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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturFlammendes Plädoyer für die Demokratie28.09.2020

"Adorno-Vorlesungen" von Danielle AllenFlammendes Plädoyer für die Demokratie

2017 folgte die US-amerikanische Harvard-Professorin Danielle Allen einer Einladung, in Frankfurt Adorono-Vorlesungen zu halten. Sie sprach über "politische Gleichheit" und setzte sich dabei intensiv mit den Theorien John Rawls' auseinander. Jetzt sind ihre Thesen als Buch erschienen.

Von Tamara Tischendorf

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Buchcover "Politische Gleichheit". Im Hintergrund schemenhaft Menschen in unterschiedlicher Größe. (Buchcover Suhrkamp/ imago / Ikon Images)
Eine vernetzte Gesellschaft trage zu deren Stabilisierung bei, erklärt Danielle Allen in ihrem neuen Buch (Buchcover Suhrkamp/ imago / Ikon Images)
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Es wirkt wie das Buch zur Stunde. Danielle Allen hat ihre Adorno-Vorlesungen zwar schon vor drei Jahren gehalten - und doch wirft die Vorlesungsreihe ein neues Licht zum Beispiel auf die US-amerikanische Präsidentschaftswahl oder die ungelöste Frage der weltweiten Migration – mit Moria als Mahnmal. Zu allererst ist Danielle Allen ein flammendes Plädoyer für die Demokratie gelungen.

"Meiner Meinung nach ist Demokratie der Weg zur Gerechtigkeit, und zwar der einzige. Es mag zwar sein, dass mildtätige Autokratien für materiellen Wohlstand in der Bevölkerung sorgen, aber sie werden qua Definition niemals die Grundlage für volles menschliches Wohlergehen schaffen und deshalb niemals vollumfängliche Gerechtigkeit erreichen."

Das Stichwort "Gerechtigkeit" fällt früh und durchzieht im Dreiklang mit "Freiheit" und "Gleichheit" das ganze Buch.

Ein kleiner Junge in einem großen Spielzeugauto in einem Garten. Daneben ein anderer kleiner Junge mit einem kleinen Spielzeugauto auf einer Betonbank. (EyeEm/timkirman / Ox akbal) (EyeEm/timkirman / Ox akbal)Gesellschaft - Ungleichheit muss nicht gleichbedeutend mit Ungerechtigkeit sein
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Auseinandersetzung mit John Rawls

Danielle Allen stimmt nicht von ungefähr den hohen Ton der politischen Theorie und Philosophie an. Sie lehrt politische Wissenschaft an der Harvard Universität. Dort, wo früher auch der Philosoph John Rawls gewirkt hat. Von ihm stammt das vor einem halben Jahrhundert erschienene Standardwerk "Theorie der Gerechtigkeit". Eine seiner Kernthesen: Ungleichheit ist durchaus gerechtfertigt – solange die Ungleichverteilung selbst den Schwächsten noch den größtmöglichen Nutzen bringt.

Seither gilt der Philosoph den einen als Gewährsmann des Sozialliberalismus, den anderen als Steigbügelhalter des Neoliberalismus. An ihm arbeitet sich Danielle Allen ab. Seine theoretischen Annahmen hätten

"einem neoliberalen Teufelspakt Schützenhilfe geleistet, in dessen Rahmen diejenigen, in deren Händen sich das Vermögen konzentriert, eine Umverteilung zugunsten der am schlechtesten Gestellten im Austausch gegen deren Verzicht auf alle ihnen möglicherweise zustehenden Ansprüche auf politische Gleichheit unterstützen."

Ein schändlicher "Kuhhandel", argumentiert Danielle Allen überzeugend, in dem Rawls wesentliche Freiheitsrechte geopfert habe. Sein Kardinalfehler: Er räume "negativen Freiheiten" einen zentralen Stellenwert ein, also solchen Freiheiten, die vor der Einmischung anderer schützen und privates Lebensglück gewährleisten – wie zum Beispiel das Recht auf Eigentum.

Soziale Zwänge selbst mitgestalten

"Positive Freiheiten", das Streben nach öffentlicher Autonomie, dagegen schätze er zu gering. Dabei seien gerade in modernen, diversen Gesellschaften die positiven Freiheitsrechte essentiell. Sie garantieren die politische Teilhabe an der Regierung und die Mitgestaltung der Gesellschaft.

"Wir alle leben unter einer ganzen Reihe von gesellschaftlichen Zwängen. Es ist schlicht und einfach nicht möglich, durch die Welt zu gehen, ohne eine ganze Reihe von Zwängen anzuerkennen und sich ihnen zu beugen, die von Gesetzen, gemeinsamen kulturellen Praktiken, sozialen Normen und so weiter herrühren.

