Freitag, 14.05.2021
 
Seit 10:08 Uhr Lebenszeit
StartseiteKommentare und Themen der WocheMehr Unsicherheit für den Westen14.04.2021

Abzug aus AfghanistanMehr Unsicherheit für den Westen

Ein lebensfähiger Staat ist in Afghanistan trotz umfassender Unterstützung nicht entstanden, kommentiert Marcus Pindur im Dlf. Jetzt werden mit dem Truppenabzug aus Afghanistan auch die wenigen Erfolge preisgegeben - andere Staaten füllen das entstehende Vakuum.

Ein Kommentar von Marcus Pindur

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Bundeswehsoldat sichert am 11.12.2013 in Masar-i-Scharif (Afghanistan) die Straße (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Deutscher Soldat in Afghanistan: Bundesverteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer sicherte zu, Deutschland werde seine Abzugspläne mit der Nato synchronisieren. Diese plant ebenfalls, das Land zu verlassen. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Mehr zum Thema

Afghanistan und die Durand-Linie Der 130 Jahre alte Grenzkonflikt

Konfliktforscher Schetter "Man hat in dieser Intervention eigentlich versagt"

Diskussion über Bundeswehr-Abzug "In Afghanistan hungern so viele Menschen wie noch nie zuvor"

Der von Präsident Biden jetzt angepeilte Abzugstermin der US-Truppen aus Afghanistan verweist darauf, warum die Alliierten mit einem UNO-Mandat ausgestattet vor 20 Jahren in Afghanistan einmarschiert sind. Es ging darum, den islamistischen Terroristen von Al Qaida ihren Rückzugsort zu verwehren. Afghanistan sollte nicht mehr die Basis für terroristische Anschläge gegen den Rest der Welt sein.

Eliten im Land haben Chance verpasst

Um das zu gewährleisten und den sicherheitspolitischen Erfolg abzustützen, wurde das Land umfassend unterstützt: militärisch, wirtschaftlich, entwicklungspolitisch. Einiges ist seither passiert. Vor 20 Jahren standen Millionen Afghanen vor dem Hungertod. Das ist heute kein Thema mehr. Die Gesundheitsversorgung ist deutlich besser geworden, ebenso das Bildungssystem. Die Lebenserwartung ist um zehn Jahre gestiegen. Die Rechte für Frauen haben sich zumindest in den urbanen Teilen des Landes deutlich verbessert.

Gepanzerte Fahrzeuge vom Typ Dingo stehen am 11.12.2013 in Masar-i-Scharif (Afghanistan) in der Materialschleuse. Die Fahrzeuge sollen im Rahmen des Truppenabzuges nach Deutschland zurückgebracht werden. Foto: Maurizio Gambarini/dpa (dpa/Maurizio Gambarini) (dpa/Maurizio Gambarini)Deutschlands Einsatz in Afghanistan: Der verlorene Frieden
Um 2015 erscheint am Hindukusch ein neuer Akteur: IS – der sogenannte "Islamische Staat" verfolgt als Erbe der al Kaida eine internationale Agenda, im Gegensatz zu lokal verwurzelten Taliban. Unter dem Druck des neuen gemeinsamen Feindes nähern sich Taliban und internationale Afghanistan-Allianz einander an.

Aber ein lebensfähiger Staat ist trotzdem nicht entstanden. Um souverän zu sein, muss ein Staat sich verteidigen können und vor allen Dingen den Willen dazu zeigen. Die herrschenden Eliten in Afghanistan haben diese Chance trotz immenser internationaler Hilfe verpasst. Es ist nicht verständlich, warum es wechselnde afghanische Regierungen in 20 Jahren nicht geschafft haben, Streitkräfte aufzubauen, die dem militärischen Druck der Taliban standhalten können. Der amerikanische Generalinspekteur für Afghanistan, John Sopko, bezeichnete das afghanische Militär vor dem Kongress als ein Desaster.

Die USA wollen diesen Konflikt loswerden

Der amerikanische Präsident Biden scheint darauf zu spekulieren, dass die wacklige Regierung in Kabul sich noch einige Zeit im Amt hält. Bis dahin kann man Terrorzellen unter der Obhut der Taliban vielleicht noch mit Spezialkommandos und mit Drohnen bekämpfen. Die USA wollen diesen Konflikt um fast jeden Preis loswerden. Biden, so heißt es, will den amerikanischen Fußabdruck im Mittleren Osten verringern, um sich auf den Konflikt mit China konzentrieren zu können.

Die Europäer sind nur allzu froh, sich hinter der amerikanischen Entscheidung zu verstecken. Sie geben damit die prekären Erfolge preis, die das Leben vieler Afghanen seitdem verbessert haben. Doch wie im Falle Syriens werden andere Mächte – Russland, Iran, China, Pakistan – das Vakuum füllen. Ob das den Westen sicherer macht, muss bezweifelt werden.

Marcus Pindur, Korrespondent in Washington (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur hat Geschichte, Politische Wissenschaften, Nordamerikastudien und Judaistik an der Freien Universität Berlin und der Tulane University in New Orleans studiert. Er war Stipendiat der Fulbright-Stiftung, der FU Berlin sowie des German Marshall Fund. 1997 bis 1998 arbeitete er als Politischer Referent im US-Repräsentantenhaus. Pindur war ARD-Hörfunkkorrespondent in Brüssel, bevor er 2005 zum Deutschlandradio wechselte. Von 2012 bis 2016 war er Korrespondent für Deutschlandradio in Washington, D.C. Seit Anfang 2019 ist er Deutschlandfunk-Korrespondent für Sicherheitspolitik.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk