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StartseiteHintergrundWenn Studenten psychisch krank werden06.10.2019

Ängste, Depressionen, StudienabbruchWenn Studenten psychisch krank werden

Hunderttausende Studierende in Deutschland sind psychisch krank, viele brechen deswegen ihr Studium ab. Bildungspolitiker und Beratungsstellen versuchen, diese Entwicklung zu stoppen. Aber die Herausforderungen bleiben groß.

Von Nele Rößler

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Eine Studentin der Universität Bayreuth (Bayern) sitzen am 21.01.2016 mit ihrem Notebook in der Zentralbibliothek der Universität (Nicolas Armer/dpa )
Ein Drittel der Studienanfänger bricht das Studium ab. (Nicolas Armer/dpa )
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"Und dann atmet man ganz tief ein, sodass der Brustkorb raus geht und auch der Bauch. Da drin hält man die Luft ein bisschen. Das sind richtig tiefe Atemzüge. Währenddessen denkt man an nichts. Man kann auf den eigenen Herzschlag hören, der ist ja manchmal sehr laut, wenn man eine Panikattacke hat."

Kathi ist Mitte 20. Sie leidet unter Angststörungen. Die Atemübung beruhigt sie, wenn sie wieder glaubt, zu ersticken, oder das Gefühl hat, gleich spalte sich ein Teil von ihr ab.

Sie hatte schon in der Schulzeit Depressionen. Die Angststörungen kamen während des Abiturs hinzu. Das erste Semester ihres Literaturwissenschaftsstudiums hat noch ganz gut funktioniert:

"Ich habe mich dann einfach nur darauf fokussiert, es in die Uni zu schaffen und meinen 450-Euro-Job zu machen."

Hinweis der Redaktion: Sollten Sie Hilfe in einer schwierigen Situation benötigen, können Sie sich jederzeit an die kostenlose Hotline der Telefonseelsorge wenden: 0800/1110111.
Lokale Ansprechpartner und psychologische Beratungsangebote an Ihrem Hochschulort finden Sie hier aufgelistet.

Kathis Angststörungen verschlimmerten sich aber während des Studiums. Die Gründe sind vielfältig: Bei ihren Kommilitonen fand sie keinen Anschluss. Aber auch ein hoher Anspruch an sich selbst spielte eine Rolle. Sie war an der Universität immer noch gut, aber nicht mehr so gut wie in der Schule:

"Das ist einfach traurig, wenn man ein Vierteljahr in die Uni steckt und du kannst nicht stolz auf das sein, was du in der Zeit gemacht hast, weil du halt in der Prüfung nur so durchschnittlich warst."

Irgendwann wurden die Panikattacken so schlimm, dass Kathi das Haus nicht mehr verlassen hat. Für sie war es nicht mehr möglich, eine Präsenzuniversität zu besuchen. Sie brach das Studium ab.

Die Ursprünge von Angststörungen

Angststörungen haben "wie viele andere seelische Störungen auch, im Grunde genommen nicht eine einzige Ursache",

sagt Professor Peter Zwanzger, Chefarzt für Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik am Kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg am Inn. Psychische Erkrankungen seien immer das Resultat:

"... aus dem Zusammenkommen verschiedener Faktoren. Und unter diesen verschiedenen Faktoren spielen die Gehirnfunktion, also neurobiologische Mechanismen, genauso eine Rolle wie die sogenannten psychosozialen Faktoren, die alles umfassen, Lebensereignisse, biografische Ereignisse, Trauma, Persönlichkeit et cetera."

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Wie bei Kathi haben psychische Erkrankungen meistens starke Auswirkungen auf die Ausbildungssituation der Betroffenen. Viele brechen ihr Studium ab, wenn sie unter Depressionen, Angststörungen oder ähnlichen Krankheiten leiden.

