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StartseiteTag für TagKoptische Christen als Feindbild der Islamisten30.05.2017

ÄgyptenKoptische Christen als Feindbild der Islamisten

Ungefähr jeder zehnte Ägypter ist Christ. Die meisten sind Kopten, also orthodoxe Christen. Ihre Kirchen sind immer wieder Ziel von Anschlägen. Präsident Abdel Fattah al-Sisi, ein Muslim, beschwört danach stets die Einheit von Muslimen und Christen im Land. Dennoch werden Christen in Ägypten diskriminiert.

Von Jürgen Stryjak

Ein Wächter patrouilliert im Roten Kloster bei Sohag unter dem Kreuz der Kopten (Aufnahme vom 29.1.2010). Christen werden in Ägypten häufig Opfer von Gewalt. (picture alliance / dpa)
Christen werden in Ägypten häufig Opfer von Gewalt. (picture alliance / dpa)

Als Mitte April in Ägypten die Ostermessen stattfinden, herrschen immer noch Trauer, Angst und Entsetzen in den koptischen Gemeinden des Landes. Eine Woche zuvor waren bei Anschlägen auf zwei Kirchen insgesamt 45 Menschen ums Leben gekommen.

Die jüngsten Angriffe hätten das Ziel gehabt, die Christen und die Muslime zu Feinden zu machen, aber das werde nicht gelingen, sagt die Koptin Soheir Mahrous am Rande der Messe in der Markus-Kathedrale von Kairo. Die ägyptischen Christen würden weiterhin friedlich mit den Muslimen zusammenleben. Die meisten Freunde ihres Sohnes seien Muslime, und es gebe keinerlei Hass zwischen ihnen.

Es wäre falsch, von  Christenverfolgung zu sprechen

Zu den beiden Anschlägen hatte sich die Terrorgruppe "Islamischer Staat" bekannt, die auch im Norden der Sinai-Halbinsel aktiv ist. Hier hatten die Extremisten im Februar mehrere Hundert koptische Familien in die Flucht getrieben, indem sie mehrere Kopten brutal ermordeten. Bei einem Selbstmordanschlag des IS in der Kairoer Kirche St. Peter und Paul wurden im Dezember 29 Menschen getötet.

Ein Sarg wird am 10.04.2017 zu einer Trauerfeier für die am Palmsonntag bei einem Anschlag ums Leben gekommenen koptischen Christen in die Mar Amina Kirche in Alexandria (Ägypten) getragen. Am Palmsonntag wurden bei Anschlägen auf eine Kirche in der Mittelmeer-Hafenstadt Alexandria und ein Gotteshaus in der nordägyptische Stadt Tanta 41 Personen getötet und etwa 120 verletzt wie das das Gesundheitsministerium in Kairo mitteilte. Es handelt sich damit um die schwersten Anschläge auf die christliche Minderheit in Ägypten seit Jahren.  (picture alliance / dpa / Samer Abdallah)Anfang April kamen 45 Menschen bei einem Anschlag auf zwei Kirchen ums Leben (picture alliance / dpa / Samer Abdallah)

Trotzdem wäre es falsch, von einer Christenverfolgung in Ägypten zu sprechen. Im Gegenteil: Selbst nach Ansicht der schärfsten ägyptischen Islamkritiker wünschen sich mindestens 80 Prozent der Muslime im Land ein friedliches Miteinander mit ihren christlichen Nachbarn.

Die koptische Politologin Mona Makram Ebeid erklärt, warum sich die Gewalt der Extremisten in Ägypten immer öfter gegen Christen richtet: Es sei den Terroristen bislang nicht gelungen, die Regierung zu stürzen. Deshalb wollten sie jetzt Christen und Muslime gegeneinander aufhetzen. In Ägypten herrsche immer noch ein starker Zusammenhalt, der das Land bislang vor Verhältnissen bewahrt habe, wie sie in Syrien, Libyen oder im Jemen herrschen.

Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi (AFP/ Simon Maina)Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi versucht das Land zu einen (AFP/ Simon Maina)

Die Extremisten wollen also den Staat destabilisieren. Präsident Abdelfattah al-Sisi hingegen beschwört immer wieder die Einheit von Muslimen und Christen, und er besuchte demonstrativ koptische Messen. Das unterscheide ihn von den Führern der Muslimbruderschaft, deren Regierung al-Sisi 2013 stürzte, sagt Ishak Ibrahim von der Ägyptischen Initiative für Persönlichkeitsrechte.

"Eine Kluft zwischen dem, was gesagt und getan wird"

"In den offiziellen Reden – zum Beispiel von Präsident al-Sisi – wird tatsächlich ein Fortschritt deutlich. Al-Sisi spricht von Gleichheit und von den Bürgerrechten der Christen. Aber es gibt eine Kluft zwischen dem was gesagt, und dem was in der Realität getan wird."

So würden Christen auch weiterhin unter Diskriminierung leiden.

Eine Aufnahme vom 16.02.2015 zeigt die christlich-koptische Sankt-Markus-Kathedrale in Kairos al-Abbassiya-Distrikt in Ägypten. (AFP / KHALED DESOUKI )Die christlich-koptische Sankt-Markus-Kathedrale in Kairo (Ägypten) (AFP / KHALED DESOUKI )

"Die Kopten werden sowohl vom Staat als auch von der Gesellschaft diskriminiert. Das neue Gesetz zum Beispiel, das den Kirchenbau regelt, ist meiner Meinung nach in Wirklichkeit ein Gesetz, das die Errichtung von Kirchen erschwert und das den Kirchenbau gegenüber dem Bau von Moscheen benachteiligt."

Der Bau von Kirchen wird staatlich erschwert

Das Gesetz erlaubt es Provinzgouverneuren, den Neubau einer Kirche zu verhindern, etwa wenn sie befürchten müssen, dass der Bau zu Protesten von Muslimen führt. Das ist nicht Rechtsstaatlichkeit, sondern Willkür. Die islamischen Autoritäten und auch viele konservative Muslime im Land glauben ohnehin, dass sich die ägyptischen Christen der muslimischen Mehrheitsgesellschaft unterordnen müssten.

Hetze gegen Christen wird nur selten juristisch verfolgt. In den Lehrplänen der Schulen wird der Islam bevorzugt, und das nicht nur in religiösen Fächern, sondern zum Beispiel auch im Geschichtsunterricht.

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