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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturAchmadinedschad ist nicht allein der Iran14.11.2011

Achmadinedschad ist nicht allein der Iran

Zwei Bücher beleuchten die anderen Seiten des Mullahstaates

Irans Präsident Mahmoud Achmadinedschad gehört zu den Holocaustleugnern und fordert die Auslöschung Israels. Besonders gefährlich erscheint das Land, seit die IAEA Belege für den Atombombenbau im Iran vorlegt. Jan Kuhlmann stellt zwei Bücher vor, die sich auf die Suche nach dem Iran jenseits der Mullahs begeben.

Von Jan Kuhlmann

Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad (AP)
Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad (AP)
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Vielleicht ist der Iran das im wahrsten Sinne des Wortes unfassbarste Land der Welt. Unfassbar, also schwer zu greifen, weil es so voller Widersprüche ist. Da ist zum einen der Iran, wie ihn die Welt heute vor allem wahrnimmt: als ein von Mullahs gelenkter Schurkenstaat, der die Atombombe bauen will, regiert von dem radikalen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Seit dem Sturz Saddam Husseins im Irak gilt er neben dem Nordkoreaner Kim Jong-il als größter anzunehmender Bösewicht. Iranische Frauen, so heißt es allgemein, werden im Namen Allahs unterdrückt. Doch schon an diesem letzten Punkt zeigt sich, dass die Dinge so einfach nicht sind, wie der britische Historiker Michael Axworthy im Vorwort seiner mehr als 300 Seiten starken Geschichte des Iran festhält:

Seit der Revolution von 1979 sind die Frauen in Iran Kleidervorschriften unterworfen, die zu den restriktivsten in der islamischen Welt gehören. Aber zum Teil haben iranische Familien ihre Töchter gerade deshalb in großer Zahl studieren und einen Beruf ergreifen lassen, sodass heute über 60 Prozent der Studierenden an den Universitäten weiblich sind und viele - auch verheiratete - Frauen einen Beruf ausüben.

Das ist das andere, das freundliche Gesicht des Iran. Und es das Verdienst von Michael Axworthy, dieses ausführlich darzustellen. Er blickt auf eine 3000 Jahre lange stolze Geschichte zurück. Sie hat nicht nur mächtige Reiche und Herrscher hervorgebracht, sondern auch einzigartige Kulturen mit großartigen Denkern, Künstlern und vor allem Literaten. Mit viel Sympathie und Leidenschaft für sein Sujet führt Michael Axworthy den Leser souverän durch diese Vergangenheit. Sie ist auch deswegen so reich, weil im Iran bis heute viele verschiedene Einflüsse zusammentreffen: europäische, asiatische, arabisch-muslimische. Zwei Stärken zeichnen Axworthys Buch besonders aus: Er hat die großen Linien im Blick und verliert sich nicht in unwichtigen Details. Und er schaut zwar immer kritisch auf den Iran, betrachtet ihn aber jenseits der Politik und der gängigen Klischees. Das Land ist für den Autor ein "Weltreich des Geistes", das er symbolhaft durch die Parther verkörpert sieht. Diese eroberten 200 vor Christus die Macht und behielten sie über Jahrhunderte - mit einem Erfolgsgeheimnis, das heute kaum jemand mehr mit dem Iran verbindet:

Sie taten dies mit relativ leichter Hand, indem sie nach dem Vorbild früherer Herrscher die unterschiedlichen Religionen, Sprachen und Kulturen der ihnen unterworfenen Provinzen tolerierten Babyloniern, Griechen, Juden und anderen war es erlaubt, ihre Religionen wie gewohnt auszuüben. Die Parther sind wichtiger Träger des iranischen Geistes: Anerkennung der Komplexität und Einflüsse anderer Kulturen in ihrem Herrschaftsbereich sowie Toleranz bei gleichzeitig strengem Festhalten an der eigenen Identität.