Ein Drittel der Studienanfänger bricht das Studium ab

Abbrüche generell vermeiden, darum bemüht sich auch die Bundespolitik seit vielen Jahren. Ernst Dieter Rossmann, Bildungsexperte der SPD, meint:

"Dass es natürlich auch immer vergeblich investierte Studienplatzkapazitäten, Lebenszeit, Einkommenszeit sind. Weshalb wir schon ein Interesse daran haben sollten, über bessere Studienvorbereitung, über bessere Studienorientierung, über bessere Einführung in das Studium diese Studienabbruchquote zu begrenzen."

Junge Frau mit langen blonden Haaren steht am Straßenrand mit schnell an ihr vorbeifahrenden Autos.  (picture alliance / Rolf Kremming)Jeder sechste Studierende ist laut einer Studie psychisch krank. (picture alliance / Rolf Kremming)


Ein Studienabbruch sei auch selten förderlich für das Selbstbewusstsein.

"Wenn Sie ein Studium beginnen, dann tun sie das ja, weil sie dort ein Thema, ein Fachgebiet für sich haben, in dem sie bis zu einem Abschluss kommen wollen. Von daher ist es einmal ein Ziel, das möglichst viele das auch erfolgreich abschließen können."

Mit dieser Absicht beginnen auch in diesen Tagen wieder circa 500.000 junge Menschen in Deutschland ihr Studium. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre wird etwa ein Drittel von ihnen die Ausbildung abbrechen.

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Meist angegebener Grund für den Studienabbruch ist, laut einer Umfrage des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, "Überforderung". Das kann psychische Erkrankungen mit einschließen.

"Wir haben Stressfaktoren im deutschen Hochschulsystem, einmal hochschulorganisatorisch bedingt durch diese enge zeitliche Verdichtung in Bachelor- und Masterstudiengängen",

sagt Stefan Grob, Pressesprecher beim Studentenwerk Deutschland.

"Aber ich würde nie sagen, der Bachelor macht krank oder der Bachelor macht depressiv, was man immer wieder hört. Aber wir haben natürlich darüber hinaus auch eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, dass ein Studium zu der entscheidenden Phase vor Eintritt ins Berufsleben geworden ist und mit riesigen Erwartungen verbunden ist. Studiere rasch, studiere arbeitsmarktbezogen, studiere erfolgreich, lerne noch drei Fremdsprachen inklusive Chinesisch verhandlungssicher und so weiter."

Das Studentenwerk Deutschland kümmert sich nach eigener Beschreibung um "die Förderung der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Belange der Studierenden". Die Vergabe von Bafög, der Betrieb von Mensen, Kinderbetreuung, all das fällt in den Aufgabenbereich der 57 Studentenwerke hierzulande. Sie finanzieren sich durch die Semesterbeiträge und, zum Großteil, durch die Einnahmen der von ihnen betriebenen Wohnheime. Ungefähr neun Prozent der Einnahmen sind Zuschüsse der Länder.

Bedarf an psychologischer Beratung nimmt zu

Außerdem bieten die Studentenwerke soziale, wirtschaftliche und psychologische Beratungen an. Diese werden laut einem 2018 erschienen Report der Barmer Ersatzkasse immer wichtiger. Ein Ergebnis der Studie: Zirka jeder sechste Studierende ist psychisch krank, das sind 470.000 Betroffene.

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"Die häufigste Erkrankung innerhalb der psychischen Erkrankungen ist die Depression. Von 470.000 Studenten in Deutschland haben 86.000 eine Depression und das für eine Altersgruppe die normalerweise überhaupt nicht zum Arzt geht",

sagt Ursula Marschall von der Barmer Ersatzkasse. Sie hat an dem Report mitgearbeitet. Das Team hat dafür Abrechnungen und Diagnosen ausgewertet. Dabei sei innerhalb der vergangenen zehn Jahre eine deutliche Zunahme der Diagnose "Depressionen" bei Studierenden zu sehen. Dafür gebe es zwei Gründe:

"Wir haben mit Sicherheit das Thema gesellschaftliche Veränderung, also dieses Thema Leistungsdruck und Anforderungen, die gestiegen sind, das ist das eine. Der zweite Faktor ist, dass ich als Betroffener viel häufiger auch meine eigenen Gefühle wahrnehme."

Weniger Hemmungen, Beratungsangebote anzunehmen

Dass junge Menschen sich heute eher Hilfe suchen, das beobachtet auch die Psychologin Gaby Jungnickel. Sie leitet die Beratungsstelle des Studentenwerks an der Universität zu Köln.

Über 100.000 Kontakte von Studierenden mit Psychologen des Studentenwerks gab es 2017. Das sind 60 Prozent mehr als noch 2006. Gaby Jungnickel vermutet, dass nicht nur die Hemmschwelle sinke, professionelle Hilfe anzunehmen. Es spreche sich auch herum, dass es diese Angebote gibt.

"Die jungen Leute kommen hierhin, wenn sie merken, dass es irgendwo klemmt."

Neben den Einzelgesprächen gibt es auch Gruppenangebote, unter anderem zu Themen wie Zeitmanagement und Prüfungsangst. Besonders damit hätten laut Jungnickel viele Studierende zu kämpfen.

Symbolbild (imago/Ikon Images)In der Beratung wird erstmal entschieden ob eine Therapie nötig ist und welche Form in Frage kommt. (imago/Ikon Images)

Wenn ein Ratsuchender zu ihr kommt, redet sie mit den Menschen erst einmal über ihre Probleme.

"Dann haben wir natürlich so einen diagnostischen Blick darauf, handelt es sich jetzt hier um eine, wie es so schön heißt, Störung von Krankheitswert. Oder ist es eine Krise, in die jemand geraten ist, aus der wir auch mit ein, zwei, drei Beratungsgesprächen und einem fokussierten Blick auf manche Dinge auch wieder heraushelfen können."

"Ich war mitten in der Masterarbeitsphase, es stand ein Umzug bevor. Und auch in der Familie gab es einen Vorfall, da war ich einfach gestresst und habe mich überlastet gefühlt und dann bin ich an die Uni zur psychologischen Beratung."

Emma, die ihren richtigen Namen nicht im Radio hören will, ist Mitte 20 und studiert an der Universität Köln zwei Fremdsprachen. Sie hatte nie mit psychischen Problemen zu kämpfen. Erst kurz vor Ende ihres Studiums begann es:

"Das hat sich geäußert in verschiedenen Ängsten. Viel ging es um meine Beziehung, die ich jetzt auch noch habe, aber auch generell Versagensängste, dass ich das alles nicht schaffe."

Irgendwann ist Emma an einen Punkt gekommen, an dem ihr klar geworden ist:

"Okay, ich frag jetzt einfach jemanden um Rat. Ich kriege das so selber jetzt nicht hin und dann hab ich einfach mal gegoogelt, ob es da irgendwas gibt. Ich wusste schon, dass es immer irgendeine Form von Studienberatung gibt und dann gab es auch psychologische oder psychosoziale Beratung."

Neue Konzepte, damit Erkrankte trotzdem ihr Studium beenden

Für Betroffene wie Emma und Kathi, aber auch für Menschen mit einer körperlichen Einschränkung würden die Hochschulen gerade Richtlinien erarbeiten, damit das Studium weiter fortgesetzt und zu einem Abschluss geführt werden kann, sagt Psychologin Gaby Jungnickel vom Studentenwerk Köln:

"Wo man versucht zu schauen, für welche Art der Beeinträchtigung können wir welche Formen des Nachteilsausgleichs gewähren. Ob man eine schriftliche Leistung in eine mündliche zum Beispiel ummünzen kann, oder ob es eine Zeitverlängerung gibt."

