Freitag, 13.12.2019
 
Seit 21:05 Uhr On Stage
StartseiteInterview"Dieses Angebot an die Taliban steht seit Langem"01.03.2018

Afghanischer Philosoph"Dieses Angebot an die Taliban steht seit Langem"

Der afghanische Präsident Ashraf Ghani hat vor einer Friedenskonferenz den Taliban angeboten, sich am Friedensprozess zu beteiligen. Das sei keine Kapitulation gegenüber den Taliban, sagte der afghanische Philosoph Masoud Rahel im Dlf. Dieses Angebot bestehe schon seit Langem und sei vernünftig.

Masoud Rahel im Gespräch mit Jasper Barenberg

Ein Militärfahrzeug versperrt die Zufahrt zum Anschlagsort. (AFP/Shah Marai)
Absperrung in der Nähe des Anschlagsorts (AFP/Shah Marai)
Mehr zum Thema

Frieden mit den Taliban? "Man kann und man muss mit ihnen reden"

Krieg in Afghanistan Pentagon verschweigt aktuelle Zahlen

Kämpfe in Afghanistan Meldungen, die es kaum noch in westliche Medien schaffen

Anschlag in Kabul Taliban zünden Bombe mitten im Stadtzentrum

Jasper Barenberg: Vor Kurzem erst haben die Taliban bei zwei Anschlägen in Afghanistans Hauptstadt Kabul 130 Menschen getötet. Wie die radikalen Islamisten überhaupt für den größten Teil der Gewalt verantwortlich gemacht werden, der seit dem Abzug der internationalen Schutztruppe vor gut drei Jahren immer weiter zugenommen hat. Die Taliban sind auf dem Vormarsch, kann man lesen. Sie kontrollieren Teile des Landes. Die Gotteskrieger wirken entschlossen, die Macht wieder an sich zu reißen. In dieser Situation bietet Präsident Ghani an, die Extremisten als politische Gruppe anzuerkennen, und er lädt die Taliban ein, sich am Friedensprozess zu beteiligen. Über dieses Angebot kann ich in den nächsten Minuten mit dem afghanischen Philosophen Masoud Rahel sprechen. Schönen guten Morgen, Herr Rahel.

Masoud Rahel: Guten Morgen, Herr Barenberg.

Barenberg: Herr Rahel, so weit ist ein Präsident in Kabul den Taliban ja noch nie entgegengekommen. Ist die Entscheidung von Präsident Ghani eine richtige Entscheidung?

Rahel: Ja, ich denke schon. Dieses Angebot steht seit Langem, dass man Taliban die Möglichkeit gibt, an dem afghanischen Friedensprozess sich zu beteiligen. Ich erinnere daran, seit Langem haben wir eine Verhandlung mit Hekmatyar eine Verhandlung geführt und die Partei Hizb-i Islami von Hekmatyar wurde anerkannt. Hekmatyar ist momentan in Kabul und kann sich an freien Wahlen beteiligen. Ähnlich gilt es für die Taliban, dass die Taliban im Kontext der vorhandenen afghanischen Verfassung, des bestehenden afghanischen politischen Systems als Partei anerkannt werden. Sie können sich zur Wahl stellen und das halte ich für einen vernünftigen Vorschlag. - Diese Angebote stehen seit Langem. Das ist auch nicht als ein Zeichen von Schwäche zu deuten.

"Dieser Vormarsch von Taliban, davon höre ich in deutschen Medien seit 2005"

Barenberg: Das wollte ich Sie gerade fragen. Ist das nicht auch lesbar als Kapitulation vor der Gewalt, wenn wir jedenfalls hören, dass die Taliban militärisch in der Offensive sind, dass sie ihr Territorium seit 2015 immer weiter ausgedehnt haben, und wir haben ja alle noch in Erinnerung die fürchterlichen Anschläge gerade Anfang des Jahres in Kabul, wo hunderte von Menschen getötet wurden. All das soll ja auf das Konto von Taliban-Extremisten gehen.

Rahel: Zuerst einmal: Dieser Vormarsch von Taliban, davon höre ich in deutschen Medien seit 2005. Wenn das stimmen würde, wie Taliban den Vormarsch fortsetzen, dann sollte Kabul heute in der Hand von Taliban sein. Im Gegenteil! Die Taliban haben in den letzten Monaten zweimal Friedensangebote an die Amerikaner gerichtet. Die neue Entwicklung in Afghanistan ist natürlich die Rede von Herrn Trump.

Die Afghanistan-Rede war sehr wichtig. Natürlich bin ich kein Anhänger von Herrn Trump, aber zum ersten Mal hat Trump ein Problem benannt, was die deutsche Regierung beharrlich verweigert zu benennen, nämlich das Pakistan und der pakistanische Geheimdienst die Taliban unterstützen. Mittlerweile gibt es darüber sogar ein Buch. Das Buch ist von Steve Cole und heißt "ISI". Es geht um den ISI und in diesem Buch geht es darum, dass der pakistanische Geheimdienst ISI seit 2005 überhaupt die Taliban wieder aufgebaut haben.

