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StartseiteKommentare und Themen der WocheWer redet, schießt nicht09.07.2019

Afghanistan-Konferenz in DohaWer redet, schießt nicht

Die Taliban haben rund die Hälfte Afghanistans unter ihrer Kontrolle, gleichzeitig wird die Sicherheitslage dort immer prekärer. Auf der Doha-Konferenz sprachen nun die verfeindeten Kämpfer zwei Tage miteinander. Ein kleiner Schritt in Richtung Frieden, kommentiert Silke Diettrich.

Von Silke Diettrich

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Mächtige Afghanen treffen bei der Konferenz in Doha auf eine Delegation der Taliban (AFP/ Karim Jaafar)
Mächtige Afghanen treffen bei der Konferenz in Doha auf eine Delegation der Taliban - nach 18 Jahren Krieg sind auch die Taliban zum Frieden bereit, meint Silke Diettrich. (AFP/ Karim Jaafar)
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Vor ziemlich genau einem Jahr haben die Menschen in Afghanistan mal für drei Tage gespürt, wie sich das anfühlt: Frieden. Zum islamischen Fest Eid lagen sich die verfeindeten Kämpfer in den Armen. Statt mit Waffen aufeinander zu schießen, haben sie miteinander Selfies geschossen. Der Waffenstillstand hat nicht angehalten, die Kämpfe gehen bis heute weiter. Aber seitdem hat es offiziell Gespräche gegeben, zwischen Vertretern der Taliban und den USA, meist in Doha, wo die Taliban eine Art politisches Büro unterhalten.

Die Taliban fordern von den USA, dass alle ausländischen Truppen ihr Land verlassen sollen, die USA wollen von den Taliban eine Zusicherung, dass keine internationalen Terroristen mehr einen Zufluchtsort in Afghanistan haben sollen. Aber das reicht nicht, um die Zukunft eines Landes zu formen. Was also wollen die Millionen Afghanen, die keine Waffen tragen? Und wie kann ein friedliches Afghanistan aussehen, in dem die jetzigen Feinde zusammen leben können?

Extremisten, Aktivistinnen, Politiker, junge Afghanen

Darüber muss doch geredet werden, und warum nicht in einem Ballsaal fern der Heimat, ohne die Angst im Nacken zu haben, dass eine Bombe explodieren könnte. In einer großen Runde saßen also zusammen: Extremisten, Aktivistinnen, Politiker, junge, studierte Afghanen. Einer von ihnen erinnert sich, wie er sich als kleiner Junge hinter seiner Mutter versteckt hat, aus Angst vor den Taliban. Nun sieht man ihn auf einem Foto mit den Führer der Extremisten diskutieren.

Diese Afghanen hatten noch nie die Gelegenheit, miteinander zu reden. Und was die Teilnehmer vor allem berichten: es sei menschlich zu gegangen. Das haben die verfeindeten Parteien seit Jahrzehnten wohl kaum übereinander sagen können. Niemand rechnet damit, dass das Blutvergießen in Afghanistan so schnell aufhört. Denn die Realität sieht im Land sieht anders aus als in dem Ballsaal in Doha. Einige, die nicht eingeladen waren, spotten: Man dürfe auf die Extremisten nicht hereinfallen, die auf einmal mit Messer und Gabel essen, englisch reden und sich am Tisch mit Frauen unterhalten. Aber die Teilnehmer, die dort waren, klingen alles andere als resigniert.

An den Taliban kommt niemand mehr vorbei

Denn jeder weiß: An den Taliban in Afghanistan kommt niemand mehr vorbei. Rund die Hälfte des Landes haben sie unter ihrer Kontrolle. Die Sicherheitslage im Land wird immer prekärer: jedes Jahr mehr Opfer, mehr Anschläge. 40 Prozent der Menschen sind arbeitslos. Die, die Arbeit haben, wissen nicht, ob sie am Abend wieder unversehrt bei ihrer Familie sitzen können.

Also brauchen die Afghanen den Frieden und selbst die Taliban seien mittlerweile dazu bereit. Zwei Tage reden, ohne aufeinander zu schießen, und alle Teilnehmer verlassen den Saal mit Optimismus. Das ist natürlich noch kein Friedensabkommen, aber immerhin ein kleiner Schritt in diese Richtung.

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