Deshalb besteht die einzige Möglichkeit, vollständig autonom zu sein, im Grunde darin, diese sozialen Zwänge sowohl in politischer als auch in kultureller Hinsicht mitzugestalten."

Der blinde Fleck in Rawls Theorie ist besonders sichtbar, wenn man eine Minderheits-Perspektive einnimmt – so argumentiert Danielle Allen auch einmal wirkungsvoll von ihrer Warte als schwarzer Wissenschaftlerin aus. Als Beispiel für ein negatives Freiheitsrecht führt sie hier das Vereinigungsrecht auf, also das Recht der Bürger, sich in Vereinen, Verbänden oder Ähnlichem zusammenzuschließen und zu agieren.

"Vereinigungsfreiheit führt unweigerlich zu sozialen Differenzen, und soziale Differenzen haben in der Historie mit hoher Wahrscheinlichkeit Herrschaft erzeugt. (…) Mit anderen Worten ist soziale Ausdifferenzierung sehr häufig mit der Hortung von Chancen und anderen Versuchen der Ressourcensteuerung verbunden, die zur Beherrschung einiger Gruppen durch andere führen können. In seiner extremsten Form kann der Schutz der Vereinigungsfreiheit eine soziale Ausdifferenzierung erzeugen, die zu Kastengesellschaften führt."

Widerstreitende Kräfte in Balance halten

Danielle Allens Neustart der Gerechtigkeitstheorie beruht auf der Idee, positive und negative Freiheitsrechte als gleichrangig zu behandeln mit dem Ziel, in divers zusammengesetzten Gesellschaften politische Gleichheit zu garantieren. Um den Kräften, die diese Gleichheit gefährden, etwas entgegenzusetzen, führt sie den Begriff der "Differenz ohne Herrschaft" ein:

"Differenz ohne Herrschaft bezeichnet demnach soziale Muster, die nicht darauf hinauslaufen, dass allein aufgrund des sozialen Hintergrunds der jeweiligen Beteiligten irgendeine Gruppe eine andere Gruppe entweder direkt oder vorbehaltlich unter Kontrolle hat, und auch nicht darauf, dass irgendeine Einzelperson eine andere direkt oder vorbehaltlich unter Kontrolle hat. Differenz ohne Herrschaft sollte das Prinzip sein, das unsere Entscheidungen über die Grundstruktur, Gesetze und Institutionen leitet, welche die grundlegenden gesellschaftlichen Spielregeln festlegen."

Die vernetzte Gesellschaft stabilisiert

Wie lassen sich also soziale Differenzen und eine aktive Bürgerschaft fördern und gleichzeitig die Verbindung zu illegitimer Herrschaft kappen? In insgesamt fünf sehr klar strukturierten Kapiteln spielt Danielle Allen diese Frage auch für den sozialen und wirtschaftlichen Bereich durch. Sie argumentiert: Garantin dafür sei eine vernetzte Gesellschaft, die Menschen ermutige, über soziale, ethnische und andere Grenzen hinweg Kontakte zu knüpfen – sei es über die Schule, über Vereine oder über das Militär:

"Die für eine demokratische Gesellschaft entscheidende Frage lautet, wie wir Bindungen mit denen eingehen können, die uns ähnlich sind, welche dazu beitragen, dass wir sogar Brücken zu denen schlagen, die anders sind als wir."

Solcher Art selbstbewussten Brückenbauern gelänge es dann auch, Zuwanderern leichter zu integrieren – ohne Anpassungsdruck und Ausgrenzung. Danielle Allen denkt sie sich als "Polypoliten" und meint damit Menschen, die mehreren politischen Gemeinschaften zugleich angehören und viele politische Rollen einnehmen können.

Danielle Allens erfrischende Perspektivverschiebung von Verteilungsfragen hin zu Ermächtigungsstrategien bringt besonders im US-Kontext neue politische Handlungsfelder in den Blick. Das geht von der Raum- und Bodennutzung über das Verkehrswesen bis hin zur Bildungspolitik oder zu Fragen der Unternehmensaufsicht. Als Kolumnistin der Washington Post zeigt Danielle Allen, dass sie nicht nur wertvolle Beiträge zur politischen Theorie liefern kann – wie in ihren Adorno-Vorlesungen. Sondern auch für ganz praktische Reformvorschläge zu haben ist. So oder so: Von der kenntnisreichen Politologin möchte man mehr auf Deutsch lesen.

Danielle Allen: "Politische Gleichheit", Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2017, aus dem Amerikanischen von Christine Pries,
Suhrkamp Verlag, 240 Seiten, 28 Euro.

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