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StartseiteCampus & KarriereLernen, wie gutes Regieren funktioniert22.01.2014

Afghanische Studenten in DeutschlandLernen, wie gutes Regieren funktioniert

Konfliktmanagement und Korruptionsbekämpfung heißen Fächer, die auf den Stundenplänen von Edris Arib und Abdul Wahab Sarwary stehen. Die beiden Afghanen studieren in Erfurt Internationale Politik. Von ihrem Studium versprechen sie sich Wissen für den Wiederaufbau in ihrer Heimat.

Von Ronny Arnold

Abdul Wahab Sarwary (l.) und Edris Arib vor einer Pinnwand an der Universität, in die Kamera blickend (Ronny Arnold)
Abdul Wahab Sarwary (l.) und Edris Arib aus Kabul studieren in Erfurt (Ronny Arnold)
Weiterführende Information

Afghanistan - Schicksalsjahr für ein unruhiges Land (Deutschlandfunk, Kulturfragen, 12.1.2014)

Afghanisches Tagebuch - Zweitausendvierzehn (DRadio Wissen, Globus, 10.1.2014)

Zwischen Computerexperten und Analphabeten (Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 12.11.2013)

"Zum Studieren ist Erfurt perfekt, es ist eine Studentenstadt. In Afghanistan habe ich in Kabul gelebt und dort als juristischer Berater zwei Jahre und zehn Monate für die Europäische Union gearbeitet."

So langsam kommt Edris Arib an in Erfurt, die ersten Vorlesungen und Seminare an der Willy Brandt School liegen hinter ihm. Seinen Job in Kabul hat der 27-Jährige für mindestens zwei Jahre aufgegeben, seine Familie zurückgelassen, um in Erfurt internationale Politik zu studieren und zu lernen, wie gutes Regieren funktioniert.

"Der Grund ist, dass ich hier von internationalen Professoren mehr lernen kann als bei meiner Arbeit in Kabul. Ich brauche mehr Wissen über politische Theorien und Handlungsansätze, weil wenn du Politik mitgestalten und die Demokratie voranbringen willst, musst du die Zivil- und die Menschenrechte genau kennen und verstehen. Die ersten Vorlesungen zeigen, dass hier individuell auf einzelne Probleme der Länder eingegangen wird. Das gibt uns mehr Möglichkeiten, unsere eigenen lokalen Probleme zu diskutieren."   

Neben Edris Arib sitzt der 33-jährige Abdul Wahab Sarwary - gemeinsam besuchen sie die Veranstaltungen des Masterstudiengangs "Public Policy and Good Governance".

"Es ist ein interdisziplinärer Kurs. Gutes Regieren ist in Afghanistan ein großes Problem. Deshalb hoffe ich, dass wir hier spezielles Wissen und einige Fähigkeiten bekommen, die wir später in unserer Heimat anwenden können."

Konfliktmanagement und Korruptionsbekämpfung

Insgesamt 75 Studierende aus 40 Ländern haben sich in diesem Semester neu an der Willy Brandt School eingeschrieben, hinzu kommen noch einmal ähnlich viele im zweiten Studienjahr. Sie kommen aus Industrienationen genauso wie aus weniger entwickelten Regionen, aus Schwellen- und Entwicklungsländern. Alle Kurse werden auf Englisch gehalten. Heike Grimm ist seit 2002 dabei. Die Professorin ist Gründungsmitglied der Schule, bildet Studierende im Bereich Public Policy aus.

"Sie wollen im Bereich öffentliche Verwaltung arbeiten, wollen sich vorbereiten auf eine höhere Führungsposition. Deshalb bieten wir an: Pflichtmodule wie "Strategisches Management", "Finanzmanagement", aber auch ethische Fragen in der Verwaltung, Korruptionsbekämpfung."

Konfliktmanagement, der Umgang mit Korruption, alles interessant für Edris Arib und Abdul Wahab Sarwary. Die Situation in Afghanistan beschreiben beide als schwierig, 2014 werde ein besonderes Jahr, weil sich die internationalen Truppen zurückziehen und das Land endlich auf eigenen Füßen stehen muss.

"Das größte Problem in Afghanistan ist die Bekämpfung des internationalen Terrorismus. 2014 wird vor allem interessant wegen der Präsidentschaftswahl, sie ist richtungsweisend für die Zukunft und sie hat einen direkten Einfluss auf alles, was in den letzten zehn Jahren in Afghanistan passiert ist."

Neue Politikansätze entwickeln

Afghanistan, Liberia, Ägypten, Syrien - es sind diese derzeit von Konflikten betroffenen Länder, die im Studium an der Willy Brandt School eine wichtige Rolle spielen. Man könne die Staaten nicht einfach miteinander vergleichen, so Heike Grimm, das sei auch eine Herausforderung für die Professoren.

"Wenn man daran denkt, Afghanistan, das ist jetzt ein Land, das sehr stark mit Korruption zu kämpfen hat, nicht nur von eigener, hier kommen auch die entwickelten Länder ins Spiel, durch Entwicklungshilfe wird auch viel Korruption geschaffen. Wir versuchen uns als Lehrende ein Bild zu machen, wie die Situation in dem Land ist, um dann Politikansätze zu entwickeln, die dort greifen können."         

Oft bekommt Heike Grimm sogar mit, wo ihre Studierenden später landen. Manche sieht sie plötzlich häufiger im Fernsehen, von anderen liest sie in der Zeitung.

"Wir haben eine Dame aus Afghanistan, die jetzt im Bereich Gender Policy bei den Vereinten Nationen arbeitet und sich sehr redlich bemüht, die Rechte der Frauen in Afghanistan stärker zu vertreten."  

Schlüsselwort Demokratisierung

1.500 Euro kostet der Erfurter Masterstudiengang pro Semester, allerdings bekommen etwa 50 Prozent der Studierenden ein Stipendium - die beiden Afghanen zum Beispiel vom Deutschen Akademischen Austauschdienst. Sobald Edris Arib und Abdul Wahab Sarwary in knapp zwei Jahren ihren Abschluss in der Tasche haben, wollen sie zurück nach Afghanistan. Arib weiß noch nicht genau, ob er später wieder für die EU arbeiten will, Sarwarys Pläne sind schon etwas konkreter.

"Ich möchte wieder für ein Entwicklungshilfe-Programm arbeiten. Es ist wichtig, die Menschen mitzunehmen, ihnen eine Stimme zu geben und sie zu mobilisieren. Das ist ein wichtiger Schritt, wir brauchen Transparenz und eine gute Regierungsarbeit. Viele Projekte haben in der Vergangenheit nicht so gut funktioniert, weil sie zu wenig die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigt haben. Das Schlüsselwort der Zukunft Afghanistans heißt: Demokratisierung."

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