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Jungnickel arbeitet seit über 24 Jahren in der Beratungsstelle. Sie hat dabei nicht nur beobachtet, dass Studierende mit psychischen Problemen offener umgehen. Auch die Professoren und Dozenten seien dafür sensibler geworden. Eines sei aber über die Jahre gleich geblieben:

"Der Anteil der Frauen, die zu uns kommen im Vergleich zu den Männern, ist immer ungefähr zwei zu eins, zwei Drittel Frauen ein Drittel Männer."

Generell sind Frauen häufiger in psychotherapeutischer Behandlung oder psychisch erkrankt. Die Wissenschaft diskutiert noch, woran das liegt.

Eine Theorie ist: Die Pubertät sei für Mädchen schwieriger als für Jungs, deshalb komme es häufiger zu psychischen Erkrankungen. Ein anderer Erklärungsversuch: Frauen würden möglicherweise eher dazu stehen, wenn sie psychische Probleme hätten.

Gaby Jungnickel weist aber darauf hin, dass das Geschlechterverhältnis sich auch in der vom Studentenwerk angebotenen Online-Beratung nicht unterscheide. Zudem liege ihre Beratungsstelle in der Nähe von Fakultäten, an denen mehr Studentinnen eingeschrieben seien.

"Von der Universität zu Köln kommen nämlich 27 Prozent unserer Ratsuchenden aus der philosophischen Fakultät und genauso viel aus der humanwissenschaftlichen Fakultät. 15 Prozent aus der WiSo-Fakultät, elf Prozent Jura und zirka sieben Prozent aus der medizinischen Fakultät."

Unterschiede zwischen Naturwissenschaftlern und Geisteswissenschaftlern

Aus den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern, den sogenannten MINT-Fächern, seien es eher weniger Studierende. Das gilt für die Universität zu Köln, allgemeine Zahlen des Studentenwerks Deutschland gibt es dazu nicht.

Bekannt ist aber, dass die MINT-Fächer die höchsten Abbruchquoten haben. 40 Prozent derjenigen, die ein Bachelorstudium in diesem Bereich beginnen, beenden es nicht. Im Master verlassen generell weniger Studierende die Universität vorzeitig.

Außerdem fällt auf, dass vermehrt ältere Studierende Depressionen bekommen.

"Studenten die 18 Jahre alt sind, die jetzt gerade so Studienanfänger sind, dort haben nur zu 1,4 Prozent eine Depression. Wenn man aber schaut, zehn Jahre später, haben dieselben Studierenden dann schon zu 3,9 Prozent die Wahrscheinlichkeit, eine Depression zu bekommen",

sagt Ursula Marschall von der Barmer Ersatzkasse. Damit ist bei den Studierenden die Wahrscheinlichkeit, eine Depression diagnostiziert zu bekommen, von Anfang an leicht erhöht. Denn im Schnitt leidet nur jeder hundertste Deutsche an der Krankheit.

Je länger Menschen also studieren, umso höher die Wahrscheinlichkeit, psychisch krank zu werden. Auch Gaby Jungnickel von der Beratungsstelle des Studentenwerks beobachtet das.

Ein erschöpfter Mann sitzt im Dunkel an einem Schreibtisch vor einem Laptop. (imago / Westend61 / Gustafsson)Zwischen den Jahrgängen, die noch auf Magister studiert haben und den heutigen Bachelor- und Master-Studenten gibt es große Unterschiede. (imago / Westend61 / Gustafsson)

Einen bedeutenden Unterschied bemerkt sie zwischen den Jahrgängen, die noch auf Magister und Diplom studiert haben und den heutigen Studierenden. Die Probleme seien früher andere gewesen:

"Als großes Thema hatten Langzeitstudierende die Organisation ihres Studiums oder das Herangehen an als schwierig empfundene Themen im Studium, das Hinauszögern und dann standen sie oft nach 15, 18 Semestern da und hatten noch diese eine Horrorklausur vor sich, weil sie die bisher umschiffen konnten."

