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StartseiteKommentare und Themen der WocheDer Nicht-Empfang war auch ein Symbol17.07.2021

Abzug deutscher Soldaten aus AfghanistanDer Nicht-Empfang war auch ein Symbol

Politik finde ihren Ausdruck auch immer in Symbolen, kommentiert Günter Bannas. Das gelte auch für den nun zu Ende gegangenen Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan, der im Laufe der Jahre immer fragwürdiger geworden sei. Die Rückkehr der Soldaten habe wie eine Heimkehr von Vergessenen gewirkt.

Ein Kommentar von Günter Bannas, ehemaliger Leiter der "FAZ"-Parlamentsredaktion

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Soldaten der Bundeswehr sind vor dem Transportflugzeug vom Typ Airbus A400M der Luftwaffe zum Abschlussappell angetreten. Die letzten Soldaten des deutschen Afghanistan-Einsatzes sind auf dem niedersächsischen Fliegerhorst ankommen. Am Vorabend war der Einsatz nach fast 20 Jahren beendet worden. Die Soldaten waren mit vier Militärmaschinen aus dem Feldlager in Masar-i-Scharif im Norden von Afghanistan ausgeflogen worden. (dpa-Pool / Hauke-Christian Dittrich)
Die letzten Soldaten des deutschen Afghanistan-Einsatzes sind ankommen (dpa-Pool / Hauke-Christian Dittrich)
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Abzug aus Afghanistan Was vom Bundeswehreinsatz bleibt

Fast 20 Jahre lang waren zehntausende Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan stationiert. Einige kamen ums Leben. Ungezählt sind die, die traumatisiert, die verwundet wurden, die lebenslang an den Folgen ihres Einsatzes zu leiden haben. Einst, zu Beginn, wurde der Afghanistan-Einsatz mit hehren Worten begründet – bis hin zu dem legendären Satz des damaligen Verteidigungsministers Peter Struck: "Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt."

  (dpa-Pool / Hauke-Christian Dittrich) (dpa-Pool / Hauke-Christian Dittrich)Was vom Bundeswehreinsatz bleibt
Die letzten verbliebenen Bundeswehrsoldaten haben Afghanistan verlassen. Doch auch zum Beispiel Akademiker oder Vertreterinnen der Zivilgesellschaft wollen nicht bleiben. Was mit ihnen geschieht, ist ungewiss.

Und nun, fast zwei Jahrzehnte später? Als die letzten Soldatinnen und Soldaten vom Hindukusch nach Hause kamen, war bei der Landung niemand vor Ort. Keiner von denen, die die politische Verantwortung trugen, keiner der Abgeordneten des Bundestages, die einmal im Jahr den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr per Beschluss verlängerten. Wie eine Heimkehr von Vergessenen hat es gewirkt.

Natürlich gab es Gründe und Begründungen. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer war in Washington. Aus Sicherheitsgründen war der Termin geheim gehalten worden. Die Soldaten hätten wissen lassen, auf einen großen Bahnhof mit politischer Prominenz keinen Wert zu legen und lieber schnell zu ihren Familien gewollt. Sogar die Begründung gab es, die letzten 264 Heimkehrer dürften all den anderen gegenüber nicht bevorzugt werden. Mag alles sein.

Nichts ist besser geworden in Afghanistan

Gewiss aber: Einem Peter Struck wäre das nicht unterlaufen. Politik, in diesem Falle Formen der Würdigung und des Dankes, findet ihren Ausdruck in Symbolen. Der Nicht-Empfang war auch ein Symbol: Sinn und Zweck des Einsatzes waren im Laufe der Jahre immer fragwürdiger geworden. Nichts ist besser geworden in Afghanistan und viel spricht dafür, dass alles dort noch schlimmer wird.

  (picture alliance / dpa | Maurizio Gambarini) (picture alliance / dpa | Maurizio Gambarini)Zwei Jahrzehnte am Hindukusch
Nach fast 20 Jahren ist der Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan beendet. Ziel war es, die Region nach Bürgerkrieg und den Anschlägen vom 11. September 2001 von den Taliban zu befreien. Ein Überblick.

Nun also kreisten die Debatten um die Frage, wie der Einsatz der Bundeswehr zu beendigen und nachträglich zu würdigen sei. Dem Desaster der Heimkehr folgten sich überbietende Vorschläge aus der Politik, die den Beigeschmack der Wiedergutmachung haben. Ende nächsten Monats sind Veranstaltungen geplant, bei denen eine Bilanz des Afghanistaneinsatzes gezogen werden soll. Vor allem angesichts der möglichen Machtübernahme der Taliban-Milizen wird das nicht ohne politische Brisanz bleiben.

Vorerst unbeantwortet bleibt die Frage, ob und wie sich die Bundesrepublik Deutschland weiterhin um Afghanistan kümmert – auf Gebieten der Wirtschaftsförderung etwa. Nötig wäre es. Drei Millionen Binnenvertriebene gibt es in Afghanistan; allein seit Jahresbeginn kamen fast 300.000 Menschen hinzu. Die Sicherheitslage bleibt prekär.

Großer Zapfenstreich vor dem Reichstagsgebäude

Auf dem Gelände des Verteidigungsministeriums dann gibt es den militärischen Appell zur offiziellen Beendigung des Einsatzes, eine Kranzniederlegung zum Gedenken an die Opfer, eine Ansprache des Bundespräsidenten sowie Gespräche mit Veteranen, Angehörigen und Hinterbliebenen. Mitglieder des Verteidigungsausschusses des Bundestages setzten durch, dass sich ein Großer Zapfenstreich, das höchstrangige militärische Zeremoniell der Bundeswehr, vor dem Reichstagsgebäude anschließt. Ihrem Charakter als Parlamentsarmee soll – zu Recht – auf diese Weise Ausdruck gegeben werden. Vielleicht findet der Einsatz der Soldatinnen und Soldaten dann doch noch einen würdigen Abschluss.

Doch fehlt noch etwas? Die afghanischen Ortskräfte der Bundeswehr, Dolmetscher und Hilfspersonal zum Beispiel, und deren Familien bangen teilweise daheim um ihr Leben. Von den Taliban-Milizen werden sie als Verräter angesehen. Sie in Deutschland in Sicherheit zu bringen, und zwar auf unbürokratische Weise, ist eine moralische Verpflichtung der politisch Verantwortlichen. Vertreter dieser Ortskräfte zu den militärischen Feierlichkeiten nach Berlin einzuladen, wäre ein Zeichen dafür. Wie gesagt: Politik lebt von Symbolen.

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