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StartseiteInterview"Starkes Charisma und einnehmende Intellektualität"04.08.2019

Adornos 50. Todestag "Starkes Charisma und einnehmende Intellektualität"

Moralische Autorität, politische Integrität, vorführendes Denken und gelungene Performance: Theodor W. Adorno habe die Menschen in seinen Bann gezogen, sagte der Philosoph Martin Saar im Dlf. Und viele Denkansätze der von ihm vertretenen Kritischen Theorie seien auch heute aktuell.

Martin Saar im Gespräch mit Michael Köhler

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Nach dem Krieg seien einige Migranten als moralische Autoritäten nach Deutschland zurückgekommen, die sich "gewissermaßen als Lehrer und Erzieher der jungen Bundesrepublik begriffen" haben, sagte der Philosoph Martin Saar im Deutschlandfunk. Adorno sei trotzdem etwas Besonderes gewesen: Sein starkes persönliches Charisma und sein sehr persönlicher Stil des Denken habe offensichtlich nicht nur im Hörsaal, sondern auch in der Öffentlichkeit enormen Eindruck hinterlassen.

Ambivalentes Verhältnis zur deutschen Kultur

In Bezug auf die deutsche Kultur habe Adorno eine politische Re-Orientierung vorexerziert, die durch und durch ambivalent gewesen sei. Er habe einerseits die Größe der deutschen Geistesgeschichte, die Kultur und kulturellen Werte gewürdigt, sich andererseits aber vorbehaltlos von dem distanziert, was in der Kultur "affirmativ ist, das heißt, letztlich auch Herrschaftsverhältnisse zementieren oder sogar auch legitimieren hilft. Und diese Doppelgeste - das heißt, der deutschen Kultur nichts schenken, weil sie auch für unendliches Leid verantwortlich war, und trotzdem appellieren an die in ihr liegenden Befreiungs- und auch Emanzipationspotenziale - diese doppelte Geste war auch damals genau das, was eine bestimmte Generation gebraucht hat und was sie in den anderen akademischen Lehrern, vor allem bei denen, die in den dunklen Jahren Mitläufer, Anpasser oder sogar Mittäter waren, nicht verkörpert war."

Faschismusgefahr auch in modernen liberalen Gesellschaften

Der kleinste gemeinsame Nenner aller Kritischen Theorien im Anschluss an Adorno sei der Versuch, die oft unheilvolle Verbindung zwischen Machtherrschaft und Identität in den Griff zu bekommen, zu analysieren oder zumindest vernünftig und treffend zu beschreiben, so Martin Saar. Und Adorno habe immer wieder darauf hingewiesen, dass auch moderne Gesellschaften, die sich selbst als liberal, flexibel und fortschrittlich begriffen, "in ihrem Kern immer wieder bedroht sind vom Verfall in Identitätskonstruktionen, die in sich selber herrschaftlich und ausschließlich und ausschließend sind".

Der Gedanke, dass die Faschismusgefahr auch durch liberale oder rechtsstaatliche Institutionen nicht gebannt werde, sei von zeitdiagnostischem Rang bis heute. "Ob man das jetzt einfach auf unsere Situation 2019 ungebrochen übertragen kann, ist eine andere Frage, aber die Denkrichtung und die Kritikrichtung scheint mir ganz einschlägig und dringend", so Saar.  

Philosophie muss Stellung zur Zeit beziehen

Eine wesentliche Besonderheit im Denken Adornos und der Kritischen Theorie sieht Martin Saar in der Idee, dass "sich philosophische Theorie auch ans ganz profane Geschäft der sozialwissenschaftlichen Beschreibung von Gegenwart macht" und auch die Methoden der Sozialforschung verwendet. Alle Theorieformen hätten zwar ihre eigene Zeit und ihren eigenen Kontexte und wiederholen oder imitieren ließen sie sich nicht. "Aber sich unter den Anspruch stellen, das Philosophie was zu sagen haben muss zu ihrer Zeit und dass sie widerständig sein muss gegenüber den Versuchungen des Konformismus, das scheint mir bleibend, gültig - und schwierig."

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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