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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Kandidatenkür wird eine Richtungsentscheidung05.05.2021

AfD-SpitzeDie Kandidatenkür wird eine Richtungsentscheidung

Mit einem von zwei Spitzenduos will die AfD in den Bundestagswahlkampf ziehen. Damit ist der Lagerkampf vorprogrammiert, meint Nadine Lindner. Gut möglich, dass sich die Partei von den lauten Tönen aus dem Höcke-nahen Lager verführen lässt, statt auf das moderatere Meuthen-nahe Duo zu setzen.

Ein Kommentar von Nadine Lindner

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Das AfD-Spitzenkandidaten-Duo Fraktionsvorsitzende Alice Weidel und Co-Parteichef Tino Chrupalla (dpa / Kay Nietfeld)
Das AfD-Spitzenkandidaten-Duo aus der Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel und Co-Parteichef Tino Chrupalla steht dem Höcke-Lager nahe (dpa / Kay Nietfeld)
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Zwei Teams treten im innerparteilichen Wettstreit um die Spitzenkandidatur an, der bis zum 24. Mai online ausgetragen wird. Da sind Tino Chrupalla und Alice Weidel, die als Parteichef und Fraktionschefin als politische Schwergewichte antreten und beide dem ehemaligen Flügel rund um Björn Höcke nahestehen.

Zweites Duo gehört zum Meuthen-Lager

Auf der anderen Seite ist das Duo Ioana Cotar und Joachim Wundrak, das nur wenigen bekannt ist. Cotar ist Digitalpolitikerin in der Bundestagsfraktion, Wundrak ehemaliger Generalleutnant bei der Bundeswehr. Beide zählen zum Meuthen-Lager, ihre Aussichten sind überschaubar.

Die Delegierten zeigen in der Dresdener Messehalle beim Bundesparteitag der AfD in Dresden ihre Stimmkarten am 10.04.2021. (picture alliance / Revierfoto) (picture alliance / Revierfoto)Mit welchem Programm die AfD in die Bundestagswahl zieht
Das Programm der AfD für die Bundestagswahl steht – und in vielen Punkten wurden die Positionen der Partei verschärft. Forderungen sind unter anderem ein EU-Austritt Deutschlands und eine vollständig andere Corona-Politik. Vorerst gibt es aber keinen Spitzenkandidaten.

Die Kandidatenpaare könnten unterschiedlicher nicht sein. Drei Dinge kann man daraus über den Zustand der Partei lernen. Erstens: Die AfD ist gespalten wie nie. Die Kandidatenkür ist eine Richtungsentscheidung. Das hatte man lange verhindern wollen. Ursprünglich hatte vor allem Co-Parteichef Jörg Meuthen darauf gedrungen, beide Lager in einem Spitzenduo abzubilden – Chrupalla und Cotar hätten es als Zweckgemeinschaft versuchen sollen, um Wählerstimmen zu maximieren und die Grabenkämpfe wenigstens bis zu Wahl abzumildern. Diese Hoffnung kann die Partei nun begraben. Chrupalla lehnte diesen Kompromiss ab.

Cotar und Wundrak haben allenfalls Außenseiterchancen

Zweitens: Die Kandidaturen geben einen Hinweis auf Eigen- und Fremdwahrnehmung der Partei. Cotar und Wundrak stehen dafür, wie viele ihrer westdeutschen Vertreter die AfD gerne sehen: fachpolitisch versiert, mit Nähe zu hochrangigen Militärs, angriffslustig gegenüber der Bundesregierung, aber immer noch moderat genug, um anschlussfähig an breite Wählerschichten zu sein. Doch Cotar und Wundrak haben allenfalls Außenseiterchancen.

Alice Weidel und Tino Chrupalla, mit seiner Unterstützung der Ost-Landesverbände hingegen stehen dafür, wie die AfD vor allem auftritt: Mit provokanten Aussagen, zuweilen rhetorisch giftig und ohne klare politische Antworten auf die Krisen dieser Zeit. Trotzdem könnten sie erfolgreich sein. Oft genug hat die Partei gezeigt, dass sie sich von lauten Tönen verführen lässt. Trotz möglicher Skepsis in Westlandesverbänden – am Ende wollen viele an der Basis doch bei lieber den Gewinnern stehen, Flügel-Nähe hin oder her.

Höcke-nah und erfolgreich: Alice Weidel und Tino Chrupalla

Und die dritte Erkenntnis: Co-Parteichef Jörg Meuthen ist beschädigt. Er hatte sich vehement für ein lagerübergreifendes Duo aus Chrupalla und Cotar eingesetzt – und ist nun gescheitert. Chrupalla und Weidel sind innerhalb des Bundesvorstands seine Gegner. Das Verhältnis der Co-Parteichefs gilt als völlig zerrüttet.

Beim nächsten Parteitag im Spätherbst 2021 muss die Parteispitze neu gewählt werden. Noch ist unklar, ob Meuthen noch einmal antritt. Auf dem Parteitag in Dresden im April hat Björn Höcke bereits dem Wahlprogramm seinen radikalen Stempel aufgedrückt. Nun könnte es ein ihm genehmes Spitzenduo geben. Möglicherweise ist die Kandidatur von Chrupalla und Weidel bereits als Wette auf eine Zeit nach Jörg Meuthen zu verstehen.

Nadine Lindner, Deutschlandradio Hauptstadtstudio, Juli 2019 (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Nadine Lindner - Dlf-Korrespondentin im Hauptstadtstudio Berlin (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Nadine Lindner, Jahrgang 1980, studierte Politikwissenschaft, Afrikanistik und Journalistik in Leipzig und Lissabon. Nach Stationen beim Ausbildungssender der Universität Leipzig mephisto 97.6, der "FAZ" und dem MDR folgte ein Volontariat beim Deutschlandradio. Von 2013 bis 2015 war sie Landeskorrespondentin im Studio Sachsen. Heute arbeitet sie als freie Korrespondentin im Hauptstadtstudio und ist für die AfD sowie für die Verkehrspolitik zuständig.

 

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