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StartseiteEine WeltMühsamer Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung 03.09.2016

ÄgyptenMühsamer Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung

Weltweit sollen 200 Millionen Frauen und Mädchen beschnitten beziehungsweise genital verstümmelt sein. Das heißt, die äußerlichen Geschlechtsorgane wurden teilweise oder ganz entfernt. In Ägypten sind mehr als 90 Prozent der weiblichen Bevölkerung betroffen. Nun hat das Parlament in Kairo einen Gesetzentwurf verabschiedet.

Von Susanne EL Khafif

Messer, Klingen und Amulette für die Beschneidung von Mädchen. (imago/Friedrich Stark)
Messer, Klingen und Amulette für die Beschneidung von Mädchen. (imago/Friedrich Stark)
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Unerwartet kam, was das ägyptische Staatsfernsehen da noch aus dem Parlament zu berichten hatte. Kurz vor Toresschluss, kurz bevor sich die Abgeordneten in eine längere Sitzungspause verabschieden wollten. Fast so, als wäre unbedeutend, was auf die Schnelle zur Abstimmung anstand.

Die Vertreter des Volkes heben die Hand, stimmen dann mehrheitlich für den Entwurf, den die Regierung erst wenige Tage zuvor im Parlament eingebracht hatte. Die Neuauflage des Gesetzes bezeichnet die Beschneidung von Mädchen und Frauen fortan als "Verbrechen", nicht mehr als "Vergehen", und es sieht höhere Strafen vor: Wer ein Mädchen oder eine Frau beschneidet, soll künftig fünf bis sieben Jahre in Haft; sollte das Mädchen dabei sterben, sind es bis zu 15 Jahre.

Seit 2008 nur in zwei Fällen ermittelt

Unerwartet kam die Entscheidung des Parlaments auch deshalb, weil wenige Wochen zuvor der Abgeordnete Ahmed El-Tahawy eine öffentliche Diskussion auf den Weg gebracht hatte, die in eine ganz andere Richtung ging. Tahawy, Arzt und Mitglied des parlamentarischen Gesundheits-Ausschusses, hatte sich im Parlament für die Beschneidung ausgesprochen – ohne dabei nennenswerten Widerspruch zu ernten. Dabei steht die Beschneidung von Mädchen und Frauen in Ägypten seit 2008 unter Strafe. In lediglich zwei Fällen hat die Staatsanwaltschaft jedoch ermittelt, in beiden Fällen war ein junges Mädchen beim Eingriff zu Tode gekommen.

"Islam verbietet Beschneidung von Frauen und Mädchen"

Vom medizinischen Standpunkt, so die Argumentation des Abgeordneten Tahawy, spreche er sich für den Eingriff aus, vorausgesetzt er werde von Fachpersonal durchgeführt. Er sei aber vor allem aus religiösen Gründen dafür. In einem Fernseh-Interview forderte Tahawy die islamische Geistlichkeit dazu auf, Stellung zu beziehen.

Die Azhar, bedeutendste islamische Lehreinrichtung der sunnitischen Welt, hat das bereits mehrfach getan. Und sie tut es jetzt wieder. Khalid Omran, Generalsekretär des Fatwa-Rates der Azhar: "Wir haben uns dazu eindeutig geäußert: Der Islam verbietet die Beschneidung von Frauen und Mädchen. Wer sie dennoch vornimmt, versteht das islamische Recht völlig falsch."

Auch Christen lassen ihre Mädchen beschneiden

Der Abgeordnete Tahawy lässt sich dennoch nicht beirren, so wie auch eine Mehrheit im Land an ihrer Meinung festhält, ganz unabhängig davon, ob sie nun islamischen oder christlichen Glaubens ist. Denn auch Kopten, die christlichen Ägypter, lassen ihre Mädchen und Frauen beschneiden.

Staatliche und nichtstaatliche Frauenorganisationen begrüßen die neue Gesetzeslage und das darin festgeschriebene, deutlich höhere Strafmaß. Sie verweisen jedoch darauf, dass Beschneidung im Geheimen stattfinde - ohne dass zuständige Behörden davon jemals Kenntnis erhielten.

"Nur Aufklärung hilft"

Auch Hussein Gohar hegt Zweifel, aus demselben Grund. Der renommierte Gynäkologe und Aktivist meldet darüber hinaus auch Zweifel an der verschärften Gesetzeslage an: "Oberflächlich betrachtet, sieht es gut aus, wenn es härtere Strafen gibt. Doch meiner Meinung nach wird das nicht zum Erfolg führen. Der Schritt ist sinnlos. Wenn die Eltern davon überzeugt sind, dass ihre Tochter das durchmachen muss, und auch der Arzt – wer bitte, wird das Verbrechen dann melden? Das findet nur statt, wenn es Komplikationen gibt, schwere Komplikationen, die womöglich zum Tod führen."

Versuche, der Beschneidung entgegenzuwirken, hat es schon einige gegeben. Vor allem Suzanne Mubarak, die Frau von Ex-Machthaber Husni Mubarak, der 2011 zurückgetreten war, engagierte sich für die ägyptischen Frauen und bemühte sich um Aufklärung. Mit nur mäßigem Erfolg. Hussein Gohar hält Aufklärung dennoch für einzig zielführend, doch, so sagt er, sie muss umfassend sein. Und nachhaltig: "Der einzige Weg, dem Problem zu begegnen, ist eine nationale Aufklärungs-Kampagne. An der müssen alle, Wissenschaftler, Geistliche, Staatsbeamte und besonders die Zivilgesellschaft mitwirken. Nein, sie muss sie letztlich führen. Und diese Kampagne muss auf zehn, fünfzehn Jahre angelegt sein, alles andere reicht nicht aus."

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