlsruher Kunsthalle die Gelegenheit zum Meisterstück gefolgt, wie Barbara Karpf ausführt, die dem zehnköpfigen festen Mitarbeiterteam angehört:

"Das ist ein ganz gutes Beispiel. Oft ist es so, dass uns die Museen einmal ausgetestet haben, man muss sich natürlich bemühen, dass man die Anfrage bekommt, dann bietet man an. Und wir haben in der Regel mit kleineren Ausstellungsprojekten bei den Museen begonnen, bis die gesehen haben: Die können's auch und die können's gut, sind schöne Bücher dabei rausgekommen und dann kriegt man auch mal so ein schönes Projekt wie diesen letzten Ausstellungskatalog von Karlsruhe 'Die Plastik der Moderne von Rodin bis Giacometti'. Der Bildbearbeiter geht dann auch mit zum Druck, der weiß, wie die einzelnen Fotos abgestimmt werden müssen, dass das alles ein Guss wird."

Die Sorgfalt bei der Herstellung lohnt sich, die Qualität hat sich herumgesprochen. Von der Nordsee bis zur Schweiz erstreckt sich das Auftragsgebiet: das Kunsthaus Solothurn, Zürich, Luzern, München, Köln; der Chagall-Katalog für das Saarland-Museum Saarbrücken im vergangenen Winter, die Arte Povera für das Kunstmuseum Liechtenstein in diesem Herbst. Längst ist Kehrer auch international gut aufgestellt, hat sein Publikum von den USA bis nach Vietnam, wo im November im Rahmen des "Deutschlandjahres in Vietnam 2010" André Lutzens Fotoserie "Public Private Hanoi" zu sehen sein wird, begleitet von dem gleichnamigen Kehrer-Fotobuch. Der junge Hamburger André Lutzen bewegt sich mit seinen Arbeiten im Bereich künstlerisch gestalteter Dokumentarfotografie, schafft Milieustudien, die im Kehrer Verlag eine wichtige Position haben; neben Porträts, auch Landschaftsporträts wie denjenigen von Thomas Wrede.

Die bei Kehrer stark vertretenen jungen Fotokünstler bieten ein interkulturelles Spektrum von Lebensräumen, oft fokussiert auf Alternativentwürfe und Subkultur, auf gesellschaftspolitische und ökonomische Fragestellungen oder Einflüsse der Medienwelt auf unseren Alltag und unsere Wahrnehmung. Der Mut zum Risiko hat sich immer wieder bewährt, wie bei Andreas Reegs Fotoband von "Menschen mit Down-Syndrom" oder Peter Gransers "Alzheimer". Beide Ausgaben sind inzwischen in zweiter Auflage erschienen und bestätigen die Strategie künstlerisch anspruchsvoller, nicht auf Breitenwirkung ausgerichteter Editionen, mit denen Kehrer sich zu einem der führenden deutschen Fotobuchverlage entwickelt hat. Das Verlagsprofil in diesem Segment ist also nicht durch die glatte stilisierte Fotografie von den jungen Schönen geprägt, sondern unverkennbar auf gesellschaftliche Randgruppen gerichtet, auf die Umwertung der gängigen Vor- und Fehlurteile, auf das Zelebrieren des Unscheinbaren und die Entdeckung der Schönheit im Hässlichen. Und mit diesem Konzept gegen den Mainstream hat Kehrer neue Maßstäbe gesetzt. Was macht dieses Alleinstellungsmerkmal aus?

"Bei uns ist es glaub ich ganz wesentlich, dass das ganze Team - wir sind Kunsthistoriker, wir sind Grafiker, aber alle haben einen ganz engen Bezug zu den jeweiligen Projekten. Ich glaube, was uns besonders auszeichnet, ist das persönliche Engagement für jedes Projekt, was reinkommt. Das ist bei den Großen halt auch gar nicht mehr machbar."

Dabei bekommen nicht die unausgegorenen Newcomer eine Plattform, sondern schon mit Preisen ausgezeichnete Talente ihre Chance zum Durchbruch, wie eben Peter Granser. Oder in diesem Jahr Maziar Moradi, Andrej Krementschouk und Karsten Kronas. Wovon handelt das Fotobuch des Deutschiraners Maziar Moradi?