Ich habe die Taliban als die fünfte Kolonne von Pakistan bezeichnet und diese Bezeichnung gab es schon mal im "Spiegel", habe ich mal erfahren. Wir müssen mit diesem Klischee aufhören, dass die Taliban permanent auf dem Vormarsch sind. Ich höre übrigens in deutschen Medien nirgendwo etwas über die Rückschläge von Taliban. Die Tatsache, dass die Taliban in Helmand zurückgeschlagen worden sind, oder auch im Norden in Badachschan zurückgeschlagen worden sind – wir haben eine neue Offensive und die Taliban haben im letzten Monat zwei, drei Friedensangebote gemacht aufgrund der Tatsache, dass eigentlich die Offensive der afghanischen Armee Wirkung zeigt.

Es gibt Folgendes: Wir müssen die Sache nicht schönreden, aber wir müssen auch nicht die Sache so hoffnungslos hinnehmen. Das ist keine Kapitulation. Dieses Angebot an die Taliban steht seit Langem, dass sie sich am Friedensprozess beteiligen, und das halte ich für vernünftig.

Barenberg: Nun wissen wir alle, dass die Taliban seit ihrer Zeit der Herrschaft über Kabul und das Land für wirklich furchtbare Menschenrechtsverletzungen verantwortlich gemacht werden: die Unterdrückung der Frauen, Massaker, Menschenhandel, Drogenhandel. Wie könnte eine Verhandlungsbasis aussehen zwischen den Taliban und der Regierung in Kabul?

Rahel: Das ist eine sehr gute Frage, die Sie stellen. Die Verhandlungen könnten so aussehen: Die momentane bestehende afghanische Verfassung kann nicht geändert werden. Wir werden nicht eine Art Scharia-Republik in Afghanistan haben. Es geht nicht darum, dass die Taliban ihre eigene Scharia-Republik begründen. Wir haben schon sehr eine Verfassung ausgehandelt und in dieser Verfassung gibt es zum Beispiel das Recht der Frauen, individuelle Freiheiten, freie Wahlen, Parlament. Die gesamte politische Struktur bleibt bestehen.

"Die Deutschen stehen in einem strategischen Vakuum in Afghanistan"

Barenberg: Aber sehen Sie eine Chance, dass die Taliban, die bisher immer von einer Marionettenregierung in Kabul sprechen, einräumen werden und zustimmen werden, dass man diesen Verfassungsgrundsätzen erst mal zustimmt, die Regierung in Kabul anerkennt?

Rahel: Dafür müsste man erst mal eine politische Offensive anfangen. Ich bin der Meinung, dass die Deutschen in einem strategischen Vakuum in Afghanistan stehen. Wir sind eigentlich Zaungäste. Da sehe ich keine Initiative seitens Deutschlands, sondern nur noch standardisierte Aussagen. Präsident Ghani hat in seiner Rede darauf hingewiesen, dass die Taliban ein internationales Problem sind. Ein internationales Problem kann nicht im Rahmen einer nationalen Grundlage gelöst werden. Die Tatsache, dass der pakistanische Geheimdienst die Taliban unterstützt, solange das der Fall ist, gibt es keine Lösung für das Problem.

Und wir haben auch kein Druckmittel auf die Taliban. Tatsache ist, dass die Taliban in den letzten Monaten schwer unter Druck stehen seitens der Amerikaner und der Offensive der afghanischen Armee, und sie haben Angebote gemacht zum Frieden. Jetzt braucht man eine politische Offensive in dem Sinne, dass man Pakistan unter Druck setzt. Da sollte man auch eigentlich – ich habe das immer wieder betont – zwei Länder mit einbeziehen in diesen Prozess, nämlich China und Russland. Ohne Russland können wir das Problem gar nicht lösen. Es gibt positive Entwicklungen jetzt in diesem Kontext. Das sollte erwähnt werden. China hat angeboten, Afghanistan in dieses Seidenstraßen-Projekt einzubeziehen, und das bedeutet eine positive Entwicklung. Die zweite positive Entwicklung ist das Projekt TAPI. Da wird eine Pipeline von Turkmenistan durch Afghanistan nach Pakistan und Indien gebaut. Das ist dieses Projekt.

Barenberg: Herr Rahel, dann beenden wir dieses Gespräch mit diesem doch einigermaßen zuversichtlichen Ausblick auf die Möglichkeit der Regierung in Kabul, mit den Taliban über einen Frieden im Land ins Gespräch zu kommen. Ich danke Ihnen sehr für Ihre Einschätzungen heute Morgen.

Rahel: Danke schön.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk