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StartseiteForschung aktuellAdieu Spargelstecher27.05.2011

Adieu Spargelstecher

Ernte des begehrten Gemüses wird automatisiert

Technik. - Es ist wieder Spargelzeit, bis zum 24. Juni schwelgt Deutschland im dem Stangengemüse, wahlweise weiß oder grün. Bislang wird es noch von Hand gestochen, doch ein niedersächsisches Unternehmen ist mit einem automatischen Spargelernter auf dem Markt.

Von Caroline Ring

Spargelstecher bekommen maschinelle Konkurrenz. (AP)
Spargelstecher bekommen maschinelle Konkurrenz. (AP)

Im niedersächsischen Kirchwahlingen, gute 100 Kilometer westlich von Wolfsburg, liegt der Hof des Spargelbauern Heiner Meyer. Auf einer Fläche so groß wie 100 Fußballfelder reihen sich gleichmäßige Sandwälle aneinander, die aus der Ferne an ein gigantisches Wellblech erinnern. Allerdings gibt es auf den Äckern von Bauer Meyer einen Unterschied zu anderen Spargelfeldern:

"Bei uns im Betrieb werden die Spargelreihen auf drei Meter Reihenabstand in der Doppelreihe gepflanzt und daher ist das schon so auf Maschinenernte angelegt."

Denn Spargelstecher sucht man hier zur Erntezeit vergeblich. Die halten sonst täglich Ausschau nach weißen Spargelspitzen, die aus den Sanddämmen sprießen. Um die Stangen zu ernten, lockern sie die Erde rund um den Spargel, stechen ihn unterirdisch ab und verschließen das entstandene Loch. Jede Spargelstange ist handgeerntet – und das ist ein Knochenjob.

"Wenn man sich privat auch mal auf so einem Spargelfeld mal so ein Kilo Spargel zusammensticht, also das ist schon eine Leistung.","

weiß Christian Bornstein. Er ist Automatisierungstechniker und Geschäftsführer des Wolfsburger Mittelstandsunternehmens ai-solution. Seine Firma baut Maschinen, die den Spargelanbau vereinfachen sollen. Eine davon ist Kirpy, die schon als Prototyp auf den Feldern von Heiner Meyer Spargel erntete. Ein etwa 15 Meter langes Gerät, das von einem Traktor über den Acker gezogen wird. Allerdings erntet Kirpy den Spargel ziemlich brachial und so ganz anders, als man es von den vorsichtigen Spargelstechern gewohnt ist. Bornstein:

""Wenn Sie jetzt die Maschine sehen, dann haben wir im vorderen Bereich zwei rotierende Messer, diese Messer sind im Durchmesser ungefähr 50 Zentimeter, zwei Stück, die schneiden den Damm oberhalb der Dammkrone auf, also man schält sozusagen die Erde oberhalb der Wurzel, schält man die Erde mit dem Spargel ab."

Was mit der üblichen Erntemethode erst einmal gar nichts gemein hat. Statt die Spargelstangen einzeln aus der Erde zu stechen, schneidet Kirpy den kompletten Damm ab. Nur die Wurzeln der Spargelpflanzen bleiben noch in der Erde. Den Rest schluckt die Maschine: Steine, Sand, Strünke – und eben die Spargelstangen. Das Gemenge wird auf einem löchrigen Siebband zum hinteren Teil von Kirpy befördert. Bornstein:

"Dort wird die Erde ausgesiebt, die fällt dann wieder zurück, über einen Dammformer wird die dann wieder zu einem Spargeldamm richtig schön komplett aufgedämmt wieder."

Und schließlich streicht eine beschwerte Platte die Sandkuppe glatt. In diesem neuen Spargeldamm können die nächsten Stangen heranwachsen. So erntet Kirpy nicht nur den Spargel, sondern baut gleichzeitig einen neuen Damm auf. Währenddessen leitet ein Förderband die eben geschnittenen Stangen zu einer Gruppe von Erntehelfern, die im hintersten Teil der Maschine mitfahren.

"Und dort nimmt man dann den Spargel, packt den in Kisten, da stehen dann bis zu sechs Leute drauf und sortieren dann den Spargel dort in Kisten. Und der Dreck und Steine und alles, was ich sonst noch so im Damm drin hab, das fällt dann so seitlich neben den Damm, wird aussepariert und beschmutzt oder beschädigt dann auch nicht mehr die nachwachsenden Stangen."

Das hat gleich zwei Vorteile: Weil der Sand über den Wurzeln lockerer liegt, können die neuen Stangen zum einen besser wachsen. Zum anderen werden mit jeder Kirpy-Durchfahrt alle Spargelpflanzen auf die gleiche Länge abrasiert, und nicht wie bei der Handernte unterschiedlich tief abgestochen. Die nachwachsenden Stangen sind dadurch nahezu gleich lang – das Feld braucht nicht mehr jeden Tag beerntet werden. Es genügt, wenn der Bauer alle paar Tage die Spargeldämme abfährt.

Die Methode funktioniert so gut, dass die Erntemaschinen-Hersteller von ai-solution seit 2009 schon rund 40 Exemplare von Kirpy verkaufen konnte. Damit hat sich die Firma mittlerweile selbst überholt: Vor wenigen Jahren erregte noch ihr Spargelpanther Aufsehen, eine autonome Erntemaschine. Der soll ganz wie ein menschlicher Spargelstecher behutsam jede Stange einzeln ernten. Ausgestattet ist er unter anderem mit drei Kamerasystemen und Sortierautomatik. Doch so viel Technik ist nicht nur störanfällig, sondern auch ganz schön kompliziert. Bornstein:

"Die Kirpy ist ja eine klassische Landmaschine mit Hydraulikmotoren, also das ist alles wesentlich mechanischer und auch handlebarer und verständlicher als es bei dem Spargelpanther mit Flächenkamera, mit SPS-Steuerung und so weiter vonstatten geht. Also das ist schon ein wesentlicher Vorteil, weil klar, der Bauer will jetzt natürlich keinen Diplomingenieur einstellen, nur damit der den Panther fahren kann."

Sieben Arbeitskräfte könnte der Spargelpanther einsparen, schätzt Christian Bornstein. Kirpy ersetzt dagegen bis zu zwanzig Erntehelfer. Mit rund 100 000 Euro kostet die Maschine auch nur halb so viel wie der Panther. Auf seinen Praxiseinsatz wartet der deshalb bis heute. Und ob er die Kirpy eines Tages einholen wird, bleibt abzuwarten.

"Momentan ist das Interesse eher gering weil wir diesen anderen Spargelvollernter ja auch noch im Programm haben und die Tendenz der meisten Bauern doch eher in die Richtung geht."

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