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StartseiteSport am WochenendeHängepartie im Handball25.10.2020

Abstellung für LänderspieleHängepartie im Handball

Bosnien-Herzegowina und Estland – das sind die Gegner für die deutsche Handball-Nationalmannschaft in der EM-Quali. Aber: Weniger als zehn Tage vor dem ersten Spiel steht nicht fest, ob an dieser Partie Spieler aus der Handball-Bundesliga teilnehmen werden. Denn die Klubs drohen, keine Spieler abzustellen.

Von Erik Eggers

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Das Foto zeigt eine Spielszene aus der Partie SC DHfK Leipzig vs. Frisch Auf Göppingen. (imago / Beautiful Sports)
Spielszene aus der Partie SC DHfK Leipzig vs. Frisch Auf Göppingen (imago / Beautiful Sports)
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Die Klubs der deutschen Handball-Bundesliga (HBL) haben angesichts der Corona-Krise eine wichtige Entscheidung vertagt: Ob sie ihre Profis für die Nationalmannschaftslehrgänge und die EM-Qualifikationsspiele vom 2. bis zum 8. November abstellen. Sie fordern von den Nationalverbänden und der Europäischen Handball Föderation (EHF) eine Gewährleistung, dass ihre Profis nach der Rückkehr ohne Quarantäne in den Trainings- und Spielbetrieb einsteigen können.

Ein Handball liegt auf den Hallenboden (dpa/Kohring /Eibner-Pressefoto) (dpa/Kohring /Eibner-Pressefoto)Eskalation im Handball - Bundesliga-Teams verweigern Abstellung der Nationalspieler
Kurz vor Austragung der EM-Qualifikationsspiele verweigern die Handball-Bundesligisten die Abstellung ihrer Nationalspieler aufgrund der Corona-Pandemielage. Als Arbeitgeber trügen sie "eine gesetzliche Fürsorgepflicht für die Gesundheit" der Vertragsspieler – und eine wirtschaftliche Verantwortung.

Noch ist der Ausgang offen. Erst am Mittwoch wollen die Vereine der Handball-Bundesliga endgültig entscheiden, ob sie etwas Einmaliges tun: Kollektiv die Abstellung von Nationalspielern abzulehnen. Eigentlich sind die Klubs verpflichtet, ihre Spieler an die Nationalverbände abzustellen. Die Vereine erkennen diese Abstellpflicht auch grundsätzlich an, heißt es in dem Muster-Schreiben an die Verbände, das dem Deutschlandfunk vorliegt. Daneben aber trage der Klub "eine gesetzliche Fürsorgepflicht für die Gesundheit und Aufrechterhaltung der Arbeitskraft" der Vertragsspieler. Und gegenüber den Klub-Gesellschaftern einen verantwortungsvollen Umgang mit wirtschaftlichen Risiken. Das sei eine nachvollziehbare Argumentation, meint der Lübbecker Sportjurist Helge-Olaf Käding:

"Hier spielen arbeitsrechtliche, verbandsrechtliche und internationale europäische kartellrechtliche Komponenten ineinander und ich denke mal, aus rein arbeitsrechtlicher Sicht kann man das durchaus so sehen, denn ein Arbeitnehmer kann seine Leistung verweigern, wenn er etwas Gesundheitsgefährdendes tun muss. Wenn ich einen Spieler in ein Risikogebiet schicke, dann muss man genau schauen, ob das überhaupt zumutbar ist. Ich denke, die Argumentation Fürsorgepflicht hat doch einiges für sich."

Viele Spiele haben keine Krankentagegeldversicherung

Dies gelte umso mehr unter den Bedingungen dieser Pandemie, da hier die gesundheitliche wie auch die finanzielle Zukunft des Arbeitnehmers nicht nur kurzfristig auf dem Spiel stehe. Wenn der Spieler

"krank ist, wenn er sich infiziert und es dumm läuft und er kriegt einen schweren Verlauf, dann fällt er nach sechs Wochen aus der Lohnfortzahlung raus. Viele Spieler, auch wenn sie Nationalspieler sind, haben keine Krankentagegeldversicherung. Also, das ist sicherlich auch ein Aspekt, an den man denken muss", sagt Käding.

