Montag, 10.12.2018
 
Seit 16:35 Uhr Forschung aktuell
StartseiteKalenderblattVom Marineoffizier zum Polarforscher02.08.2016

Adrien de Gerlache de Gomery Vom Marineoffizier zum Polarforscher

Es war in der sogenannten heroischen Ära der Antarktiserkundung, als sich Adrien de Gerlache de Gomery und seine Crew 1897 auf den Weg Richtung Südpol machten. Doch ihr umgebauter Walfänger Belgica blieb im Treibeis der Bellingshausen-See stecken: der Beginn eines langen Martyriums. Vor 150 Jahren wurde der Leiter der Mission geboren.

Von Mathias Schulenburg

Eisschollen in der Antarktis  (dpa / picture-alliance / Jim Yungel)
Die Mannschaft um Adrien de Gerlache de Gomery war gezwungen, in der Antarktis zu überwintern. (dpa / picture-alliance / Jim Yungel)
Mehr zum Thema

Riskante Reise im Eis

Es war ein wunderbar sonniger Tag, als sich am 16. August 1897 die Belgica, ein umgerüstetes Walfangschiff mit drei Masten, einer komfortablen Besegelung und einer schwachbrüstigen Dampfmaschine zum Ruhme Belgiens vom Hafen Antwerpens aus in Bewegung setzte. Das Ziel der Belgica war Antarktika, der Kontinent am Südpol, der zwar schon im Februar 1821 erstmals von einem Mitglied der Entdeckernationen betreten, aber nicht sonderlich gut erforscht worden war. Nun hatte erneut Entdeckerfieber eingesetzt, angefacht auch von der Aussicht auf Gewinn.

Die Belgica-Expedition ging auf die Initiative von Adrien de Gerlache de Gomery zurück – geboren am 2. August 1866 in Hasselt/Belgien –, einen Marineoffizier, der sich als Polarforscher einen Namen machen wollte und auch das Unternehmen leitete.

Unter Dampf waren nicht mehr als 9 km/h zu erreichen

Die Finanzierung der Expedition war schwierig, war König Leopold II. doch von seinen profitablen Kongo-Besitzungen in Beschlag genommen. Der zweite Kommandant der Belgica, Georges Lecointes, bedauerte de Gerlache:

"... der seit drei Jahren für seine Expedition bettelte und alle Demütigungen, allerdings mit ungetrübtem Gleichmut, über sich ergehen ließ – wenn sie nur etwas einbrachten. Was für ein Leben!"

Dann rang sich auch Leopold zu einer Mitfinanzierung durch. Üppig wurden die Verhältnisse dadurch nicht. Als die Expedition Antwerpen verließ, so das Fram-Museum in Oslo,

"... war jeder Sous des Spendengeldes ausgegeben. Der umgerüstete Walfänger war so überladen, dass die Decks kaum 60 Zentimeter über dem Wasserspiegel lagen. Unter Dampf waren nicht mehr als 9 km/h zu erreichen."

Die Disziplin an Bord ließ anfangs sehr zu wünschen übrig. Der später so berühmte Roald Amundsen – er war als zweiter Offizier an Bord – führte ein offenherziges Tagebuch:

"Kam an Bord und bekam die – nun, freudige – Nachricht, dass unser französischer Koch an Land gesetzt worden war. Er hatte sich mit seinem unmöglichen Benehmen jeden zum Feind gemacht."

Zu alledem kam auch noch Sabotage. Der für den Dampfkessel verantwortliche Maschinist ließ die Maschine trocken laufen und musste entlassen werden. Es blieben als Mannschaft ein Quartiermeister, zwei Matrosen und vier Schiffsjungen. Aber für kleine Mannschaften war der ursprüngliche Walfänger gebaut, wie ein Orkan bewies.

"Das Schiff hält sich beiliegend ausgezeichnet trotz der entfesselten See. Wir sind alle stolz auf unsere Belgica. [...]. Wir wissen jetzt, dass ihre Dauerhaftigkeit jede Probe bestehen wird."

Die Bewährungsprobe, die die Belgica berühmt machen sollte, kam denn auch bald. De Gerlache hatte sich über Gebühr mit Forschungsarbeiten aufgehalten, die er ebenso gut bei der Rückkehr von Antarktika hätte durchführen können. So fuhr die Belgica verspätet in das Treibeis der Bellingshausen-See vor Antarktika und – blieb stecken.

"Sie waren nun der Gnade des Südens ausgeliefert. Ob Gerlache das beabsichtigt hatte oder nicht, die multinationale Mannschaft würde die erste sein, die die Härten einer langen antarktischen Nacht erfuhr. Die Sonne zwei Monate lang unter dem Horizont, mehr als ein Jahr Schnee und Hagel, ohrenbetäubende Stürme, Krankheit, Wahnsinn sollte die lange Nacht bringen, und für einen der Entdecker den Tod."

Am Ende der langen Nacht hatten sie größte Mühe, sich mit Sprengstoff, Dampf- und Muskelkraft aus dem Eis zu befreien. Aber es gelang, und am 5. November 1899 fuhr die Belgica wieder in den Hafen von Antwerpen ein, beladen auch mit zahlreichen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Kartografie, Klima, Flora, Fauna, die den Nachfolgern nützlich waren.

De Gerlache und die anderen Mitglieder der Expedition wurden mit Medaillen ausgezeichnet. Sein Buch über die Ereignisse erhielt einen Preis der Académie Française. De Gerlache nahm an einer Reihe weiterer kommerzieller und wissenschaftlicher Expeditionen Teil, darunter eine weitere antarktische unter französischer Leitung, die er vorzeitig verließ.

Adrien de Gerlache starb 1934 in Brüssel 68-jährig an Paratyphus.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk