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StartseiteEuropa heutePortugal will Immobilienkäufer in die Provinz schicken31.01.2020

Änderungen bei Goldenen VisaPortugal will Immobilienkäufer in die Provinz schicken

Portugal reformiert sein "Goldene Visa"-Programm für Immobilienkäufer. Die Aufenthaltsgenehmigungen sollen hauptsächlich noch gegen Investitionen im Landesinneren vergeben werden - eine Reaktion auf die Kritik, in Städten fehle Wohnraum. Nur wenige Investoren suchen tatsächlich ein neues Zuhause.

Von Tilo Wagner

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Jamuna Burry und ihr Mann vor ihrem Haus in Parede (Deutschlandradio/ Tilo Wagner)
Jamuna Burry und ihr Mann sind von Kanada nach Portugal gezogen und haben im Küstenstädtchen Parede ein neues Zuhause gefunden (Deutschlandradio/ Tilo Wagner)
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Jamuna Burry führt durch ihr stilvoll renoviertes altes Bauernhaus in dem Küstenstädtchen Parede, rund 15 Kilometer westlich von Lissabon: dunkle Holzdecken, Terrakotta-Boden, an den Küchenwänden blaue Azulejo-Fließen. Die Kanadierin ist mit ihrem Mann vor ein paar Monaten nach Portugal gezogen.

"Wir sind jetzt pensioniert. Aber wir sind voller Leben, wir wollen neue Dinge ausprobieren, wir wollen eine neue Sprache und eine neue Kultur kennenlernen. Das macht einfach Spaß. Wir sind vorher durch Europa gereist und haben auch ein paar Monate in Spanien gelebt, um zu schauen, ob es uns dort gefällt. Aber als wir nach Portugal kamen, haben wir uns sofort in das Land verliebt. Die Stimmung ist hier anders. Die Leute sind freundlich und offen und wir passen hier irgendwie besser rein."

Burry und ihr Mann können in Portugal leben, weil sie ein "Goldenes Visum" haben, das heißt sie haben eine Immobilie im Wert von über 500.000 Euro gekauft und dafür eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Zusätzlich können sie sich im gesamten Schengen-Raum bewegen.

Hitzige Diskussion über Goldene Visa

Im Oktober 2012, auf dem Höhepunkt der Staatsschuldenkrise, führte die damalige konservative Regierung das Visa-Programm ein, um die ausländischen Investitionen in Portugal anzukurbeln. Das Geld wurde insbesondere in Wohnungen und Häuser im Großraum Lissabon investiert, die dann über Online-Plattformen als Ferienwohnungen auf den Markt kamen. Das hat mit dazu beigetragen, dass laut portugiesischem Statistikamt. Viele Lissabonner können sich ein Leben in ihrer eigenen Stadt nicht mehr leisten.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Europas Immobilienmärkte - Kaufen, bauen, ausgrenzen.

Jamuna Burry lebt erst seit Juni im Land, aber die teilweise sehr hitzig geführte Diskussion um die Goldenen Visa in Portugal hat sie dennoch mitbekommen:

"Ich kann die Portugiesen, die sich beschweren, natürlich verstehen. Sie hatten hier ihr eigenes Leben, und plötzlich kommen Leute von außerhalb mit viel mehr Geld und alles verändert sich, weil sich die Portugiesen die Häuser nicht mehr leisten können. Aber ich verstehe auch, warum Portugal seine Türen öffnet und die Leute hereinlässt. Denn die bringen ihr Geld mit und geben es hier aus, und davon profitiert dann das ganze Land."

Portugal ist für die Kanadierin bereits zu einer neuen Heimat geworden, und deshalb, sagt sie, würden sie und ihr Mann alles tun, um die Mindestanforderungen des Visa-Programms zu erfüllen: Das heißt, sie dürfen ihr Haus nicht verkaufen und nicht straffällig werden.   

Stadtansicht Lissabon in Portugal. (imago | Westend 61)Die Immobilienpreise in Lissabon sind zwischen 2016 und 2019 um 60 Prozent anstiegen (imago | Westend 61)

Vielen Investoren geht es um den EU-Pass

Viele Träger eines Goldenen Visums kommen jedoch nicht wie die Burrys nach Portugal, um ihren Lebensabend zu verbringen. Sie halten sich hier höchstens ein paar Tage im Jahr auf. Ihre Identität bleibt gänzlich unbekannt. Und ihre Geschäfte lassen sie von großen Anwaltskanzleien regeln, die sich in der Hauptstadt rund um die noble Wohn- und Geschäftsgegend Rua Castilho angesiedelt haben.

Hier liegt auch die Kanzlei, in der die Rechtsanwältin Paula Vianna arbeitet. Die Brasilianerin hat sich in portugiesischem und brasilianischem Immobilienrecht spezialisiert. Denn es kommen vor allem chinesische und brasilianische Investoren nach Lissabon – wegen der lukrativen Investition inklusive Zugang zum EU-Binnenmarkt und Aussicht auf einen attraktiven Pass:

"Portugal ist in der EU und der Zugang zu anderen Länder ist wesentlich einfacher. Deshalb wollen fast alle Visumsträger Portugiesen werden. In Portugal müssen die Visumsträger im ersten Jahr nur sieben Tage, und in den beiden darauffolgenden Zwei-Jahres-Perioden jeweils nur 14 Tage in Portugal verbringen. Das ist gerade für die interessant, die nur Geld investieren wollen, und sich dann trotzdem auf einen EU-Pass bewerben dürfen."

Änderungen geplant

Die kleineren Linksparteien in Portugal lehnen das Investitionsprogramm prinzipiell ab. Sie fordern ein Ende der Goldenen Visa und verweisen nicht nur auf die sozialen Konsequenzen für den immer teurer werdenden Wohnraum in Lissabon, sondern halten das Programm auch für eine direkte Einladung für Korruption und Geldwäsche im Immobilienmarkt. Die regierenden Sozialisten haben jetzt zumindest angekündigt, dass die Goldenen Visa nun stärker an Investoren vergebenen werden sollen, die in weniger attraktive Gegenden im Landesinneren Immobilien kaufen.

Auch Paula Vianna begrüßt diese Idee. Vor allem ihre brasilianischen Klienten würden sich auch für eine Immobilieninvestition an den Rändern Lissabons oder im Landesinneren interessieren, sagt Vianna: Schließlich würden viele brasilianische Investoren auch nach Portugal kommen, weil das Land sozial wesentlich ausgeglichener als Brasilien sei und seine Großstädte fast frei von Gewaltkriminalität. So erklärt sich die Rechtsanwältin, warum die Zahl der brasilianischen Visumsträger entgegen dem allgemeinen Trend weiter gestiegen ist.

Insgesamt ist nämlich die Anzahl der vergebenen Goldenen Visa auf den niedrigsten Stand der vergangenen vier Jahre zurückgegangen. Und dafür gibt es einen Grund: Die Stadt Lissabon hat auf heftige Proteste der Zivilbevölkerung reagiert und vergibt seit Oktober 2019 in weiten Bereichen der Innenstadt keine Lizenzen für Ferienwohnungen mehr.

"Viele unserer Klienten haben vor zwei Jahren angefangen, Wohnungen im alten Stadtzentrum aufwendig zu sanieren. Jetzt sind die Apartments fertig, sie wollten Ferienwohnungen daraus machen, aber sie kriegen dafür jetzt keine Genehmigung mehr. Dieses Risiko gehört nun mal zum Geschäft."

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