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StartseiteCorso"Als wäre ich bei ihnen zuhause"28.03.2020

Ästhetik des Home-Recordings"Als wäre ich bei ihnen zuhause"

Musik aus den eigenen vier Wänden gab es schon früher. Allerdings nicht live und digital. Im Rauschen sogenannter Home-Recordings liegt die Blaupause heutiger Musikstreams und eine Nähe, die sonst allenfalls ein Live-Konzert vermittelt.

Von Robert Rotifer

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Tonbandgerät (AP Archiv)
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Ein Mann sitzt am Klavier, zu Hause in seinem Heimstudio. Er trägt eine Wollmütze, das wirkt formlos und gleichzeitig so, als sei er sich darüber bewusst, dass er gefilmt wird und Millionen Menschen ihm zusehen. Während er singt, fliegen ihm auf dem Bildschirm die virtuellen Herzen und Küsschen seiner Fans zu.

Eine professionelle Performance für die Kamera

Hashtag "Together at Home", das ist das Format, mit dem Superstars wie hier Chris Martin von Coldplay ihre Verbundenheit zu ihrem sich in Isolation befindenden Publikum demonstrieren. Und es ist, wie das bei Gesten der Authentizität so oft der Fall ist, das reine Gegenteil davon, was es zu zeigen behauptet. Nämlich nicht natürlich, nicht persönlich, sondern eine professionelle Performance für die Kamera.

Mitten im Getümmel dieser Instagram-Seligkeit virtuell geselliger Popstars erschien letzte Woche aber auch ganz unauffällig ein digitales Album, das ganz sanft daran erinnerte, dass die Wohnung des Künstlers in der Welt der Musikkonserven immer schon ein wichtiger Schauplatz war.

Es gibt keine Bilder zu den "Songs from the Apartment" des kanadischen Singer-Songwriters Jerry Leger, nur die vom Klang suggerierte Vorstellung eines Raums rund um ihn. Leger hat diese Songs nicht in Quarantäne geschrieben, sie stammen aus einer privaten Sammlung unveröffentlichter Stücke, verewigt auf demselben einfachen Aufnahmegerät, in das er seine Antworten auf meine Fragen spricht. Zum Beispiel, wie sich für ihn selbst die Begegnung mit diesen Songs anfühlte.

"Manche davon überraschten mich ziemlich. Es war so, als würde ich mir von außen zusehen. Wir empfinden also etwas Ähnliches dabei, und um dieses gemeinsame Gefühl abzubilden, habe ich "Songs From the Apartment" zusammengestellt."

Der spezifische Charakter des Home-Recording

Dank der technologischen Sprünge der letzten Jahrzehnte ist die Aufnahme zuhause schon lange nicht mehr zwingend mit einem ungeschliffenen Lo-Fi-Sound verbunden. Spätestens seit der elektronischen Revolution der Neunziger haben die Heimstudios in Sachen Klangqualität zu den professionellen Studios aufgeschlossen. Der spezifische Charakter des Home-Recording liegt heute also nicht mehr im Schauplatz selbst, sondern in der bewussten Entscheidung, ihn hörbar zu machen.

So wie etwa Bruce Springsteen, der 1982 zeitgleich mit hyperpolierten Alben wie "Thriller" von Michael Jackson oder "Toto IV" von Toto, ein zuhause auf einem Vierspurkassettengerät aufgenommenes Album namens "Nebraska" herausbrachte.

Jerry Leger hat noch ein früheres klassisches Beispiel für Homerecording-Ästhetik anzubieten.

"Die Basement Tapes sind das große Beispiel. Das ging direkt auf die Bandmaschine."

Die Basement Tapes, aufgenommen von Bob Dylan & The Band 1967 im Keller desselben Hauses, das sie bewohnten, waren allerdings so nicht zur Veröffentlichung gedacht gewesen, und sie entstanden auch nicht wirklich im Wohnraum, im Gegensatz zu Jerry Legers nächstem Beispiel aus dem Jahr 1970.

"Plastic Ono Band, John Lennons erste Soloplatte nach dem Ende der Beatles, endet mit einer Heimaufnahme von 'My Mummy's Dead'. Das ist ein Song, der einen erzittern lässt in seiner Rohheit, seinem Inhalt und dem darin festgehaltenen Gefühl."

Und wenn Jerry Leger schon John Lennon erwähnt, muss der Fairness halber auch gesagt werden, dass dessen Partner und Rivale Paul McCartney 1970 ein gänzlich zuhause aufgenommenes Solo-Album veröffentlichte, das einiges von der Lo-Fi-Ästhetik der Zukunft vorwegnahm. Beide aber hatten dabei wohl auch die Platten alter Blues-Sänger im Ohr. Robert Johnson etwa nahm spätere Klassiker wie diesen 1936 in einem Hotelzimmer in San Antonio auf, und das wird auch in der Atmosphäre dieses Tondokuments hörbar.

Als wäre man mit ihm in einem Raum

"Es fühlt sich so an, als wäre man mit ihm in einem Raum, und das höre ich auch von Leuten, die mir ihre Reaktionen auf 'Songs from the Apartment' schicken. Es ist, als wäre ich bei ihnen zuhause. Das tut gut in einer Zeit, wo wir einander draußen nicht treffen können. Ich bin glücklich, dass es manchen Leuten hilft. Ich weiß, dass es auch für mich letzte Woche ein bisschen therapeutisch war."

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