"Es handelt von dem Jahr 1979, von der Revolution im Iran; die persönlichen Schicksale von Familienmitgliedern von Moradi, die er in Fotografien nachstellt, dieses Schicksal teilen so viele Exil-Perser auf der ganzen Welt, dass ich schon denke, dass da Interesse da ist. Aber unser Klientel sind in der Regel die Fotobuchsammler."

"Bilder verlieren ihr Geheimnis, wenn sie erst einmal erklärt werden", sagt Moradi. Gerade das Geheimnisvolle, Vieldeutige eines Werks macht aber ein Gutteil seiner Qualität aus und der 35-Jährige hat ein Gespür für das geheimnisvolle Potenzial eines Motivs, einen sicheren Instinkt für effektvolle Inszenierungen und das Können, sie technisch umzusetzen. So werden unprätentiöse Alltagsszenen aus dem Leben seiner Familie grandiose Kunstwerke, Porträts zu lebenden Denkmälern. Und ein scheinbar zufälliger Schnappschuss erweist sich als wohldurchdachte Komposition und über sich hinausweisendes Symbol.

Drastischer sind die Fotobände des jungen Russen Andrej Krementschouk und des aus Wiesbaden stammenden Karsten Kronas, mit denen der Heidelberger Kehrer Verlag zwei weitere Künstler auf dem Karrieresprung in sein Programm aufgenommen hat. Beide dokumentieren das Leben von Außenseitern und erfassen ein in seiner Fremdheit den Betrachter faszinierendes Lebensgefühl von Sucht und Sehnsucht, Einsamkeit und Ausgelassenheit, indem sie in ihren Bildern atmosphärisch ganz in das So-Sein und Anders-Sein eintauchen: der eine - Karsten Kronas - in das Transsexuellen-Milieu im Istanbuler Stadtteil Beyoglu, der andere in eine Gruppe von Obdachlosen, die sich in einem heruntergekommenen Haus in einer russischen Kleinstadt eingerichtet hatte. Andrej Krementschouk erhielt in diesem Jahr den Deutschen Fotobuchpreis 2010 in Silber und wurde von dem amerikanischen Fotomagazin PDN ausgezeichnet.

Geradezu Kultstatus hat Esther Haases Band "ROCK'N'OLD" , mit seinen witzigen, skurrilen Inszenierungen von alten Menschen, die schrill geschminkt und extravagant gekleidet, in exzentrischen Posen aufgenommen sind und jenseits des gewohnt Normalen den Blick auf eine ganz eigene Ausstrahlungskraft, ja Erotik freigeben. Die Sound-Art-Editionen und eine gerade begonnene Reihe von sogenannten "Trouvés", handgearbeiteten Künstler-Objekten in Auflagen von fünf Stück sind eher Marktnischen im Vergleich zu den Fotobüchern, einem Medium, dem im vergangenen Sommer erstmals eine Messe in den Hamburger Deichtorhallen eingeräumt wurde, die "Fotobuchtage". Und das nicht umsonst, denn:

"Die Fotografie hat's bestimmt geschafft, den gleichen Rang als Kunstgattung wie Malerei oder Plastik heutzutage einzunehmen. Und da haben natürlich die Fotobücher einen großen Anteil dran."

Zumal wenn sie allesamt so anspruchsvoll und sorgfältig im Layout gearbeitet sind, vom Thema her ungewöhnlich, oft exotisch, sperrig, provokant wie die von Kehrer.

Andrej Krementschouk: Come bury me. 80 Seiten, Preis: 28 Euro.
Karsten Kronas: Beyoglu Blue. 127 Seiten, Preis: 36 Euro.
Maziar Moradi: 1979. 96 Seiten, Preis: 36 Euro.
Andrè Lützen: Public Private Hanoi. Text von Nora Luttmer, ca. 120 Seiten, Preis: 39,80 Euro, erscheint im November.

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