Insofern sei die Situation für die Klubgeschäftsführer kompliziert. Den wirtschaftlichen Interessen der Klubgesellschafter hätten sie ebenfalls Rechnung zu tragen. Freilich haben die Spieler angesichts der aktuellen Infektionszahlen selbst Möglichkeiten, sich der Einladung zur Nationalmannschaft zu widersetzen. Das sieht auch der HBL-Präsident Uwe Schwenker so:

"Ich glaube, das ist eine grundsätzlich persönliche und individuelle Entscheidung. Wenn ein Spieler sagt, er möchte dieses Risiko nicht eingehen, dann wird er sich entsprechend mit seinem Nationalverband bzw. mit seinem Nationaltrainer dies im Dialog austauschen, und dafür muss in der heutigen Zeit Jeder Verständnis haben."

07.02.2020, Maritim Airport Hotel, Hannover, DHB Nationalmannschaft, Alfred Gislason wird als neuer Nationalmannschaftstrainer vorgestellt, im Bild Uwe Schwenker Praesident, Liqui Moly HBL Handball Nationalmannschaft Trainervorstellung *** 07 02 2020, Maritim Airport Hotel, Hannover, DHB National Team, Alfred Gislason is introduced as the new national team coach, in the picture Uwe Schwenker President, Liqui Moly HBL Handball National Team Coach Presentation  (Imago)Ligapräsident Uwe Schwenker (Imago)

Schwenker, der als Liga-Präsident ebenfalls im Präsidium des Deutschen Handballbundes vertreten ist, betont die gute Zusammenarbeit zwischen Liga, DHB und EHF. Man werde, sagte Schwenker dem Deutschlandfunk, schon am Montag mit dem DHB in dieser Sache konferieren.

Die HBL erkläre sich im Grundsatz solidarisch mit dem gesamten Handball. Man sehe die wirtschaftlichen Interessen der Nationalverbände und auch der EHF, und die Klubs wollten im Prinzip auch abstellen. Die Vereine fordern allerdings von den Verbänden dafür eine Garantie, dass die Spieler nicht in Quarantäne müssen – selbst, wenn sie mit ihren Nationalmannschaften in Risikogebiete reisen. Die Nationalverbände müssten daher die Spieler testen. Persönlich empfiehlt Schwenker,

"dass es keine pauschale Abstellung gibt, respektive auch keine pauschale Weigerung der Abstellung. Wir müssen das aus meiner Sicht individualisiert betrachten. Der Schutz der Spieler steht für mich natürlich an absolut erster Stelle und natürlich auch die Gewährleistung, dass die Spieler bei Rückkehr bei einem frischen Covid-19 Test sofort wieder in den Spielbetrieb und in den Trainingsbetrieb einsteigen können."

Gerade kleinere Verbände könnten an diesen Forderungen scheitern. Ganz zu schweigen davon, dass das letzte Wort die Behörden vor Ort haben. Dort können sich die Vorgaben je nach Infektionsgeschehen schnell ändern – ohne, dass die Verbände darauf Einfluss haben.

EHF nicht kompromissbereit

Die Klubs ihrerseits sind in einer Zwickmühle: Nur drei Tage nach der Nationalmannschaftswoche ist der nächste Bundesligaspieltag terminiert. Sollten die Vereine ihre Spieler abstellen, müssten unter Umständen viele Spieler nach ihrer Rückkehr in Quarantäne und könnten nicht spielen.

Sollten sich die Klubs weigern, die Spieler abzustellen, droht diesen allerdings eine Sperre von fünf Tagen. Auch dann wäre der Spieltag also in Gefahr. Diese Sanktionen könnten dann auch Klubs und Profis in ganz Europa betreffen. Viele europäische Spitzenklubs haben nach Informationen des Deutschlandfunks bereits erklärt, den Bundesligaklubs folgen zu wollen, falls diese die Abstellung der Nationalspieler tatsächlich verweigerten.

EHF-Generalsekretär Martin Hausleitner hat derweil erklärt, eine Absage oder Verlegung der EM-Qualifikation komme nicht in Frage. Auch für die EHF geht es um viel Geld: Sie hat für die Zeit bis 2030 einen Vermarktungsvertrag mit Infront geschlossen, der 500 Millionen Euro schwer ist.

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