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StartseiteEuropa heuteAdel verpflichtet19.07.2010

Adel verpflichtet

Porträt des neuen tschechischen Außenministers Karel Schwarzenberg

Bei den tschechischen Parlamentswahlen im Mai war Karel Schwarzenberg der große Gewinner: Mit seiner neu gegründeten liberalen Partei TOP09 kam er aus dem Stand auf fast 17 Prozent. Vor allem bei den jungen Wählern genießt der 72-jährige Starstatus. Sein Erfolgsrezept: konservative Grundsätze, Charme und ein Hang zur Selbstironie.

Von Christina Janssen

Karel Prinz zu Schwarzenberg, tschechischer Außenminister (AP)
Karel Prinz zu Schwarzenberg, tschechischer Außenminister (AP)
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Seine weiblichen Gäste begrüßt Karel Prinz zu Schwarzenberg gern mit Handkuss. Adel verpflichtet – aus seiner Sicht nicht nur zu guten Umgangsformen, sondern auch zu einer soliden Politik. Für die schätzen ihn seine Landsleute genau so wie die europäischen Nachbarn. Gerade das Verhältnis zu Deutschland, sagt der Außenminister, sei so gut wie nie:

"Gott sei Dank: Die Zeiten, wo es große Probleme zwischen unseren beiden Ländern gegeben hat, die sind vorbei."

Es sei nur eine Frage der Zeit, meint der 72-Jährige nicht ohne Selbstironie, bis alte Ängste auf beiden Seiten der Grenze verschwänden. Ein kleiner Seitenhieb gegen Staatspräsident Vaclav Klaus, dessen zweite und letzte Amtszeit 2013 endet.

"Wenn Sie mich fragen: Besorgnisse diesbezüglich gibt es nur – verständlicherweise – bei der alten Generation. Da gibt es Vorurteile und Ängste auf beiden Seiten. Aber wir sind 'in statu abeundi', wie die Mediziner sagen würden, all diese Ängste unserer Generation sollte man nicht mehr allzu ernst nehmen."

So kann der Minister, der schon von 2007 bis 2009 im Prager Czernin-Palais das Außenressort leitete, wohl ganz entspannt nach Berlin reisen. In Brüssel hat der erklärte Europäer dagegen Großes vor. Schwarzenberg setzt sich mit Nachdruck dafür ein, dass die Länder des Westbalkans möglichst schnell in die EU aufgenommen werden: Kroatien zum Beispiel, Serbien oder Albanien.

"Wir können nicht knapp vor der Vollendung zurückweichen und sagen: Also so ganz werden wir Europa nicht vereinigen. Das wäre ein Verrat an dem, was de Gaulle und Adenauer, was Helmut Kohl, Mitterrand und Thatcher zustande gebracht haben."

Kritik mit diplomatischer Ummantelung: Die EU müsse lernen, so Schwarzenberg, auch kleinere Länder wie Tschechien als Partner ernst zu nehmen. Das sei nicht immer der Fall. Dafür müsse sich Prag künftig aber auch mehr engagieren – vor allen Dingen in Fragen der gemeinsamen europäischen Außenpolitik:

"Da gibt es nicht nur bei uns, sondern auch in den kleineren Nachbarstaaten die Befürchtung, dass diese etwas zu sehr unter dem Einfluss der großen Staaten stehen und etwas zu sehr auf westeuropäische Staaten ausgerichtet sind."

Auch im eigenen Land hat Schwarzenberg, der aus ältestem europäischem Hochadel stammt, kein Problem damit anzuecken. Die neue Mitte-rechts-Regierung plant ein umfassendes Sparprogramm. Reformen des Renten- und Gesundheitssystems sollen nur der Anfang sein.

"Natürlich wird es hart werden. Wie heißt das alte Sprichwort: Wenn man Dir gibt, dann nimm'. Wenn man Dir nimmt, dann schrei'. Natürlich werden jetzt alle schreien. Nur wir haben alle – insgesamt in Europa, um die Wahrheit zu sagen - weit über unsere Verhältnisse gelebt. Wir haben Vermögen mit Einkommen verwechselt, und jetzt ist der Tag der Wahrheit gekommen."

Wer seine Popularität über die Sache stelle, gehöre ohnehin in die Wüste geschickt, sagt der Mann mit der Fliege und dem Schnauzbart. Politiker seien im Zweifel dazu da, sich unbeliebt zu machen.

"Das kann natürlich zur Folge haben, dass am Ende dieser Legislaturperiode, wenn ich auf die Gasse trete, die Leute nach mir spucken werden, mich beschimpfen werden. So what? Die Reformen müssen durchgeführt werden, darum geht es. Ob dann dabei ein paar Politiker – mich inklusive – sozusagen drauf gehen, das ist nicht interessant."

Die Tschechen nehmen ihm das ab. Der frühere Kanzleichef von Präsident Vaclav Havel gilt als so wohlhabend, dass er die Politik gar nicht nötig hat – zumindest nicht fürs Geld, allenfalls für einen Platz in den Geschichtsbüchern.

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