Permanent in Prüfungssituationen

Das sei heute, mit Bachelor und Master, gar nicht mehr möglich. Denn die Studierenden befänden sich durch die Organisation der Studiengänge permanent in einer Prüfungssituation.

13.05.2019, Baden-Württemberg, Remshalden: Schüler melden sich im Unterricht. Foto: Sebastian Gollnow/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Sebastia Gollnow ) (picture alliance / dpa / Sebastia Gollnow )Seelsorge - Notfalleinsätze an Schulen nehmen zu
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Die Folge laut Deutschem Studentenwerk: Das Studium wird früher abgebrochen. Das kann für die Universität und die Betroffenen auch Vorteile haben, Studienplatzkapazitäten werden nicht so lange blockiert und Studierende quälen sich nicht mit einem Studium, das ihre psychische Verfassung beeinträchtigt. Gaby Jungnickel:

"Natürlich ist Studienabbruch etwas, was auf jeden Fall vermieden werden sollte, aber manchmal ist es tatsächlich die Ultima Ratio, wenn jemand kommt und in einem Studium gelandet ist, das überhaupt nichts für ihn ist."

Studentenwerk: "Das Soziale spielt in der Hochschulpolitik keine Rolle"

Die Abbruchquote so gering wie möglich halten, das ist das Ziel des "Hochschulpaktes 2020". Er ist einer von drei Pakten zwischen Bund und Ländern, durch die Wissenschaft und Hochschulen gefördert werden sollen.

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Ursprünglich hatte der Bund den Ländern Geld gegeben, um mehr Studienplätze zu schaffen. Denn vor zehn Jahren haben in Deutschland noch zwei Millionen Menschen studiert, mittlerweile sind es drei Millionen:

"Und was dazugekommen ist, dass man mit diesen sogenannten Hochschulpaktmitteln auch bestimmte qualitative Zielsetzungen verbunden hat. Unter anderem auch eine Rate, die die Länder möglichst nachweisen sollen in Bezug auf die Verbesserung der Lehre und auch die Unterstützung, dass es da nicht so viele Studienabbrüche gibt."

Sagt Ernst Dieter Rossmann, Bildungspolitiker und SPD-Bundestagsabgeordneter.

Das reicht aber nicht, findet Peter Grob vom Deutschen Studentenwerk:

"Man kann es nicht anders nennen, das Soziale spielt bisher in der Hochschulpolitik keine Rolle. Die ist jetzt gerade stark auf Exzellenz und Forschungsförderung und exzellente Forschung ausgerichtet, wogegen wir nichts haben, aber in dieser Hochschulpolitik spielt das Soziale keine Rolle und das müsste vielmehr in den Mittelpunkt rücken."

(wishzones | photocase.de)Wenn die Krise nicht so schwer ist, können auch Methoden wie regelmäßige Meditation oder autogenes Training helfen. (wishzones | photocase.de)

Bei den meisten Menschen falle das Studium in eine Zeit, in der sie sich privat stark entwickeln würden, sagt die Psychologin Gaby Jungnickel vom Kölner Studentenwerk. Wohnungssituation, Freunde, Partnerschaft – das kann sich alles verändern. Die universitären Rahmenbedingungen müssten deshalb so sein, dass die jungen Studierenden ihr Potenzial voll ausschöpfen könnten.

"Je mehr Studierende ihr Studium gut bewältigen und auch eine gute Erinnerung daran haben, dass das eine wertvolle Zeit für ihre persönliche aber auch für ihre geistige und intellektuelle Entwicklung war, umso wertvoller wird ihr Beitrag sein, den sie in der Gesellschaft, an welcher Position, auch immer einbringen werden."

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Ein Teil der Gesellschaft sein, das möchte auch Kathi, die bis heute unter Angststörungen leidet. Sie arbeitet mittlerweile als freie Texterin.