Auch als die muslimischen Eroberer die Region einnahmen, zeigten sie sich gegenüber Andersgläubigen tolerant. Den tieferen, reflektierten, humanen Iran gebe es auch heute noch, schreibt Axworthy, trotz aller bösen Schlagzeilen. Es tut gut, einmal so etwas über das Land zu lesen. Und dennoch: Auch Axworthy lässt kein gutes Haar am heutigen politischen System, das für ihn näher an den Totalitarismus herangerückt ist. Das würde wohl auch die iranische Künstlerin Parastou Forouhar unterschreiben. Sie hat ein sehr persönliches Buch über ihr Heimatland geschrieben. Es trägt den etwas umständlichen Titel "Das Land, in dem meine Eltern umgebracht wurden". Aus fast jeder Zeile ist herauszulesen, wie sehr der Iran die Autorin zerreißt, weil sie ihn einerseits liebt, gleichzeitig aber das politisch-religiöse System verachtet. Ihre Eltern Dariush und Parvaneh Forouhar waren prominente Oppositionelle. Ende 1998 überfiel eine Gruppe von Männern das Ehepaar und richtete die beiden bestialisch hin. Sie waren Opfer der sogenannten Kettenmorde - einer Serie von Verbrechen an oppositionellen Intellektuellen. Für die Tochter begann eine jahrelange Suche nach den Hintergründen und Hintermännern der Tat, eine Aufgabe, die für sie zur Obsession wurde:

Politische Verbrechen hinterlassen eine Aufgabe. Eine Verantwortung, die getragen werden muss, bis jene als solche benannt und lückenlos aufgeklärt worden sind. Die Opfer solcher Verbrechen können nicht ihren ungerechten Schicksalen überlassen werden, ihre Beerdigung bleibt unvollendet. Das Abgebrochene ihres Lebens belastet die Welt. Erst, wenn sie Gerechtigkeit erfahren, werden sie im Tod ruhen, und die Vergangenheit nimmt sich ihrer Schicksale an.

Seit fast 20 Jahren lebt Parastou Forouhar in Deutschland, doch immer wieder reist sie auf ihrer Suche nach den Hintergründen in den Iran. Fast wie in einem Tagebuch hält sie fest, was ihr auf der Suche nach den Hintergründen zum Mord an ihren Eltern widerfährt. Doch all ihre Bemühungen bleiben weitestgehend erfolglos. Stattdessen verirrt sie sich in einem Unrechtssystem, das kaum zu durchschauen ist. Im Frühjahr 2000 gelingt der Autorin zumindest ein kleiner Erfolg: Nach langem Warten gewährt der Staatsanwalt am Revolutionsgericht ihr endlich einen Termin. Doch der Geistliche speist sie mit Lügen und Propaganda ab:

Ich verlasse sein Büro und spüre, wie sich eine unerträgliche Leere in mir ausbreitet. Wie ein Vampir hat der unscheinbare Geistliche mir meine Lebensenergie ausgesaugt Das Treffen lastet auf mir und schürt aggressive, rebellische Selbstgespräche. Ich führe oft imaginäre Plädoyers, gerichtet an die arroganten Vertreter des Gottesstaates. Und hier bin ich nicht selbstbeherrscht, nicht geduldig, lasse mich nicht wegschicken. Hier verfluche ich sie alle und schwöre auf Gottes versprochene Gerechtigkeit.

Das Buch erzählt die Geschichte einer Frau, die die Suche nach den Mördern ihrer Eltern in die Verzweiflung treibt und sie dabei verbittert. Bis heute sind die Morde an ihren Eltern ungeklärt. Was Forouhar schreibt, liest sich manchmal pathetisch, manchmal etwas hölzern. Dennoch: Das Buch ist die Lektüre wert: weil es einen unverfälschten Blick auf das Seelenleben einer iranischen Oppositionellen erlaubt und weil es damit auch viel über das Land selbst und seine Regimegegner verrät. Wo der Historiker Michael Axworthy den neutral-distanzierten Blick des Beobachters behält, bemüht sich Parastou Forouhar gar nicht erst um Ausgewogenheit, sondern bleibt als Opfer parteiisch und kompromisslos. Wer das äußerst gelungene Buch von Michael Axworthy zur Hand nimmt, der möchte den Iran, seine Kultur und seine Menschen mit eigenen Augen kennenlernen. Wer dagegen Parastou Forouhars erschreckendes Zeugnis liest, der reist lieber woanders hin.

Michael Axworthy:
Iran - Weltreich des Geistes: Von Zoroaster bis heute. Verlag Klaus Wagenbach, 320 Seiten, 24,90 Euro, ISBN: 978-3-803-13636-7

Parastou Forouhar:
Das Land, in dem meine Eltern umgebracht wurden: Liebeserklärung an den Iran, Herder, 200 Seiten, 16,95 Euro, ISBN: 978-3-451-30467-5

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