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StartseiteForschung aktuellAch du dickes Ei28.09.2009

Ach du dickes Ei

Schadstoffverbot sorgt für gesündere Möwenbrut

Umwelt.- Die Substanz Perfluoroctansulfonsäure wurde viele Jahre dazu benutzt, Verpackungen wie Chipstüten oder Pizzakartons wasser- und fettabweisend zu machen. Diese Verbindung gehört jedoch zu den langlebigen Schadstoffen, die nur sehr schwer abbaubar sind.

Von Christine Westerhaus

Besonders an den Eiern von Möwen ist der Erfolg des Schadstoffverbots zu erkennen.  (Deutschlandradio - Andreas Lemke)
Besonders an den Eiern von Möwen ist der Erfolg des Schadstoffverbots zu erkennen. (Deutschlandradio - Andreas Lemke)

Seit 1985 sammeln Wissenschaftler im Auftrag des Umweltbundesamts regelmäßig Gewebe von Pflanzen und Tieren und legen sie bei minus 150 Grad auf Eis. Auch die Eier der Silbermöwe, die Forscher nun in einer Art Schadstoff-Rückblick untersucht haben, stammen aus dieser Umweltprobenbank. Jahr für Jahr werden etwa 40 Eier an unterschiedlichen Standorten in Nord- und Ostsee gesammelt und tiefgekühlt. Mithilfe dieses Archivs konnten Wissenschaftler nun überprüfen, wie sich die Schadstoffbelastung dieser Gebiete über die Jahre verändert hat. Dazu haben sie die regelmäßig gesammelten Proben aus den verschiedenen Jahren analysiert und miteinander verglichen.

"Es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen zu ganz unterschiedlichen Stoffen, wo gezeigt werden kann, dass man die Umweltprobenbank dazu nutzen kann, um zum Beispiel Chemikalienverbote zu überprüfen, dass man einige Jahre nachdem die Verbote in Kraft treten, dass man sehen kann, dass die Umweltkonzentrationen zurückgehen. Somit ist die Umweltprobenbank ein ideales Instrument zur Erfolgskontrolle von Maßnahmen im umweltpolitischen Chemikalienbereich."

So Heinz Rüdel vom Fraunhofer Institut für Molekularbiologie und angewandte Ökologie in Schmallenberg. Die Eier von Seevögeln eignen sich besonders gut für großflächige Untersuchungen, weil sie räuberisch leben und ihre Beute in einem großen Umkreis suchen. In ihnen reichern sich vor allem Schadstoffe an, die langlebig sind und die Umwelt damit besonders belasten.

"Insbesondere fettlösliche Stoffe gehen vom Muttertier in die Eier über und diese kann man besonders gut in Eiern messen. Zudem sind es die langlebigen Stoffe, die über die Eier überhaupt abgegeben werden. Stoffe, die im Vogel schon abgebaut werden, oder vorher in der Umwelt abgebaut werden, die finden wir natürlich nicht. Das ist natürlich damit eine Einschränkung aber diese Stoffe sind es ja auch, die für ihre Umweltwirkungen relevant sind, weil sie eben lange in der Umwelt sind und dafür sind Möveneier sehr gut geeignet."

Nur das Innere der Eier wird eingefroren. So können die Forscher ihre Proben portionsweise auftauen und analysieren. Damit wird es möglich, die gleichen Eier für verschiedene Fragestellungen zu untersuchen. Seit 2002 werden auch in Alaska regelmäßig Vogeleier gesammelt, um die Umweltbelastung dieser Region zu überprüfen. Eine Studie an Trottellummen hat nun gezeigt, dass die Konzentration von langlebigen organischen Schadstoffen in den Eiern dieser Seevögel ebenfalls zurückgeht.

"Wir haben beobachtet, dass die untersuchten Vogelkolonien insgesamt weniger durch langlebige organische Schadstoffe belastet sind. Die Verteilungsmuster dieser Substanzen sind jedoch sehr unterschiedlich. Trottellummen-Eier aus dem südlichen Teil Alaskas sind stärker durch schwer flüchtige Verbindungen belastet als Kolonien aus dem nördlichen Teil. Die im Norden lebenden Tiere reichern aber vermehrt Substanzen an, die über die Atmosphäre verteilt werden."

Paul Becker vom US-amerikanischen National Institute of Standards and Technology führt diesen Trend auf die sogenannte Stockholmer Konvention zurück. In diesem Vertrag haben sich im Jahre 2004 insgesamt 122 Staaten darauf geeinigt, bestimmte langlebige Schadstoffe nicht mehr einzusetzen. In manchen asiatischen Ländern werden diese Stoffe jedoch weiterhin produziert. Über die Atmosphäre gelangen flüchtige Verbindungen von dort vor allem in den nördlichen Teil der Arktis. Das erklärt, warum Paul Becker und seine Kollegen in den dortigen Kolonien höhere Konzentrationen dieser Schadstoffe gefunden haben. Bisher deckt diese Untersuchung jedoch nur einen Zeitraum von fünf Jahren ab. Um Schadstoff-Trends verlässlich nachvollziehen zu können, werden die Trottellummen-Eier auch in den kommenden Jahren gesammelt und in einer Umweltprobenbank archiviert.

"Wir möchten dieses Archiv auch dazu nutzen, das Auftreten neuer Schadstoffe zu beobachten. Dank der Umweltprobenbank können wir rückblickend nachvollziehen, wann die Substanzen zum ersten Mal in den Eiern aufgetreten sind und wie sich ihre Konzentration im Laufe der Jahre verändert hat. Und das gute an den Trottellummen- Eiern ist, dass sie sehr groß sind. Wir können deshalb unsere Messungen immer an den gleichen Eiern durchführen und das macht es möglich, die Analysen unterschiedlicher Schadstoffe miteinander zu vergleichen."

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