"Ich definiere mich ganz, ganz doll über das Arbeiten und darüber, irgendwie einen Wert in dieser Gesellschaft zu haben, Leistung zu erbringen. Aber auch nicht nur deswegen, ich arbeite auch wirklich gerne."

Viele Studierende, die psychisch krank sind, haben es schwer auf dem Arbeitsmarkt.

Das Phänomen ist auch bei älteren Arbeitnehmern zu beobachten: Auf Grund von psychischen Erkrankungen erhielten 2017 71.000 Menschen in Deutschland eine frühzeitige Rente. Anfang der 1990er Jahre waren es nur 41.000 Menschen.

"Da sieht man ja einen sehr deutlichen Trend in den letzten Jahren", sagt Andrea Benecke, Vizepräsidentin des Vorstandes der Bundespsychotherapeutenkammer.

"Dass Erwerbsminderungsrenten und Arbeitsunfähigkeitszeiten durch psychische Erkrankungen zunehmen und zwar massiv und kontinuierlich. Und das wiederum bedeutet einen wirklich großen ökonomischen Schaden."

Abwägen, ob eine Therapie wirklich nötig ist

Aber Benecke geht nicht davon aus, dass in Deutschland generell mehr Menschen unter Depressionen, Angststörungen und ähnlichem leiden als früher:

"Also wir haben durch viele Untersuchungen belegt, dass ein Prozentsatz von ungefähr 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung innerhalb eines Jahres an einer psychischen Erkrankung erkrankt. Und das ist über viele Jahre im Grunde sehr stabil geblieben."

Das gelte auch für Studierende. Dass Depressionen und Angststörungen mittlerweile diagnostiziert werden, hänge unter anderem damit zusammen, dass Ärzte mittlerweile sensibler seien, was das Erkennen dieser Krankheiten angehe.

Eine durchschnittliche Psychotherapie kostet die Krankenkasse 3.700 Euro. Ursula Marschall von der Barmer Ersatzkasse ist der Meinung, dass Studierende mit einer leichten Depression nicht gleich einen Therapeuten oder Medikamente brauchen.

Eine Frau sitzt erschöpft in einem Büro. (dpa / picture alliance / Klaus-Dietmar Gabbert)Manchmal sind die Ansprüche an sich selbst einfach zu hoch. (dpa / picture alliance / Klaus-Dietmar Gabbert)

"Meditation ist eine Möglichkeit. Man kann im gleichen Atemzug nennen: Autogenes Training, Yoga, Tai-Chi, Qigong, Muskelentspannung nach Jacobsen. Das sind auf jeden Fall Angebote, die mir bei leichteren Krankheitsformen reichen. Da muss ich nicht in die Psychotherapie."

Bei Kathi war es anders. Nach dem Studienabbruch kam sie nur mit Hilfe vieler Therapiestunden wieder auf die Beine, an der Fernuniversität konnte sie ihr Studium der Literaturwissenschaften beenden.

"Ich war halt eine ganz lange Zeit an mein Zuhause gefesselt. Und konnte so gut wie gar nicht rausgehen. Und wenn es die Fernuni nicht geben würde, dann wäre ich halt im Nichts gelandet."

In der Beratungsstelle des Studentenwerks Köln wurde auch der Fremdsprachenstudentin Emma letztendlich empfohlen, eine Psychotherapie zu beginnen. Um die Ängste, die während des Masterstudiums aufkamen, zu behandeln.

Die Beratungsstelle hat ihr aber vorher schon sehr geholfen, zum Beispiel durch die Empfehlung, einen bevorstehenden Umzug in eine andere Stadt, der sie stark stresste, nicht anzutreten.

"Ich verstehe gar nicht, wieso man das so sehr selber bewältigen will, wenn man spürt, dass man irgendwie Hilfe braucht. Ich finde, dann sollte man auf jeden Fall hingehen."

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